Erstellt am 24. Juli 2013, 00:00

dem wachsen Flügel. fliegende Intensivstation und ihre Crew. Eine Geschichte von menschlichen Höhenflügen.

Menschlich. Um ihr die Angst zu nehmen, erklärt Mediziner Jakob Rauter (rechts) die Enkelin des Patienten kurzerhand zu seiner »Assistentin«. »So hat das Kind das Gefühl, dem Opa auch helfen zu können«, sagt Rauter, der als Notarzt auch weiß, wie man Patienten und Angehörigen die Angst nimmt. Foto: Vanessa Bruckner  |  NOEN, Vanessa Bruckner
Von Vanessa Bruckner

BEZIRK / „Hier hast ein Speibsackerl, sicher ist sicher“, sagt er, der Herr Doktor und reicht mir schmunzelnd eine Papiertüte. „Könnte nämlich etwas turbulent werden dort oben“, fügt der Pilot über Funk an. Sekunden später sind wir auch „schon oben“ – auf dem Weg zu einem Patienten.

Notruf: „Verdacht auf Herzinfarkt“

Minuten zuvor: Pilot Bernd schnippelt Gemüse für die Suppe. Sanitäter Hans-Peter hilft dabei. Jakob, der diensthabende Arzt, deckt den Tisch. Dann geht der Alarm los. Gefühlte 90 Sekunden später hebt der Rettungshubschrauber Christophorus 16 bereits vom Boden ab. „67-jähriger Mann mit Verdacht auf Herzinfarkt“, tönt es über die Sprechanlage.

Jetzt geht alles ganz schnell. Jeder Handgriff sitzt, die medizinische Ausrüstung wurde schon frühmorgens vor Dienstbeginn kontrolliert. Nur wenige Minuten nach Eingang der Meldung landet der Hubschrauber auch schon beim Patienten. Dabei muss Pilot Bernd Schweiger auf allerhand Rücksicht nehmen, um die fliegende Intensivstation sicher auf den Boden zu bringen. Bernd ist der Einzige der „Drei-Mann-Crew“, der sieben Tage die Woche auf dem Stützpunkt in Oberwart verbringt. Danach hat er eine Woche frei.

„Der Rest des Teams wechselt täglich“, informiert Notfallsanitäter, Hans-Peter Polzer.

Chaos entstehe durch den täglichen Wechsel der Belegschaft nicht, ganz im Gegenteil. „So schleift der Ablauf nicht ein und außerdem bringt jeder täglich neue Impulse mit in die Arbeit ein“, ist sich Pilot Bernd Schweifer sicher.

„Christophorus 13 gibt es nicht“

Vor über 25 Jahren setzte der ÖAMTC mit der Stationierung von Notarzthubschraubern neue Maßstäbe in der ärztlichen Erstversorgung von Unfallopfern. Mittlerweile gibt es in Österreich 16 Standorte der Flugrettung. Der Hubschrauber Christophorus 16 fliegt seit 2005 seine Einsätze vom Stützpunkt Oberwart aus. Ich guck auf die Österreichkarte. „Wo steht Hubschrauber Nummer 13?“, frage ich die Truppe. „Den gibt es nicht, ein bisserl Aberglaube muss schließlich sein“, antwortet Polzer mit einem Augenzwinkern.

2,5 Einsätze pro Tag für Notarztteams

Hubschrauber und Besatzung sind von sieben Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang im Einsatz. „Wir haben keine Nachtsichtgeräte und als Pilot darf ich maximal 16 Stunden am Stück im Dienst sein“, erklärt Bernd Schweiger. Der 34-Jährige ist ein Multitalent, der den Hubschrauber nicht nur fliegt, sondern auch die tägliche Sichtkontrolle dessen übernimmt.

Bernd hält sich mit gesunder Ernährung und viel Sport für seinen körperlich anspruchsvollen Job in der Luft fit und Kollege Hans-Peter ergänzt lachend: „Ich kenne keinen Piloten, der auf der faulen Haut liegt.“ Rund 800 Einsätze pro Jahr fliegt der Christophorus 16, das sind im Schnitt 2,5 pro Tag. Ich gucke auf den Kalender an der Tür. Nur eine Handvoll Tage, an denen kein „Pickerl“ klebt, welches für einen Einsatz steht.

Jakob Rauter ist Facharzt für Chirurgie und seit 2009 auch als „fliegender Doktor“ im Einsatz. „Im Hubschrauber selbst ist kaum Platz, die Bedingungen in der Flugrettung sind natürlich ganz andere als am Boden, deshalb ist es wichtig, dass jedes Gerät kontrolliert wurde, jeder Handgriff sitzt“, so Rauter.

Notfallsanitäter Polzer ist seit acht Jahren am Oberwarter Stützpunkt im Einsatz. „Passiert ist Gott sei Dank noch nie etwas — also schon, sonst würden wir ja nicht abheben“, sagt er lachend und fügt an: „Aber die Mannschaft war in der Luft noch nie in Gefahr.“

Kuriose Geschichten gibt es wiederum einige zu erzählen. „Wenn du plötzlich in der falschen Ortschaft landest, weil das GPRS eben auch nur Technik ist, oder die ?Frau in Lebensgefahr dich in aller Seelenruhe schon mit der E-Card in der Hand empfängt – das ist alles schon vorgekommen“, erzählt der Pilot der Truppe.

„Nur Bratpfanne bringt mich in den Heli“

Zurück in die Hubschrauberkabine. Bernd Schweiger versucht, den Hubschrauber in der Ortschaft zu landen. Zu viele Hochspannungsleitungen, zu wenig Platz. Kurz darauf ist „der Adler gelandet“, Arzt und Sanitäter sind bereits beim Patienten vor Ort. Die Einsatzkräfte sind Profis – medizinisch und vor allem auch auf menschlicher Ebene.

Arzt Jakob Rauter spricht ruhig mit seinem Patienten, erklärt ihm jeden Schritt. Sanitäter und Arzt vergessen neben Infusionen, Spritzen und EKG auch nicht die besorgten Familienmitglieder im Raum. Die Enkeltochter wird kurzerhand in den Ablauf eingebunden. Sie darf die Infusionsflasche halten, um den Opa schnell wieder gesund zu machen.

„Ihr Herz gefällt mir nicht, wir werden sie jetzt in ein Krankenhaus fliegen,“ erklärt Notarzt Rauter dem Patienten. In einen Hubschrauber steige er nicht ein, da müsse man ihn schon mit der Bratpfanne bewusstlos schlagen — antwortet dieser wiederum. Alle im Raum schmunzeln.

Ein Problem, dass die fliegenden Helfer nur zu gut kennen. Kurz darauf schließen sich die Türen des Hubschraubers — mit dem Patient darin. „Alles wird wieder gut Opa“, flüstert ihm das Enkerl noch schnell ins Ohr. „Der Hubschrauber fliegt nämlich ganz, ganz schnell.“


Flugrettung:

  • Der Christophorus 16 ist 365 Tage im Jahr von 7 Uhr morgens bis Sonnenuntergang im Einsatz.
  • Der Hubschrauber ist maximal drei Minuten nach der Alarmierung in der Luft und in durchschnittlich 13 Minuten am Notfallort.
  • Nach im Schnitt 45 Minuten ist der bereits erstversorgte Patient im nächsten geeigneten Krankenhaus.
  • Über 400.000 Minuten sind die ÖAMTC-Notarzthubschrauber im Jahr in der Luft.
  • Der Hubschrauber am Stützpunkt Oberwart fliegt rund 800 Einsätze pro Jahr, das sind 2,5 Einsätze täglich.