Erstellt am 04. September 2015, 13:31

von Vanessa Bruckner

Flüchtlinge: Wegschauen geht nicht mehr. 16 Stunden Realität - 16 Stunden Wirklichkeit. Eine Reportage von BVZ-Mitarbeiterin Vanessa Bruckner über einen Tag burgenländischer Flüchtlingsrealität von Nickelsdorf bis Heiligenkreuz.

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Ich hab Hunger. Den von der ungemütlichen Sorte, wo der Magen schon krampft. Seit sechs Stunden hab ich nichts gegessen. Aber ich trau mich nix sagen und lass meinen Bauch weiter meckern, denn zu mehr hat er keine Berechtigung.

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Die beiden Männer aus Syrien hinter mir im Bus haben zuletzt vor drei Tagen eine Mahlzeit bekommen. Und jammern auch nicht.

Eigentlich sprechen sie gar nicht. Kein Wort. Der eine schaut seit Stunden apathisch aus dem Fenster. Sein Freund lächelt mich von Zeit zu Zeit an, sein Blick hält mich dabei nicht.



„Die ungarischen Polizisten haben ihn geschlagen, weil er nicht bezahlen wollte“, erzählt mir ein anderer Flüchtling im Bus. „Nur wer bezahlt, darf nach Österreich weiterreisen, haben sie zu uns gesagt.

Ich habe gesehen, wie sie Kinder geschlagen haben und den Vätern drohten, nie wieder damit aufzuhören. Einer der Polizisten hat gemeint, dass dann eben die Frauen herhalten müssen, wenn sie kein Geld sehen. Ungarn ist die Hölle, bitte schickt uns nicht wieder dorthin zurück, ja?“

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Ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Und fühlen tu ich nach Stunden – hungrig, verschwitzt und müde – für einen kurzen Augenblick auch nichts mehr.

Ein schönes Gefühl, nichts zu fühlen.

„Einen Scheiß war ich darauf gefasst“

Ich sitze in einem Polizeibus, gemeinsam mit Flüchtlingen, die es von Ungarn über die Grenze ins Burgenland geschafft haben. Ein Autobus, der die Menschen, die aus Syrien und dem Irak stammen, in Erstaufnahmezentren bringen wird.

„Aufarbeitungsstellen heißen die jetzt ganz offiziell“, informiert mich Polizist und Buschauffeur Wolfgang Werderits. Dank ihm darf ich heute mitfahren, um mir selbst ein Bild machen zu können. Definieren kann ich all das Erlebte allerdings auch 16 Stunden und hunderte Kilometer später nicht. So lange bin ich dabei, fahre mit. Dann gebe ich auf, will nur noch heim.

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Ja, ich hatte mir viele Gedanken gemacht, bevor ich den Chef der Verkehrspolizei Oberwart darum bat, mich einen Tag lang im Bus mitzunehmen.

Und ja, ich bleibe cool, als er den Motor startet und sagt: „Mach dich auf einen harten Tag gefasst, Vanessa.“

Ich dachte, ich wär vorbereitet. Aber einen Scheißdreck war ich.

Hardcore-Bürokratie und Menschlichkeit

Wir starten im Südburgenland, in Oberwart. Drei Polizisten und ich. Zwischen 100 und 400 Flüchtlinge bringen Wolfgang Werderits und sein Team pro Einsatz in die zugewiesenen Einrichtungen für Flüchtlinge. Eine Schicht dauert oft 12 Stunden – und länger.

Erste Station: Schattendorf im Bezirk Mattersburg. Hier holen wir zehn Männer und zwei Frauen aus Syrien ab, um sie nach Traiskirchen zu bringen.

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In Schattendorf sind die Flüchtlinge im örtlichen Polizeigebäude untergebracht. Im Erdgeschoss stellen Polizeibeamte mithilfe einer jungen Dolmetscherin viele Fragen. Fingerabdrücke werden gemacht, Hardcore-Bürokratie und literweise Kaffee stehen am Programm.

Im Dachgeschoss stehen Feldbetten, vereinzelt schläft jemand darin. Es ist heiß hier oben. Eine junge, ehrenamtliche Helferin wechselt das Bettzeug und lächelt mich an. „Sie sollen es schön haben, zumindest für die 48 Stunden die sie hier verbringen“, erklärt sie sich.

