Erstellt am 12. Oktober 2011, 08:09

Jubiläum am Prüfstand. AUS VOLKSGRUPPENSICHT /  „90 Jahre Burgenland: Realität und Vision“ war das Thema einer wissenschaftlichen Konferenz.

 |  NOEN
OBERPULLENDORF / Anlässlich des 90. Geburtstages des Burgenlandes luden der Zentralverband Ungarischer Vereine und Organisationen in Österreich und die Stadtgemeinde am Freitag zu einer wissenschaftlichen Konferenz unter dem Motto „90 Jahre Burgenland: Realität und Vision“. Namhafte Historiker nahmen die Geschichte des Landes aus der Sicht der Volksgruppen unter die Lupe und versuchten auch deren Zukunftsaussichten zu beleuchten.

„Wenn wir heute vom Burgenland sprechen, ist es letztendlich eine Gewissensfrage, die wir uns stellen müssen“, meinte Ernö Deak, Präsident des Zentralverbandes Ungarischer Vereine. Ein Land aus dem Teil eines anderen landes loszureißen und dieses neu aufzubauen sei eine Frage der Verantwortung. Denn wie die deutschsprachige Mehrheit das Recht auf ein eigenes Land gehabt hat, habe sich auch die Frage gestellt, wie man mit dem pannonischen Erbe umgeht.

Und mit eben dieser Frage beschäftigten sich dann die Vorträge. Für die kroatische Volksgruppe stellt sich zum Beispiel aus der Sicht von Nikolaus Bencsics vor allem die Identitätsfrage, nachdem die Sprache als Identifikationsobjekt nicht mehr in dem Maße fungieren kann, weil weder Eltern noch Kirche oder Schule sich um deren umfassende Pflege und Weitergabe kümmern. „Heute identifizieren sich die Kroaten durch ihr Brauchtum und ihre Folklore“, so Bencsics. Für die ungarische Volksgruppe setzt der große Wandel aus der Sicht von Gerhard Baumgartner mit dem Zerfall der Bauerndörfer in den 60er-Jahren ein. „Die Sprachweitergabe von den Eltern zu den Kindern funktioniert schon lange nicht mehr und nun bricht auch die Sprachweitergabe von der Großmutter zu den Enkeln ab“, schildert Baumgartner.

„Ungarisch wird überleben,  lokale Dialekte untergehen“

 

Durch die Wende 1989 sei die Sprache von einer Sprache an der Grenze zu einer wieder begehrten geworden. Eine neue Bildungselite sei entstanden, die wieder Ungarisch kann und es habe einen massiven Zuzug von Ungarn nach Österreich gegeben. Durch die EU habe sich plötzlich auch die Minderheitenpolitik geändert, durchs Internet sei ein global village entstanden, durch das man überall Ungar sein könne. Baumgartners Fazit: „Die burgenländischen Ungarn werden untergehen, das Ungarische im Burgenland wird überleben. Die Präsenz des Ungarischen wird zunehmen, die lokalen Dialekte und die Volkskultur werden verschwinden.“

In Oberpullendorf gab es laut Volkszählung 2001 21,6 Prozent Anteil ungarischer Bevölkerung, wie Bürgermeister Rudolf Geißler in seinen Begrüßungsworten berichtete. Vor 20 Jahren waren es rund 24 Prozent gewesen. Der Anteil der burgenländisch-kroatischen Bevölkerung liegt in Oberpullendorf konstant bei 6 Prozent. „Bürgermeister in dieser Stadt kann nur jemand werden, der ungarische Wurzeln hat. Dieser Ausspruch wurde nicht vor 80 Jahren getätigt, sondern vor 10. Er zeigt, welche Bedeutung, das Ungarische in Oberpullendorf hat“, so Geißler. „So wie ein Baum mehrere Wurzeln hat, hat auch unser Dasein mehrere Wurzeln. Für Oberpullendorf ist eine starke Wurzel das Ungarische.“

Zentralverbands-Präsident Déak äußerte zum Jubiläum einen Geburtstagswunsch, der zugleich ein Appell war: „Das Burgenland ist unsere gemeinsame Heimat. Auch wir Kroaten und Ungarn sind Teil dieses Stück Europas. Sorgen wir dafür, dass trennende Grenzen auch in den Köpfen und Herzen abgebaut werden. 90 Jahre Burgenland sind ein Auftrag für einen Aufbruch, einander neu zu entdecken. Das Burgenland soll ein polyphones Land sein, in dem viele Stimmen und Töne zum Klang beitragen.“

Veranstalter und Vortragende: Ernö Déak (Präsident des Zentralverbandes Ungarischer Vereine), Gerhard Baumgartner, Nikolaus Bencsics, Imre Tóth, Organisatorin Elisabeth Wurst, Gerald Schlag, Bürgermeister Rudolf Geißler und Horst Haselsteiner waren am Wort. Das musikalische Rahmenprogramm bestritten das ungarische staatliche Volksensemble und die Tamburizzagruppe Hajdenaki.