Erstellt am 08. August 2012, 00:00

„Die Braut tat a sche bitten“. GESCHICHTE / Der Brauch „Haar sammeln“ stammt aus Riedlingsdorf und ist einzigartig in Österreich. Die BVZ hat eine Braut dabei begleitet – Blasen an den Füßen inklusive!

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VON VANESSA BRUCKNER

RIEDLINGSDORF / Wer hat`s erfunden?! Die Zwiefler! Seit wann genau es das „Haar sammeln“ schon gibt, weiß niemand mehr so genau. Was wir wissen: Nirgendwo sonst kennt man den Brauch. Die „Spielregeln“ sind demzufolge recht streng. Mitmachen darf nur eine Braut, die entweder selbst aus Riedlingsdorf stammt, oder einen Mann aus dem Dorf heiratet. Ganz wichtig: Das Paar darf noch keine Kinder haben. In Zeiten wie diesen also gar nicht so einfach „part of the game“ zu werden. Wenn man es schafft, hat man quasi den Jackpot geknackt.

Brauchtum im Wandel: vom  Flachs zu jeder Menge Geld

Am Sonntag vor der Hochzeit geht die Braut „Haar sammeln“. Sie zieht in Begleitung der „Altbraut“ –  meist die Taufpatin oder eine andere Verwandte – von Haus zu Haus durchs ganze Dorf. Das „Haar“ war damals geraffter Flachs, aus dem die junge Frau dann Leinen machen konnte. Später bekam die Braut dann Geld statt Flachs. Begonnen wird mit dem Gebetläuten um sechs Uhr morgens, die Abendglocken verkünden das Ende der anstrengenden Tour.

„Wenn du später losgegangen bist, hast du als faule Braut gegolten. Und wenn du nach 18 Uhr noch bei einem Haus geläutet hast, war man eine gierige Braut“, erinnert sich Ilse Klein, die im Jahr 1971 einen Riedlingsdorfer geheiratet hat. „In Grafenschachen, wo ich herstamme, gab es den Brauch nicht. Mein Vater meinte noch, betteln wirst ja wohl net gehen müssen.“ Blasen an den Füssen plagten damals die heute 59-Jährige: „Du musstest bei jedem Haus anläuten, das gleicht schon einem Marathon.“

Die heute 69-Jährige Gerti Zapfel plagte beim „Haar sammeln“ im Jahr 1962 etwas anderes: „Mir war so unglaublich schlecht. Du hast in jedem Haus etwas zu essen bekommen. Zwölf Stunden lang, hunderte von Häuser. Meine Schwiegermutter ermahnte mich damals, dass ich zumindest überall einmal abbeißen muss. Ich konnte 20 Jahre lang keine Frankfurter-Würstel mehr anschauen“, gesteht sie lachend. Nächste Hürde: Früher hat man der Braut auf ihrem Weg allerhand Streiche gespielt.

Auch heute noch geht die Braut mit ihrer Begleiterin durchs Dorf. Dabei geht die Altfrau voraus und sagt in jedem Haus den Spruch: „Die Braut tat a schein bitten um a Kranzlgeld.“ Die Höhe der Spenden ist vom Verwandtschaftsgrad abhängig. War früher das Haar eine gute Basis für den Hausstand, so dient heute die erhebliche Summe als Startkapital für die junge Familie. Vergangenen Sonntag war die 24-Jährige Braut Angelique Friesl in ihrer Heimatgemeinde „Haar sammeln“. „Du musst immer in die entgegengesetzte Richtung, von der dein Bräutigam stammt, losgehen. In den 12 Stunden geht es sich normalerweise aus, dass man bei jedem Haus läutet. Ich will bestimmt nicht die erste Braut sein, die es nicht schafft“, sagt Friesl lachend.

War sie auch nicht. Zähne zambeißen und durch, so lautete die Devise! Einmal „durch“ den ganzen Ort. Blöd nur, dass Riedlingsdorf das längste Straßendorf des Burgenlandes ist.

Die Riedlingsdorferin Angelique Friesl „traut“ sich. Am Sonntag ging sie in ihrer Heimatgemeinde „Haar sammeln“. VANESSA