Im ersten Stock treffe ich in der Küche auf drei älteren Damen und Shering aus Ghana, die freiwillig im Dienste des Roten Kreuz mitanpacken. „Ich bin seit zehn Monaten in Pension, aber bei dem Elend kann doch keiner nur zuschauen“, sagt Frau Maria, Krankenschwester im Ruhestand zu mir.

Rot-Kreuz-Helfer Shering floh aus seiner Heimat Afrika und lebt seit mittlerweile neun Monaten in Österreich. „Ich hatte bislang Glück, davon will ich etwas zurückgeben“, so der sympathische Afrikaner. Ein Flüchtling hilft den anderen. Punkt.

Smartphones und Deutschland

Abfahrt Richtung Traiskirchen. Die Stimmung im Bus ist gedämpft. Zwei Ehepaare sind darunter, der Rest – junge Männer – ist Großteils alleine auf der Flucht. Sie alle wollen nach Deutschland. „Dort warten Verwandte auf uns“, erzählt mir das Pärchen Mitte zwanzig.

Sie hätten ein gutes Leben in Syrien geführt, bevor der Krieg ausgebrochen sei, sagt der Ehemann. Er hat gut verdient, man habe sich etwas leisten können. Smartphones haben sie auch alle im Bus, ja. Der junge Mann neben mir hat ein iPhone 5, ich hab noch das ältere Modell, ein iPhone 4s. Er hat dafür bezahlt, ich auch. Ende.

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Die Hetze gegen Flüchtlinge und ihre Smartphones kotzt mich an! Jedes Mal, wenn ich meine Wohnung verlasse, ist mein Handy das Erste, das ich einstecke. Und ja verdammt noch mal, es wäre das Erste, dass ich in eine Tasche packen würde, wenn ich Hals über Kopf mein Zuhause, mein Land verlassen müsste.

„Die Technik hat´s sogar bis zu uns geschafft, auch wenn das manche von euch hier in Europa nicht glauben wollen“, erklärt der 29-jährige Moyad mit einem müden Augenzwinkern. Fünf Länder in zehn Tagen haben sie alle auf ihrer Reise bis hierher, bis nach Österreich, hinter sich gebracht.

Moyad stellt mir die Frage, die ich in den nächsten Stunden noch gefühlte tausendmal zu hören bekomme. „Wohin bringt ihr uns?“ Ich höre mich „Traiskirchen“ sagen und will zu denken aufhören.

„Good luck“ in Traiskirchen

„Hui, da ham sie aber ordentlich zusammengeräumt“, sagt Polizist Franz zu mir, als wir die Straße zum Erstaufnahmezentrum Traiskirchen entlangfahren. „Vor zwei Wochen hat sich hier noch der Müll gestapelt, dass es eine Schande war.“

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Wir passieren die Sicherheitsschranke. Im Lager selbst ist es ruhig – Mittagszeit und die Hitze – viele bleiben in den Häusern oder liegen im Schatten der Bäume auf der Wiese. Es ist surreal, so viele Menschen unterschiedlichster Herkunft auf einem kleinen Flecken Erde zu sehen.

Der Bus hält und ein Mitarbeiter des Erstaufnahmezentrums steigt ein. Fiebermessen steht am Programm. „Das ist das allererste, das in jeder Flüchtlingseinrichtung gemacht wird“, erklärt mir Wolfgang Werderits.

Gemeinsam mit den Polizeibeamten begleite ich die Flüchtlinge aus unserem Bus zum Haus 13B. Davor warten bereits Menschen. Ich werfe einen Blick in das Gebäude. Ein Stockbett steht neben dem anderen, überall Leute. Es ist drückend heiß und laut. Babys schreien, ein alter Mann schläft. Wie müde muss ein Mensch sein, um hier Schlaf zu finden?

Moyad, der junge Mann aus unserem Bus, schaut ebenfalls durch das offene Fenster ins Innere von Haus 13B. Dann dreht er sich zu mir um. Sein Blick sagt alles. Hier wird er auf unbestimmte Zeit leben müssen. Ich murmle „good luck“, dreh mich um und gehe. Schnell rein in den klimatisierten Bus und raus aus dem Lager. Ich Feigling, ich. Zum ersten Mal verstehe ich wirklich. Es trifft mich mit voller Wucht, ich kann kaum atmen.

