Potzneusiedl

Erstellt am 07. September 2016, 10:25

von Elisabeth Kirchmeir

Mord in Potzneusiedl: Angeklagter auf Intensivstation. Der Hauptangeklagte lag in der Intensivstation - die mutmaßliche Beitragstäterin wurde ausführlich befragt. Sachverständige analysierten die Gewalttat von Potzneusiedl.

Die Angeklagte im Gespräch mit ihrem Anwalt Werner Tomanek. Obwohl sie zugab, von den Mordabsichten des Hauptverdächtigen gewusst zu haben, bekannte sie sich nicht schuldig.  |  BVZ

„Der Prozess wirkt am heutigen Tage etwas amputiert“, leitete Staatsanwalt Roland Koch vorige Woche seine Ausführungen zur Anklage gegen die mutmaßliche Beitragstäterin im Mordfall Potzneusiedl ein. In der Nacht auf 6. September 2015 war eine 57-jährige Frau durch einen Stich in die Brust und mehrere wuchtige Schläge mit einer Stahlstange auf den Kopf getötet worden.

„Amputiert“ wirkte der Prozess, weil der Hauptangeklagte, dem der Mord zur Last gelegt wird, fehlte. Er ist in der Haft an Krebs erkrankt, weshalb bereits einmal der Termin der Hauptverhandlung verschoben werden musste.

„Zwischenzeitlich sah es so aus, als könnten wir die Verhandlung mit ihm durchführen“, berichtete Richter Wolfgang Rauter, Vorsitzender des Schwurgerichts. Zwei Tage vor dem neuerlichen Verhandlungstermin am 1. September habe der Patient jedoch einen Rückfall erlitten, er befand sich zum Zeitpunkt des Prozesses in der Intensivstation.

Irdische Gerichte nicht mehr zuständig?

„Es ist nicht ausgeschlossen, dass er sich vor der irdischen Gerichtsbarkeit nicht mehr verantworten muss“, erklärte Staatsanwalt Roland Koch.

Vor Gericht verantworten muss sich jedenfalls die mutmaßliche Beitragstäterin, eine 53-jährige Frau aus dem Bezirk Wien-Umgebung.

Sie war mit dem mutmaßlichen Haupttäter liiert gewesen und habe - so der Staatsanwalt - gewusst, dass dieser seine Lebensgefährtin in Potzneusiedl umbringen wollte. „Der Hauptangeklagte war der Begünstigte des Testaments des Opfers“, so Koch weiter. Das Mordmotiv seien „handfeste wirtschaftliche Gründe“ gewesen.

Ohne die Beitragstäterin hätte der mutmaßliche Mörder die Tat nicht begehen können, so der Staatsanwalt.

Kontaktaufnahme über Single-Börse

Die Frau, die den späteren Hauptverdächtigen über eine Singlebörse im Internet kennengelernt hatte, soll ihn in der Nacht zum 6. September 2015 zunächst zum Tatort gebracht und dann in Parndorf am Bahnhof auf ihn gewartet haben.

Im Auto des Opfers soll der Täter dorthin zurückgekehrt und einen GPS-Tracker sowie das Stahlrohr, mit dem er die Frau erschlagen haben soll, mitgebracht haben.

Den GPS-Tracker hatte die mutmaßliche Beitragstäterin angeblich für ihren Hund gekauft, der mutmaßliche Haupttäter soll den Peilsender dann im Auto der Potzneusiedlerin eingebaut haben, um ihre Wege zu kontrollieren.

Weil sie vom mutmaßlichen Mörder 465 Euro und eine Digitalkamera aus dem Besitz des Opfers entgegennahm, ist die Beitragstäterin auch wegen Hehlerei angeklagt.

Die 53-Jährige bekannte sich vor Gericht nicht schuldig. Sie habe sich vor dem Mann gefürchtet, gab die Angeklagte zu verstehen, zumal dieser ihr davon erzählt hatte, dass er in Südafrika die Mörder seines Sohnes getötet habe.

„Er schaute mich an und sagte: Ich habe schon einmal gemordet. Auf eine mehr oder weniger kommt es mir auch nicht an. Diese Message habe ich verstanden“, sagte die Frau vor Gericht.

In ihrem Tagebuch machte sie Notizen über die Mordpläne und dass sie ein Alibi liefern sollte.

„Der Hauptangeklagte sagt ja, er habe mit der Tat gar nichts zu tun“, berichtete Richter Wolfgang Rauter. Und wenn es bei den Befragungen eng werde, dann würde der mutmaßliche Haupttäter erklären, „das“ müsse seine Bekannte gewesen sein.

„Heute geht das über die Bühne!“

„Er sagte: ‚I bring‘ die Alte um!‘“, sagte die 53-Jährige vor Gericht aus. Wegen des aus seiner Sicht zu niedrig angesetzten Kaufpreises für das Haus in Potzneusiedl sei der Mann „fuchsteufelswild“ gewesen.

In der Nacht auf den 6. September 2015 habe der Mann sie aufgeweckt und gesagt: „Heute geht das über die Bühne!“

„Ist Ihnen klar, dass das Opfer heute noch leben würde, wenn Sie anders gehandelt hätten?“, sprach der Staatsanwalt der Frau ins Gewissen, die keine besonderen Gründe dafür angeben konnte, warum sie die Beziehung zu dem Mann, vor dem sie sich gefürchtet haben soll, nicht beendete. „Es war gelegentlicher Sex“, so die Frau.

Drei Sachverständige erstatteten beim Verhandlungstermin in der Vorwoche ihre Gutachten. Die Blutspuren sprachen dafür, dass keine Abwehr stattfand, erklärte einer der Experten.

Schläge und Stich waren für sich tödlich

Die Gerichtsmedizinerin berichtete über massive Schädelbrüche und einen Stichkanal, der die Lunge des Opfers viermal verletzte und bis zum Rücken ging. Sowohl die Verletzungen am Kopf, als auch der Stich in die Brust seien für sich tödlich gewesen.

Das Küchenmesser war, als die Polizei am Tatort eintraf, noch im Körper der Frau gesteckt.

Nach der Tat soll die Leiche so arrangiert worden sein, dass der Eindruck einer Sexualstraftat entstehen hätte können. Es gab aber keine Hinweise auf Verletzungen im Genitalbereich.

Die DNA-Sachverständige hatte an 90 Proben DNA-Analysen durchgeführt. Am Körper und am Nachthemd des Opfers fand man genetisches Material, die dem mutmaßlichen Haupttäter zugeordnet werden konnte, auf dessen Pullover befanden sich Spuren des Opfers.

Der Prozess wurde auf 14. September vertagt. Ob der Hauptangeklagte an der Verhandlung teilnehmen kann, ist unklar, voraussichtlich wird im Verfahren gegen die Mitangeklagte das Urteil gesprochen.