Erstellt am 24. Mai 2013, 13:39

Asyldrama in Pinkafeld. Verfolgte Familie aus Armenien wird in „Nacht und Nebelaktion“ abgeholt. In vier Tagen soll Abschiebung erfolgen. In der Heimat droht der Tod.

 |  NOEN, Vanessa Bruckner
Von Vanessa Bruckner

Karen Simonyan war Polizist in seiner Heimat Armenien. Er hat damals nur seinen Job gemacht. Genauso, wie die sechs Polizisten, die jetzt draußen vor der Tür auf ihn und seine Familie warten.

Familie Simonyan lebt seit 2009 in Österreich. Vor zwei Monaten kamen sie nach Pinkafeld, leben seither bei der Franziskusgemeinschaft am Kalvarienberg. Kurz vor sechs Uhr Morgens klopft es an der Tür.

Exekutivbeamte und zwei Vertreter der Bezirkshauptmannschaft Oberwart fordern die fünfköpfige Familie auf, mitzukommen. Es ist Freitag, der 24. Mai. Den Simonyans wird mitgeteilt, dass sie Österreich in vier Tagen verlassen müssen. „Wir haben noch geschlafen als es an der Tür geklopft hat“, erzählt die 17-Jährige Narine, während sie schnell noch ihre letzten Sachen in die rote Reisetasche stopft.
 
„In Armenien bringen sie uns um“

Mutter Nune ist völlig aufgelöst, die Beruhigungsspritze, wirkt nicht. Ihr 15-jähriger Sohn Sevak sitzt neben ihr. „Ich habe keine Ahnung, wo sie uns jetzt hinbringen“, sagt er. In einer Stunde sollte er eine Deutschschularbeit schreiben. Sevak ist Judo-Landesmeister und hätte im Herbst auf die HTL Pinkafeld gewechselt. Seine beiden Schwestern absolvieren gerade ein Praktikum im SOS Kinderdorf. Narine wollte im Herbst an die Krankenpflegeschule nach Oberwart.

Vater Karen sitzt regungslos am Bett. Er war 23 Jahre lang Polizist in Jerewan. Bis er den falschen Mann verhaftet hat.

„Wenn wir nach Armenien zurück müssen, bringen sie uns um“, flüstert Sohn Sevak.
 
Haus unter Beschuss

2008 eskalierte im Zuge der Präsidentschaftswahlen in der armenischen Hauptstadt die Gewalt. Karen Simonyan wurde beauftragt, Leute unter dem Vorwand festzunehmen, sie hätten einen Unfall verursacht.
„Karen hat einen Politiker verhaftet. Er hat lediglich die Anweisungen befolgt und wusste nicht, um wen es sich dabei handelte. Von da an war die Familie in Lebensgefahr“, berichtet Elias Bierdl, ein Freund der Familie.

„Sie haben Papa aus dem Auto gezerrt und krankenhausreif geprügelt und auf das Haus meines Großvaters geschossen“, erzählt Sevak.

2009 flüchtet Karen mit seiner Frau und den drei Kindern. Zuerst nach Russland, dann nach Österreich. Sie landen im Erstaufnahmezentrum Thalham, danach in einer Flüchtlingspension. Der erste Bescheid auf den Asylantrag der Simonyans war negativ. Auch die zweite Instanz ließ die Familie abblitzen.
Vor zwei Monaten kommt die Familie nach Pinkafeld, lebt seither bei der Franziskusgemeinschaft am Kalvarienberg. „Wir haben die fünf sehr lieb gewonnen. Sie haben sich sofort bei uns integriert und mitangepackt“, berichtet Bruder Lanfranco.

Bürgermeister und SOS Mitmensch setzen alle Hebel in Bewegung

Es ist mittlerweile acht Uhr Morgens. Die Polizeibeamten warten noch immer, sind sehr verständnisvoll aber wollen den Job auch erledigt haben. Die Familie wird ein letztes Mal aufgefordert, mitzukommen.

Pinkafelds Bürgermeister Kurt Maczek trifft ein. Er kennt die Familie persönlich, greift sofort zum Handy und beginnt zu telefonieren. „Da muss ja etwas zu machen sein“, murmelt er im Vorbeigehen.
 
„Verkehrte Welt“

Die Zuständige Dame der Bezirkshauptmannschaft Oberwart informiert: „Die Gesetzeslage erlaubt es uns nicht, dass wir fünf Personen in Schubhaft nehmen. Das heißt, dass die Familie für die nächsten Tage getrennt wird. Das Asylgericht hat entschieden, dass die Simonyans Österreich in vier Tagen verlassen müssen. Mehr kann ich dazu nicht sagen, ich mache hier auch nur meinen Job.“

„Das Drama in dem Fall der Simonyans ist, dass das österreichische Asylrecht nur bei politischer Verfolgung greift, aber das gilt für die fünf eben nicht. Die Familie ist in akuter Lebensgefahr, das wurde auch von der österreichischen Botschaft in Armenien in einem Schreiben bestätigt, aber es handelt sich eben um keine politische Verfolgung“, erklärt Elias Bierdl fassungslos.
 
Fahrt ins Ungewisse

Neun Uhr Morgens. Familie Simonyan verlässt das Haus. Ihr ganzes Hab und Gut passt in wenige Koffer. Der Abschied von den Mitgliedern des Franziskanerordnens ist herzzerreißend, die Angst steht der Familie ins Gesicht geschrieben. Sie nehmen ihre Koffer und folgen den Polizeibeamten zum Auto.

Die Bleiberechtsorganisation SOS Mitmensch stellt noch am Polizeiposten in Pinkafeld einen neuen Asylantrag. Familie Simonyan wird nach Eisenstadt gebracht. „Es liegt jetzt in der Hand der zuständigen Bezirkshauptmannschaft, ob die Familie bleiben darf. Wir hoffen, dass die BH Oberwart sofort Einspruch gegen die Verhängung der Schubhaft erlässt und dass sie nicht abgeschoben werden“, kritisiert Rainer Klien von SOS Mitmensch im Gespräch mit der BVZ.

Klien weiter: „Die Simonyans sollen endlich ein faires Asylverfahren bekommen, dass ihnen schon von Anfang an zugestanden wäre. Weil der Vater Armenien damals nicht von einen Tag auf den anderen verlassen hat, sondern die Flucht zwei Wochen lang plante, wurde ihm vom Bundesasylamt Unglaubwürdigkeit vorgeworfen, was wiederum ein faires Asylverfahren bis dato verhindert hat. Aber wer kann schon von heute auf morgen mit Frau und drei Kindern sein zuhause für immer verlassen?“

Wie die Chancen für die Simonyans stehen, traut sich niemand zu beurteilen. Nur wenige Armenier bekommen in Österreich Asyl. Die Anerkennungsquote beträgt neun Prozent.

Den Simonyans bleiben noch vier Tage.