„Es ist ein Wahnsinn“

Mittagessen steht am Programm. Drei Polizeibeamte und ich. Es ist ruhig am Tisch. Dann plötzlich eine Einsatzmeldung per Funk.

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Wir müssen nach Nickelsdorf, die Flüchtlinge weigern sich vor Ort in die Busse einzusteigen, die sie in die zugeteilten Einrichtungen bringen sollen. „Die haben Angst, dass sie wieder nach Ungarn zurückgebracht werden. Jetzt wird´s ungemütlich, Vanessa“, sagt Wolfgang zu mir.

Die Fahrt von Traiskirchen nach Nickelsdorf dauert eine Stunde. Je näher wir unserem Zielort kommen, umso mehr Flüchtlinge sehen wir am Rande der Autobahn. Sie gehen schnell, manche laufen. Einen kleinen Rucksack oder eine Reisetasche – mehr tragen sie nicht.

Ich beginne zu verstehen und rufe meinen ehemaligen Schulfreund Tobias Mindler an. Er ist Pressesprecher des Roten Kreuz Burgenland und bereits vor Ort in Nickelsdorf. „Wir hatten heute zwischen 300 und 400 Menschen hier, aber jetzt herrscht Aufbruchsstimmung."

x  |  NOEN, BVZ/Vanessa Bruckner


Als wir in Nickelsdorf ankommen, sind von den hunderten Flüchtlingen nur noch rund 30 da. „Der Rest ist auf und davon“, erzählt mir Tobias. Unter dem großen Flugdach beim ehemaligen Grenzübergang stehen mehrere Reihen Feldbetten. Geschlossene Räume gibt es hier nicht. Einen Duschcontainer und Dixi-Klos, das war´s.

Vereinzelt liegen Menschen auf den Feldbetten, die meisten tragen dicke Verbände an den Füßen. Eine schwangere Frau versucht zu schlafen, es ist heiß und zwanzig Meter daneben donnern Autos und LKWs vorbei. Ein entzückendes kleines Mädchen mit rötlichen Haaren will mit mir spielen. „Sie sticht immer hervor mit ihrer Haarfarbe,“ erklärt ihr Vater lächelnd.

Ich denke an den Film "Schindlers Liste" und dieses kleine Mädchen mit dem roten Mantel. Ich kann meine Gedanken nicht mehr ordnen, geschweige denn kontrollieren. Das Mädchen ist so alt wie mein kleiner Neffe. Ich dreh mich um und suche das Weite.

30 Bomben und ein Müllcontainer

Neben uns parkt ein grüner Bus. „Da kommen die rein, die wieder zurück nach Ungarn abgeschoben werden. Das ist meist keine schöne Angelegenheit“, erzählt Polizist Wolfgang Werderits. Die „Angelegenheit“ bleibt mir erspart.

Wir fahren weiter Richtung Kompetenzzentrum Eisenstadt, zwei Familien mit Kleinkindern und mehrere Männer aus Syrien mit im Bus. Hassan ist drei Jahre alt und von meiner Kamera fasziniert. Seine kleine Schwester schläft am Schoß ihrer Mutter Dalaa. Die 29-Jährige ist gemeinsam mit ihrem Ehemann, ihrer Schwiegermutter und den beiden Kindern auf der Flucht vor dem Krieg in ihrer Heimat Syrien.

„Ich war Lehrerin, mein Mann hatte einen Laden für Elektrogeräte. Zuhause liegt alles in Schutt und Asche, viele Freunde, Nachbarn und Familienangehörige sind gestorben. Assad und die IS kennen keine Gnade, wir haben uns oft in Müllcontainern versteckt“, erzählt mir Dalaa. Seit drei Wochen sind sie bereits auf der Flucht.

