Erstellt am 08. Januar 2015, 10:19

von Michaela Grabner

Kindergarten für drei Monate spielzeugfrei. Im Kindergarten Rattersdorf verzichtet man in den kommenden zwölf Wochen aufs Spielzeug.

 |  NOEN, Erwin Wodicka

Am 7. Jänner verabschiedeten die Kinder des Kindergartens Rattersdorf mit Pädagogin Ingrid Draskovits das ganze Spielzeug. Die Gemeindearbeiter brachten dieses in Kisten ins Feuerwehrhaus. Denn nach den Weihnachtsferien startete das Projekt „Spielzeugfreier Kindergarten“, das drei Monate dauern wird. In den ersten beiden Wochen dürfen die Kinder nur Polster und Decken von zu Hause zum Spielen mitbringen, auch die vorhandenen Möbel können zum Spielen genutzt werden, wobei gewisse Regeln vereinbart werden. Danach sind auch wertlose Materialien wie Klopapierrollen, Kartons und Steine erlaubt.

Während der spielzeugfreien Zeit wird im Kindergarten weder unter Anleitung gebastelt noch gesungen oder geturnt. Die Initiative zu sämtlichen Aktivitäten muss von den Kindern ausgehen. Die Pädagogin wird von der „Animateurin“ zur Begleiterin und Beobachterin. „Ich muss immer schauen, dass die Kinder selbst eine Lösung finden“, so Draskovits.

Kinder lernen selbst Initiative zu ergreifen

So können sich die Kinder selbst eine Turneinheit organisieren, indem sie den Vorschlag machen in den Turnsaal zu gehen und die Geräte dafür einfordern oder darum bitten, gemeinsam ein bestimmtes Lied zu singen. „Die Kinder können auch basteln. Aber wenn sie etwas dazu brauchen, müssen sie das sagen, zum Beispiel: Ich brauche eine Schere oder ich brauche Stifte. Die Kinder müssen einen vorgefertigten Plan haben, den sie umsetzen wollen“, erklärt Pädagogin Ingrid Draskovits. Und sie bekommen nur ein Zeichenblatt am Tag. „Es geht um Wertschätzung, Kinder müssen haushalten“, so Draskovits weiter.

Das Hauptaugenmerk des Projekts liegt aber auf Suchtprävention. „Sucht bedeutet nicht nur Drogen, sondern auch Einkaufen oder Handys. Die Kinder werden heute mit so vielen Reizen überflutet, dass sie nicht mehr wissen, was wichtig ist und was sie brauchen“, betont Draskovits. „Dass es mir gut geht, muss ich mich anderen kommunizieren, Kompromisse eingehen und mich manchmal unterordnen. Die Kinder gewinnen irrsinnig viel Selbstständigkeit. Dann können sie als Jugendliche sagen ‚Das will ich nicht“, wenn ein anderer sauft. Und sie lernen etwas mit sich selbst anzufangen.“

2006 hat Draskovits das Projekt „Spielzeugfreier Kindergarten bereits durchgeführt. Schon damals hat sie damit sehr positive Erfahrungen gemacht. Ein Mädchen, das zur Verständigung nur genickt und gedeutet hatte, musste plötzlich reden. „Und es hat funktioniert“, so Draskovits. „Die Zeit von null bis sechs Jahren ist für die Entwicklung die Wichtigste. Das Projekt ist sehr spannend. Ich freue mich schon darauf.“


Zum Projekt

Seit dem Jahr 1996 gibt es das Projekt spielzeugfreier Kindergarten im Burgenland. Das Projekt dauert drei Monate. Während dieser Zeit gibt es für die Kinder kein vorgefertigtes Spielzeug. Dieses wird weggeräumt. Die Kinder helfen auch mit, das Spielzeug wegzuräumen. Sie spielen in dieser Zeit mit Rohmaterialien, Decken, Polster, Tauen, usw., die sie auch von zu Hause mitbringen können.


Ziele des Projekts:

  • Förderung der Kreativität und Eigenentwicklung der Kinder

  • Förderung der sozialen Fertigkeiten

  • Förderung der Selbstständigkeit

  • Zeit für Emotionen

  • Zur Ruhe kommen können


Ergebnisse:

  • Deutliche Zunahme der Kommunikation der Kinder untereinander

  • Deutliche Zunahme der Kommunikation zwischen Kindern und Kindergärtnerinnen

  • Kinder sind auch ohne Animation durch die Kindergärtnerin aktiv

  • Kinder leben ihren Bewegungsdrang sehr gut aus

  • Kinder gönnen sich auch selber Ruhepausen


Quelle: Burgenländisches Suchtkonzept,  www.burgenland.at