Erstellt am 05. September 2015, 08:54

von APA/Red

Nickelsdorf: Zwischen 2.500 und 3.000 Flüchtlinge angekommen. Nach Einschätzungen der Polizei sind während der vergangenen Stunden bei Nickelsdorf im Burgenland bisher zwischen zweieinhalb und 3.000 Flüchtlinge aus Ungarn nach Österreich gekommen, so Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil Samstagfrüh.

Die ersten Flüchtlinge am Grenzübergang Nickelsdorf  |  NOEN, APA

Ein Zug mit etwa 400 Personen habe Nickelsdorf bereits verlassen, ein weiterer mit ebenso vielen Flüchtlingen soll folgen.

Die Nova-Rock-Halle in Nickelsdorf sei mit 400 bis 500 Personen "überfüllt", weitere 400 bis 500 sollen nun nach Parndorf gebracht werden. "Es sind hier noch möglicherweise Tausend Leute, die am Lkw-Parkplatz warten", berichtete Doskozil.

Um etwa 04.30, 05.00 Uhr seien die ersten 400 Personen zu Fuß zum Bahnhof Nickelsdorf zu dem Zug gegangen, der mittlerweile abgefahren sei. "Es sind dorthin die zweiten Vierhundert unterwegs. Teilweise hat es sehr stark geregnet, jetzt nieselt es noch ein bisschen. Die Leute sind alle durchnässt", so der Landespolizeidirektor.

"Flüchtlingsströme reißen nicht ab"

Ich stehe direkt an der Grenze zu Ungarn und schaue hinunter. Die Ströme, die raufkommen, die reißen derzeit nicht ab", schilderte Doskozil. "Wir warten auf 17, 18 Doppelstockbusse, dass wir Leute weiterverbringen können nach Wien, vielleicht auch noch Richtung Deutschland."

Die Flüchtlinge seien "den Umständen entsprechend ruhig. Natürlich - wenn Busse kommen, wenn sie einsteigen können, entsteht natürlich ein bisschen eine Hektik", beschrieb der Polizeichef die Lage. "Aber dem Grunde nach ist diese Situation an und für sich einzig und allein deshalb so entstanden und offensichtlich deshalb teilweise ausgeufert, weil hier keine Kooperationsbereitschaft seitens der ungarischen Kollegen gegeben war", sagte Doskozil. "Infolgedessen mussten wir - und das schon seit zwei, drei Stunden - auch die Autobahn (die Ostautobahn A4) für die Lkw- und Pkw-Einreise sperren."

Die ersten über die Grenze gekommenen Flüchtlinge sollten zunächst mit einem Sonderzug der ÖBB nach Salzburg gebracht werden, sagte ÖBB-Sprecherin Sonja Horner Samstagfrüh. "Wir sind bereit", erklärte sie. Ein weiterer Sonderzug der Bahn stand in Bruck an der Laitha bereit. Sobald der erste abgefahren ist, wird dieser laut Horner nach Nickelsdorf gebracht. Mit diesem Sondergarnitur sollen dann weitere Flüchtlinge zum Wiener Westbahnhof fahren.

Zwischen 800 und 3.000 Personen erwartet

"Diese zwei Züge haben wir jetzt fix eingeplant", sagte Horner. Die weiteren Entwicklungen müsse man abwarten, noch sei die Lage nicht realistisch einschätzbar. Unterdessen erreichten nach Angaben der Sprecherin im Laufe der Nacht bereits in Bussen rund 100 Flüchtlinge den Wiener Hauptbahnhof.

Unterdessen trafen gegen 08.00 Uhr auf der ungarischen Seite der Grenze laufend weitere Busse mit Flüchtlingen ein. Die Flüchtlinge machten sich weiterhin zu Fuß auf den Weg von Hegyeshalom nach Nickelsdorf in Österreich. Der Strom der Menschen führte mittlerweile abseits der Autobahn zur Grenze. Dennoch blieben vorerst beide Fahrspuren in Richtung Österreich gesperrt.
Deutschland und Österreich lassen Flüchtlinge einreisen

Landespolizeidirektor-Stellvertreter Werner Fasching hatte zuvor erklärt, es würden insgesamt zwischen 800 und 3.000 Personen erwartet. In der Nacht waren laut Medien bereits elf Busse in Richtung Grenze aufgebrochen. Die Regierungen in Wien und Berlin hatten am späten Freitagabend zugesagt, die Flüchtlinge aus Ungarn "aufgrund der Notlage" nach Österreich und Deutschland einreisen zu lassen.

Ungarn stellt 100 Busse bereit 

Die ungarische Regierung hatte 100 Busse bereitgestellt. Die meisten waren für die Menschen am Budapester Ostbahnhof im Einsatz. Der erste Bus kam aus Zsambek, 33 Kilometer westlich von Budapest, wo besonders misstrauische Flüchtlinge zu Fuß Richtung Westen unterwegs waren. Sie hatten von mehreren zur Verfügung stehenden Bussen nur einen einzigen losfahren lassen - unter der Bedingung, dass auch Journalisten oder Aktivisten mitfahren.

Sie hatten Angst, dass die Regierung sie wieder in ein ungarisches Flüchtlingslager bringen wolle anstatt an die Westgrenze. Nachdem sie erfahren hatten, dass der erste Test-Bus an der österreichischen Grenze angekommen war, folgten sie in weiteren zehn Bussen.

Erst wollte niemand so recht glauben, dass die Busse wirklich zur Grenze fahren würden. "Vielleicht ist das nur wieder so ein Trick, um uns in ein Lager zu verfrachten", sagte ein junger Syrer. Die ungarischen Behörden hatten am Donnerstag rund 500 Flüchtlinge in einen vermeintlich zur Westgrenze fahrenden Zug gelockt, um sie gegen deren Willen in ein Flüchtlingslager zu bringen.

Doch als sich der Konvoi in Bewegung setzte, sprangen schließlich auch er und seine zwei Weggefährten in einen der Busse der Budapester Verkehrsbetriebe.

Einige ungarische Nachtschwärmer winkten den Abreisenden hinterher. Nicht wenige waren offensichtlich froh, die Fremden ziehen zu sehen. Doch es gab auch herzliche Abschiedsszenen zwischen Flüchtlingen und freiwilligen Helfern.

Amnesty bedankt sich für rasche humanitäre Lösung

In Zsambek hatten Hunderte Flüchtlinge Rast gemacht, die zuvor zu Fuß aus Budapest Richtung Westgrenze aufgebrochen waren. Am Donnerstag hatten Ungarns Behörden Flüchtlinge in einen vermeintlich zur Grenze fahrenden Zug gelockt, der dann von der Polizei in der Nähe eines Flüchtlingslagers gestoppt wurde, wohin die Migranten gegen deren Willen gebracht werden sollten.

Die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International Österreich" (AI) bedankte bei Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) für die rasche humanitäre Lösung einer Grenzöffnung für aus Ungarn kommende Flüchtlinge bedankt.

"Die rasche Bereitschaft, den in Ungarn so grausam schikanierten Flüchtlingen die Einreise noch in der Nacht zu gestatten, hat heute vermutlich Leben gerettet und die Menschenwürde der Betroffenen wiederhergestellt" erklärte Heinz Patzelt, Generalsekretär von AI Österreich, in einer Stellungnahme.

Gleichzeitig fordert Patzelt den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban auf, "umgehend die lebensgefährlichen und erniedrigenden Schikanen gegenüber Schutzsuchenden einzustellen und in Ungarn endlich menschenwürdige Bedingungen für Kriegsflüchtlinge sicher zu stellen."