Erstellt am 03. Juni 2015, 06:30

von Pia Reiter

Zum ersten Mal: SPÖ überholt ÖVP knapp. Nach 70 Jahren verliert die ÖVP ihre Mehrheit bei Landtagswahlen (-8,2%), SPÖ (-6,8%). FPÖ und Grüne legen zu.

Mit charmanter Unterstützung. Neusiedls ÖVP-Kandidat Stefan Kast kam mit Tochter Hermine zur Stimmabgabe in den Bauhof.  |  NOEN, zVg
Nachdenklich und mit gedämpfter Stimmung präsentierten sich Neusiedls Großparteien am Wahlabend nach Verkündigung des Ergebnisses. In der Stadt verlieren sowohl SPÖ (-6,8) als auch ÖVP (-8,2%) deutlich an Stimmen.

Und damit gibt es ein historisches Ergebnis: Zum ersten Mal in der Geschichte hat die SPÖ, mit 48 Stimmen zwar denkbar knapp, die ÖVP überholt.



Vizebürgermeisterin und SPÖ-Kandidatin Elisabeth Böhm sieht den Ausgang der Wahl „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, wie sie sagt: „Für die Stadt-SPÖ ist das ein schönes Ergebnis, aber das Landtagsmandat ist durch den Verlust des vierten Mandats im Bezirk futsch, das ist sehr bedauerlich für mich.“

Das Ergebnis sowohl in der Stadt als auch im Land habe sie dann aber überrascht: „Es war im Vorfeld eine sehr positive Stimmung, das war klar spürbar, wir haben viele Hausbesuche gemacht. Es war eine Herausforderung, aber ich fühle mich motiviert und gestärkt für die Gemeinderatswahlen 2017.“

Kast: „SPÖ und ÖVP wurden abgestraft“

Für Stefan Kast, ÖVP-Kandidat und Stadtparteiobmann, seht fest: „Im Bezirk sind wir mit einem blauen Auge davongekommen. Es geht jetzt auch in der Stadt darum, bestimmte Themen vermehrt aufzugreifen. Vor allem für Integrationsthemen müssen wir eine gesellschaftspolitische Strategie erarbeiten und vor allem mit dem Ohr mehr am Volk sein.“

An möglichen Spekulationen über zukünftige neue Aufgaben, will er sich nicht beteiligen: „Da muss man abwarten, was sich im Land tut. SPÖ und ÖVP wurden abgestraft. Durch den gesellschaftlichen Wandel muss sich die ÖVP neu positionieren. Ein erster Schritt ist getan, es müssen aber noch viele weitere folgen.“ Die Stadt-ÖVP wird sich laut Kast ab jetzt für die Gemeinderatswahlen vorbereiten.

Haider (FPÖ) spricht von „Denkzettelwahl“

Über einen deutlichen Stimmenzuwachs in der Stadt freut sich die FPÖ. Ulrike Haider, freiheitliche Kammerrätin und Drittplatzierte der FPÖ-Bezirksliste, spricht im Hinblick auf den Zugewinn von 5,04 Prozent (plus 266 Stimmen) auf 14,38 Prozent von einer „Denkzettelwahl“.

„Viele Wähler waren mit Sicherheit von der bisherigen Gemeindepolitik enttäuscht, die Stadt steht kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Vor den heutigen Verhältnissen hat unser Team bereits vor neun Jahren gewarnt. Damals wurde aber alles bestritten, nicht viele haben uns zugestimmt. Heute sehen viele Bürger Handlungsbedarf, da die momentane Lage auf die Kosten aller geht“, so Haider.



Auch die Grünen zeigen sich mit ihrem Ergebnis zufrieden, betont die Bezirkslisten-Zweite Alexandra Fischbach: „Ich sehe unseren Kurs in der Stadt bestätigt. Wir versuchen, mitzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Das ist ein Weg, der vom Wähler goutiert wird.“

Das Feedback, das sie im Wahlkampf bekommen habe, sei positiv gewesen: „Die Leute wollen kein parteipolitisches Hick-Hack. Sie wollen informiert werden und das tun wir. Wir haben immer davor gewarnt, die Stadtfinanzen zum Wahlkampf-Thema zu machen, weil die Lage einfach zu ernst ist“, meint Fischbach.

Grund zur Freude auch bei den NEOS, sie schafften in der Stadt auf Anhieb 5,6 Prozent. Der Neusiedler Gerald Richter kandidierte auf der Bezirksliste auf dem vierten Platz.
 


Zitiert: „Grund zum Jubeln ist das nicht“

„Ich habe mit meiner Partei und mit Stefan Kast und Herbert Rausch mitgearbeitet und mitgezittert. In Neusiedl gibt es ganz einfach schon länger ein breiteres Spektrum an Parteien. Diese haben uns bei dieser Wahl offenbar mehr Stimmen abgenommen, als der SPÖ. Grund zum Jubeln ist das natürlich nicht. Die SPÖ kann nur mit Elisabeth Böhm und ihrem Ergebnis auch nicht zufrieden sein. Außerdem glaube ich, dass die Landtagswahl nichts mit der Gemeinderatswahl zu tun hat. Bei der Gemeinderats- und Bürgermeister-Wahl wurden und werden die Persönlichkeiten der Stadt gewählt und da haben wir sicher das bessere Angebot - auch in Zukunft. Wir sind so viel gelaufen, wie noch nie bei einer Landtagswahl! Wir waren bei den Bürgern, in den Haushalten, haben telefoniert, SMS und Mails geschrieben und es gab innerhalb der Funktionäre eine sehr gute Stimmung! Unsere Themen waren aber offenbar nicht genug konkret für die Bürger, das müssen wir zukünftig besser machen!“
Neusiedls Bürgermeister und 2. Landtagspräsident Kurt Lentsch, der diesmal nicht mehr zur Landtagswahl angetreten ist.