Erstellt am 10. November 2010, 00:00

Überdosis verschrieben. FREISPRUCH / Als die Patientin (17) das gesamte Substitol schluckte, ging es ihr schlecht. Die Ärztin trifft keine Schuld.

VON ELISABETH KIRCHMEIR

BEZIRK NEUSIEDL / Mit Entzugserscheinungen kam eine damals 17-jährige Jugendliche aus dem Bezirk Neusiedl im März 2008 in die Praxis der 50-jährigen Ärztin. „Ich nahm sie ins Substitutionsprogramm auf“, erklärte die Medizinerin.

„Freunde hatten mir gesagt, diese Ärztin verschreibt mir, was ich will“, gab die heute 19-jährige Patientin zu. „Ich sagte, ich nehme drei Stück Substitol pro Tag, aber das stimmte nicht.“ Die Ärztin verschrieb ihr dreimal 200 Milligramm Substitol pro Tag, die das Mädchen direkt in der Apotheke schlucken sollte.

„Ich habe die Kapseln unter der Zunge versteckt“, berichtete die junge Frau. Sie selbst habe alle ein bis zwei Tage nur eine Kapsel geschluckt. Den Rest habe sie weiterverkauft oder zu Hause gehortet.

Eine Praxis, die den burgenländischen Kriminalbeamten nur zu gut bekannt ist. Pro Kapsel sei ein Erlös zwischen 15 und 50 Euro zu erzielen. „Das ist ein toller Nebenverdienst“, so ein Ermittler.

Auch Staatsanwältin Beatrix Resatz äußerte ihre Bedenken: „Im Burgenland haben wir keine Heroin-Toten mehr, sondern nur mehr Substitol-Tote.“

Mutter überwachte die  Substitol-Einnahme

Als die Mutter der 17-Jährigen gehortete Tabletten und Spritzen fand, fragte sie die Ärztin um Rat. Es sei zu befürchten gewesen, dass sich die junge Patientin die Ersatzdrogen intravenös verabreichen könnte.

Die beiden Frauen vereinbarten, dass die Mutter die Ersatzdrogen von der Apotheke holen und der Tochter unter Aufsicht verabreichen sollte. „Ich war der Meinung, dass sie das schlucken muss“, erklärte die Mutter der jungen Frau. Völlig mit den Nerven am Ende habe sie eines Abends ihrer Tochter die volle Dosis von 600 Milligramm mit Gewalt eingeflößt. „Ich habe versucht zu erbrechen, weil ich wusste, dass die Dosis für mich zu hoch ist. Doch das gelang nicht“, sagte die junge Frau vor Gericht. Zwei Tage lang sei sie danach „komplett daneben“ gewesen. „Ich hatte Angst, dass ich sterbe, wenn ich einschlafe“, so die junge Frau. Danach wurde die Drogenersatztherapie abgebrochen.

Vorwurf der fahrlässigen  Körperverletzung

Die Ärztin musste sich nun wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Körperverletzung unter besonders gefährlichen Verhältnissen verantworten. Sie bekannte sich nicht schuldig. „Die Patientin hat diese Dosis bewusst eingenommen“, erklärte ihr Anwalt. „Ich ging den Substitutionsvertrag mit ihr Punkt für Punkt durch“, so die Ärztin.

„Es gab ausreichende Aufklärungsgespräche“, urteilte Richterin Karin Knöchl und sprach die Ärztin frei.