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Bis zu 30 Bomben täglich seien hochgegangen. „Du hörst irgendwann auf zu zählen.“ Auch sie wollen nach Deutschland. In Eisenstadt ist allerdings erst einmal Schluss. „Lassen sie uns auch bestimmt weiter nach Deutschland?“ fragt mich Dalaa noch schnell. Dieser Blick. Ich stecke ihr einen Zettel mit meiner Handynummer zu. „Ruf mich an, wenn ich helfen kann“, sage ich – und habe keine Ahnung, wie.

„Die Politik hat nichts gemacht, nichts“

Wir fahren nach Parndorf, ebenfalls ein Grenzort im Norden des Burgenlandes. Hier hat man heute auf die Schnelle 200 Flüchtlinge auf dem Gelände der ASFINAG untergebracht. „Bitte bringt´s uns keine Leut' mehr, wir wissen nimmer wohin mit ihnen“, sagt ein Polizeibeamter in flehendem Ton zu uns, als wir aus dem Bus aussteigen.

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Er hat „Glück“, wir nehmen Flüchtlinge mit und bringen keine Neuankömmlinge. Ein Duschcontainer, ein paar Klos, Stockbetten und Feldbetten. Und unerträgliche Hitze in der Halle – das ist Parndorf für die Kriegsflüchtlinge.

Ein kleines Mädchen lächelt mich an, ihr Opa streichelt ihr über die Haare. Der Vater des Mädchens hält ein kleines Baby im Arm, das wie am Spieß schreit. Es hat Schmerzen, zieht die kleinen Füße krampfhaft an.

Der Vater kann nicht mehr, ich nehme ihm das Baby ab, versuche es zu beruhigen, derweil die Mutter des Kindes ihre paar Habseligkeiten in Plastiksackerl stopft.

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„Meine Tochter hat Bauchschmerzen und Fieber. Ich habe seit Tagen kaum gegessen und stille noch, das ist nicht gut für sie“, erklärt mir die Syrerin. Ich stehe neben einem Polizisten, der einem kleinen Mädchen durch das Busfenster zuwinkt. Er lächelt dabei und sagt dann müde: „Die Politik hat gewusst, dass es soweit kommen wird. Aber die haben nichts gemacht. Nichts. Und das, was jetzt gerade passiert, ist erst der Anfang.“

Menschen werden zu Nummern

Im Bus beruhigt sich das Baby irgendwann. Er ist jetzt voll, bis auf den letzten Platz. Wir bringen die Familien mit Kleinkindern ins nahegelegene Eisenstadt. Ich erkläre der Dolmetscherin vor Ort schnell und knapp, dass sich sofort ein Arzt um das Baby kümmern muss.

Dann fahren wir weiter – nach Schattendorf und Heiligenkreuz, das fast am anderen Ende des Burgenlandes liegt. Seit 10 Stunden sind wir bereits unterwegs. Die Polizisten kämpfen mit zahlreichen Zetteln und gegen absurde Zahlen.

„Schattendorf nimmt nur 10 Männer, Heiligenkreuz in Summe 20 Leute, der Rest soll nach Traiskirchen gebracht werden. Die eine Familie hat aber 12 Leute, das geht sich alles hint und vorn net aus“, stöhnt Polizist Martin. Die Angaben auf den Zetteln stimmen nicht, da wird ein syrisches Kleinkind zum erwachsenen Mann aus dem Irak.

Die beiden Beamten kommen gehörig ins Schwitzen, kontrollieren alle Nummern auf den Armbändern, die die Flüchtlinge ums Handgelenk tragen. Chef und Buschauffeur Wolfgang Werderits behält auch hier die Ruhe. Dieser Mann ist unglaublich.

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Fährt er nicht gerade hunderte von Kilometer durch das ganze Land, teils auch in Sonderschichten, sammelt er Sachspenden, die er bei seinen Fahrten in den Flüchtlingseinrichtungen verteilt.

„Vorgestern hat ein kleines Mädchen den halben Bus vollgekotzt. Da musst du nach 13 Stunden Busfahrt halt noch zum Putzzeug greifen, das ist eben so“, sagt Werderits, der 10 Minuten zuvor seinem Schwager am Telefon versprochen hat, den New York Marathon mit ihm zu laufen.

Der ist in knapp zwei Monaten und nein, für Sport bleibt neben dem Busfahren momentan keine Zeit. „Aber das schaff ich schon“, sagt er im Brustton der Überzeugung – und keiner von uns zweifelt auch nur eine Sekunde daran.

