Erstellt am 25. März 2015, 08:43

von Theresa Gsellmann

Bahnhof als Wohnung. Gemeinde und ÖBB suchen weiter nach Lösung für 55-Jährigen. Entscheidung soll am 22. April fallen.

Zuhause. Seit fast einem Jahr wohnt ein Obdachloser auf dem Kittseer Bahnhof: »Hab mir ja auch nicht freiwillig ausgesucht, dass ich hier bin.«  |  NOEN, Gsellmann

„Am 17. Mai feier‘ ich hier mein einjähriges Jubiläum, dann schmeiß ich eine Grillparty.“ Obwohl Herr F. seit fast einem Jahr unter widrigen Bedingungen auf dem Bahnhof in Kittsee lebt und von vielen Bewohnern angefeindet wird, hat er seinen Humor noch nicht verloren.

Doch viel zu Lachen hat der 55-Jährige nicht: Er lebt seit 10 Jahren ohne festes Heim und hat sich nach vielen Jahren, in denen er in Zügen durch die Gegend gefahren ist, im Mai des Vorjahres am Bahnhof von Kittsee angesiedelt

Sieben T-Shirts übereinander gegen die Kälte

„Mir wurde zwar schon ein Platz in einem Heim für betreutes Wohnen in Pama angeboten, den ich im übrigen auch selbst bezahlen hätte müssen, aber dafür fühl‘ ich mich trotz einiger gesundheitlicher Probleme noch lange nicht bereit.

Da bleib ich lieber in der Kälte“, erzählt Herr F im Gespräch mit der BVZ. Der Winter war sehr hart, aber es „hätte noch schlimmer kommen können“, sagt F.

Er sei für Temperaturen von bis zu Minus 25 Grad ausgerüstet gewesen - zusätzlich zu seinen sieben T-Shirts, die er täglich übereinander trägt, Pullover, Jacken, Leggings, Hosen und Decken habe er noch dicke Schlafsäcke, die ihn vor dem Erfrieren gerettet hätten. Sein ganzes Hab und Gut hat er in Plastiksäcken vor dem Bahnhofsgebäude verstaut. „Ich habe mir die Situation ja auch nicht freiwillig selbst ausgesucht, und im Moment kann ich hier nicht weg“, sagt der Mann.

Es gibt viele "Feinde, die mich bekämpfen"

Den Bahnhof in Kittsee habe er aus Gründen des „Selbstschutzes“ gewählt. Da bis 2 Uhr Früh Züge verkehren, ist die Station ständig besetzt, da fühle er sich sicher. Auf einem anderen Bahnhof wurde F. bereits Opfer eines Raubüberfalles.

Schon mehrmals haben die ÖBB und private Personen versucht ihn vom Bahnhofsgelände wegzubringen, Sitzbänke wurden abmontiert und versteckt, der Zugang zu Wasser- und Toilettenanlagen verweigert. Dass das Dach über dem Bahnsteig entfernt wurde und F. dadurch neben der Kälte auch noch Regen und Schneefall ausgesetzt gewesen wäre, konnte gerade noch verhindert werden.

Neben vielen „Feinden, die mich bekämpfen“ sieht Herr F. in SP-Bürgermeisterin Gabriele Nabinger eine Unterstützerin. Sie ist seit Längerem um das Problem bemüht. Aktuell wird darüber diskutiert, dem 55-Jährigen den ÖBB-Mannschaftsraum am Bahnhof zur Verfügung zu stellen.

100 Euro müsse F. als monatliche Miete für das kleine Zimmer mit Einbauküche und Dusche und WC bezahlen. Dieses Angebot würde er „sehr gerne annehmen, das könnt ich nicht ausschlagen“, sagt der Obdachlose. Doch noch ist es nicht so weit. Zwischen Gemeinde und ÖBB konnte noch keine Einigung erzielt werden, in der Gemeinderatssitzung am 22. April soll eine Entscheidung fallen, kündigt die Ortschefin an.


Reaktion

Das sagt die Liste Kittsee (LiKi) zur Situation am Bahnhof: „Seit über eineinhalb Jahren lebt auf dem Bahnhof Kittsee ein Mann mit deutlichem Hang zum Messie-Syndrom. Wie sich zwischenzeitlich herausgestellt hat, bezieht er eine geregelte Pension als ehemaliger Bundesheerbeamter. Es kann nicht sein, dass jemand, der plötzlich beschließt, am Bahnhof zu wohnen, dies auch kann, und die am Bahnhof wartenden Fahrgäste unter den inzwischen unmöglichen hygienischen Zuständen leiden. Ganz zu schweigen von der Sperre der ÖBB-Wartehalle und der öffentlichen Toiletten während der Wintermonate als Taktik der ÖBB.“