Erstellt am 27. Februar 2013, 00:00

„Wir sind schockiert“. Wienerstraße /  Die Familie, auf die der Wohnhausschütze aus Mattersburg geschossen hat, kann das Urteil nicht fassen: „zu milde“.

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Von Elisabeth Kirchmeir

MATTERSBURG / Am Freitag fand die Gerichtsverhandlung für den „Schützen von Mattersburg“ statt. Der Pensionist wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, die betroffenen Familien ist über den Urteilsspruch schockiert und leidet unter den Folgen des Vorfalls.

Eine gute Bekannte der Familie schildert: „Sie sind noch depressiv und befinden sich in psychiatrischer Behandlung.“

Die Familie selbst ist „über das Urteil schockiert. Es ist zu milde.“

Zur Verhandlung: Als sie am 26. November 2012 gegen 23.15 Uhr eine Explosion in der Wohnung hörten, dachten die türkischstämmigen Bewohner noch, eine Glühbirne sei zu Bruch gegangen. „Dann sahen wir aber, dass eine Kugel im Zimmer war“, berichtete der Großvater des zweijährigen Buben, in dessen Zimmer der Knall zu hören gewesen war.

„In dem Moment fiel der zweite Schuss und wir duckten uns“, berichtete er vorige Woche als Zeuge vor Gericht. Das „schlicht indiskutable Verhalten“ (so Richter Dr. Wolfgang Rauter) des 61-jährigen Schützen erregte österreichweit Aufsehen.

Gegen den Pensionisten war zunächst wegen versuchten Mordes ermittelt worden, er saß zwei Monate lang in Untersuchungshaft. Die Anklage lautete dann jedoch „nur“ auf versuchte schwere Nötigung und Gefährdung der körperlichen Sicherheit.

„Ich stand unter Druck. Meine Frau ist krank.“ 

„Welcher Teufel hat Sie geritten, so etwas zu tun?“, wunderte sich der Richter. „Ich stand psychisch unter Druck. Meine Frau ist schwer krebskrank, sie hatte sich schon des öfteren über den Lärm im Haus beschwert“, erklärte der Angeklagte. Deshalb habe er am 26. November zunächst bei den Familien im zweiten Stock geläutet und erklärt: „So geht es nicht weiter! Von Schießerei war keine Rede. Ich wollte ja niemanden verletzen oder töten…“

„Waren Sie damals alkoholisiert?“, fragte der Richter. „Nein! Gut aufgelegt!“, antwortete der Angeklagte. „Dann habe ich mich vertschüsst - das war’s dann…“

„Das war es noch nicht, sonst würden wir heute nicht hier sitzen“, warf der Richter ein. „Ich fuhr in den Garten, holte die Waffe und gab zwei Schüsse auf die Fenster ab“, setzte der Pensionist fort. Was er erreichen wollte, fragte ihn der Vertreter der betroffenen Familie. „Einen Denkzettel verpassen“, erklärte der Pensionist.

Kugeln drangen in  Kinderzimmer ein

Aus 50 Meter Entfernung schoss er auf das Wohnhaus. Die Polizei erhob danach, dass das Projektil auf einer Höhe von 2,31 Meter in das Zimmer eindrang und auf einer Höhe von 2,52 Metern neben der Zimmertüre in die Mauer einschlug.

Danach zielte der Mann auf die Mitte des Fensters der danebenliegenden Wohnung. Das Projektil drang auf einer Höhe von 1,54 Metern ins Zimmer ein, durchschlug die gegenüberliegende Zimmertüre und drang im Gang, in dem sich noch die Mutter des schlafenden Kindes befand, in die Mauer ein.

Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. „Ich habe auf die Rolllädenkästen gezielt“, gab der Schütze an. „Danach fuhr ich eine Runde mit dem Auto, ging in ein Lokal und trank ein paar Spritzer.“

Opfer benötigen 

„Ich habe Angst“, berichtete die Mutter des zweijährigen Buben. Sie sei in psychotherapeutischer Behandlung. Ihr Schwiegervater gab an: „Uns geht es nicht gut. Ich kann nicht mehr schlafen und komme deshalb in psychiatrische Behandlung.“ Er habe sogar Angst, weiterhin in Mattersburg zu wohnen.

„Aus Angst kann ich die Fenster auf der Straßenseite nicht mehr aufmachen“, sagte die Mutter des neunjährigen Buben. Auch sie ist in psychotherapeutischer Behandlung. „Meinen Kindern geht es schlecht. Mein Sohn kann nicht mehr am Schreibtisch am Fenster sitzen.“

„Ein stinknormaler  Täter, der ausrastet...“

„Die geschilderte Traumatisierung ist völlig nachvollziehbar“, meinte Staatsanwalt Dr. Wolfgang Swoboda in seinen Schlussanträgen. Er sprach von einem „stinknormalen Täter, den einmal die Nerven verlassen haben“ und der ausgerastet sei.

Der geständige Pensionist wurde zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und 5400 Euro Geldstrafe verurteilt, an die betroffenen Familienmitglieder muss er jeweils 100 Euro plus 500 Euro Aufwandsentschädigung pro Familie bezahlen. Das Urteil ist rechtskräftig.

Der Pensionist musste sich vorige Woche vor Richter Dr. Wolfgang Rauter verantworten.Kirchmeir