Erstellt am 08. Oktober 2015, 06:07

von Vanessa Bruckner

Ein Blauer und 10 „Schwarze“. In einem abgelegenen Haus in Pinkafeld leben zehn irakische Flüchtlinge. Ihr Vermieter ist bekennender FPÖ-Wähler. Ein ungewöhnliches Sinnbild für Integration.

Naseweis. Die kleine Lena liebt die Männer, die im Haus ihres Papas wohnen und ist der unumstrittene Star im Haus. Fotos: Vanessa  |  NOEN, Vanessa Bruckner
x  |  NOEN, Thomas Koch/shutterstock
„Der macht das ja nur, weil er viel Geld dafür bekommt“, meint ein Herr aus der Ortschaft zu mir. René Stritzl wiederum macht´s eben nicht deswegen. Sagt er.

Und er weiß auch, wie die Leute in der Gegend darüber denken, dass er zehn Männer aus dem Irak in seinem Haus beherbergt.

„Die Leute werden immer reden, aber kaum jemand ist bis jetzt vorbeigekommen, um sich selbst ein Bild zu machen“, so der 36-Jährige.

„Ich bin Wähler der FPÖ-Pinkafeld,
aber kein Rechter.“
Rene Stritzl erklärt sich

Stritzls Untermieter sind zwischen 19 und 35 Jahre alt. Männer, die vor dem Krieg in ihrem Heimatland geflüchtet sind. „Ich war dort nicht mehr sicher. Fast täglich griffen die Terroristen mein Heimatdorf an“, erzählt der 20-jährige Ali.

Zehn Männer, die alles hinter sich gelassen haben. Auch ihre Familien. Ein Foto, das eine Frau mit drei entzückenden Mädchen zeigt. „Ich vermisse sie so sehr“, erzählt der Vater mit Tränen in den Augen. Er dachte, er finde schnell einen Job in Europa und könne seine Familie dann nachholen. „Die Überfahrt mit dem Boot wäre zu gefährlich für sie gewesen. Die Kleinste ist erst zwei Jahre alt.“

x  |  NOEN, Vanessa Bruckner


Die Wirklichkeit in Europa hat sich für die Männer aus dem Irak am Ende ganz anders als erhofft herausgestellt. Ein Müllermeister, ein Facharbeiter, der auf Bohrinseln nach Öl gesucht hat, ein Englisch-Lehrer, ein ehemaliger Soldat und Studenten sitzen da, im Halbkreis auf der Terrasse eines Hauses irgendwo zwischen den Ortszentren von Riedlingsdorf und Pinkafeld.

Rundherum nur Felder, sonst nichts. Die Pinka fließt vor dem Haus vorbei, am anderen Ufer wohnen die Einheimischen. Schön weit weg. Ein Sinnbild für Integration.

x  |  NOEN, Vanessa Bruckner
René Stritzl, der die zehn Flüchtlinge beherbergt, sieht – zugegeben – auf den ersten Blick auch nicht viel freundlicher aus. Seine Arme zieren selbstgestochene Tattoos, über der Oberlippe der Ansatz eines Schnauzbartes und die Haare auf wenige Millimeter abgeschoren.

Aber dann beginnt er zu lachen, der René. Weil seine kleine Tochter Lea, die zwischen den zehn Männer rumalbert, alle in der ungewöhnlichen Runde zum Lachen bringt.

Er sei in seiner Jugend einfach ein dummer Bub gewesen, der oft in Schlägereien verwickelt gewesen war. „Und gegen Ausländer hab ich auch gerne gestänkert“, gibt er zu. Aber auch er sei erwachsen geworden und seine Frau, die habe aus ihm einen viel besseren Menschen gemacht.

Als Unternehmer in der Baubranche habe er im letzten Jahr oft rund um das Flüchtlingslager Traiskirchen zu tun gehabt.

„Irgendwann konnte ich bei dem ganzen Leid einfach nicht mehr zusehen. Wir haben angefangen Spenden zu sammeln und dann beschlossen, Flüchtlinge aufzunehmen. Der Pinkafelder Bürgermeister war davon allerdings gar nicht begeistert. Es gab viel Gegenwind und es war ein monatelanger Hürdenlauf quer durch viele Ämter. Das Haus habe ich wochenlang umbauen lassen, damit es den Anforderungen entspricht“, berichtet René Stritzl.

„Der René ist ein sehr guter Mann“

Die zehn Iraker halten große Stücke auf ihren Vermieter. „Er ist ein sehr guter Mann und tut viel mehr als notwendig“, sagt Khalid und klopft Stritzl anerkennend auf die Schulter.

Das Innere des Hauses ist sauber und schön. Im Hof stehen Fahrräder und ein paar Schafe. „Damit sie zumindest etwas Beschäftigung haben, wenn sie schon nicht arbeiten dürfen“, erklärt der Buchschachener, der Tiere und Fahrräder selbst organisiert und bezahlt hat.

Natürlich bekomme er Geld für die Unterbringung der Flüchtlinge. 11 Euro pro Tag und Bewohner. „Davon werden aber ein Teil der Einkäufe bezahlt, Deutschunterricht organisiert und man muss ja fast rund um die Uhr für die Jungs da sein. Arztbesuche, Behördengänge, etc. Wenn ich es nur wegen des Geldes machen würde, wär es ein schlecht bezahlter Job. Da verdiene ich in der Baubranche, wo ich herkomme, deutlich mehr“, erklärt sich René Stritzl.

Was er auch erklärt ist, warum er als bekennender Wähler der FPÖ und mit ausländerfeindlicher Vergangenheit heute zehn Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf gibt: „Es kommt für mich auf die Menschen innerhalb einer Partei an. Und die Mitglieder FPÖ Pinkafeld sind für mich feine Leute. Die bringen unseren Jungs auch mal Sachen vorbei. Mit dem Strache und vielen Ansichten der FPÖ generell kann ich allerdings gar nichts mehr anfangen. Die Zeiten sind vorbei. Ich bin FPÖ-Pinkafeld-Wähler, kein Rechter.“

Das Herz scheint der 36-Jährige heute am rechten Fleck zu haben. Auch, wenn das so manchem Einwohner von Pinkafeld oder Riedlingsdorf nicht einleuchten will. Aber das, das ist eine andere Sache. Deren Sache.

Spendenaufruf

Der Winter steht vor der Tür und die zehn Männer aus dem Irak benötigen noch dringend Wintergewand, vorrangig Pullover und Jacken. Kontakt unter Tel. 0699/ 10704539