Vom Voraussetzen und Ansprechen

„Water“, sagt der Mann in gebrochenem Englisch zu mir im Bus. Ich gebe ihm eine Flasche Wasser, er nimmt sie kommentarlos und geht. „Das ärgert mich manchmal schon, dass sie kaum Bitte und Danke sagen, die Flüchtlinge“, sagt Franz zu mir, „und ihren Müll räumen sie nie weg.“

Ich verstehe ihn, denke nach und komme zu der Erkenntnis, dass man manche Dinge in verschiedenen Kulturen nicht einfach voraussetzen, sondern eben auch ansprechen muss.

Ich gehe nach hinten, wo die jungen Männer aus Syrien sitzen. Einer spielt laut Musik mit seinem Handy. Ich bitte ihn, sie leiser zu machen und beginne das Gespräch mit "andere Länder, andere Sitten" und "wie man in den Wald hineinschreit, ...".

„Die meisten Menschen hier in Österreich legen wert auf Höflichkeit. Ein Bitte und ein Danke sind nie verkehrt und unsere Straßen sind im Regelfall sehr sauber, es wäre schön, wenn sie das auch bleiben würden.“ Gespannt warte ich auf ihre Reaktion. „Vielen Dank, dass du uns das sagst, wir wissen das wirklich zu schätzen und werden in Zukunft darauf achten. Danke.“

Ali – sechs Jahre alt und taubstumm

Ein kleiner Junge, kommt während der langen Fahrt Richtung Heiligenkreuz immer wieder nach vor zu mir in die erste Reihe. Wenn ich ihn anspreche, lächelt er nur. „Er kann dich nicht hören“, erklärt mir sein Cousin.

Ali ist sechs Jahre alt und taubstumm. Er zeigt mir eine Narbe hinter seinem Ohr. „Als er klein war, haben ihn Männer geschlagen, seither hört er nichts mehr. Syrien ist die Hölle“, bringt es Alis Cousin auf den Punkt.

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Ali und ich werden Freunde, er liebt es, mit meiner Kamera Fotos zu machen. Am liebsten würde ich einpacken und mit nach Hause nehmen. Kurz vor Heiligenkreuz machen wir Stopp in einer kleinen Ortschaft. Zigaretten hätten sie gerne, die Männer im Bus – ja bitte, kein Problem für die Polizisten mit Herz. Ein junger Mann aus Syrien bringt den Beamten und mir jeweils ein Red Bull mit. „Für die lange Fahrt“, meint er schüchtern.

Er selbst hat seit Tagen kaum geschlafen. Mittlerweile ist es neun Uhr abends. Es dämmert bereits, der Bus in der kleinen südburgenländischen Ortschaft sorgt trotzdem noch für Aufsehen. Ein Mann kommt mit seiner kleinen Tochter daher. „Bringt´s uns jetzt auch schon welche von denen“, fragt er uns und lacht dabei. Wir lachen nicht.

Die Welt, sind wir

Es ist stockdunkel, als wir endlich in Heiligenkreuz ankommen. Dort heißt es Abschied nehmen von Ali, seiner süßen kleinen Schwester mit der Pelzhaube und dem Rest der Familie. Auch hier warten wieder freiwillige Helfer mit Herz vom Roten Kreuz auf die Flüchtlinge. Suppe und Eintopf stehen bereits am Tisch.

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„Es gibt überall auf der Welt gute und nicht so gute Menschen“, denke ich mir: Auch unter den Flüchtlingen, ja, auch da sind ein paar schwarze Schafe dabei. Aber die sind nicht die große, verzweifelte Mehrheit. Da war dieser eine junge Mann im Bus, der mich ziemlich forsch und unverschämt fragt, wann er denn endlich sein Geld bekommt, denn er will nach Holland, dort bekommt er Haus und Geld und muss nicht mehr arbeiten, das hat er zuhause im Irak eh schon genug müssen.

Da bin ich kurz sprachlos, werde wütend und ertapp mich dabei, wie ich mir denk: „Ja dann schaust lieber zu, dast dich wieder heimschleichst mein Bursche.“ Und dann hängt plötzlich wieder Ali an meinem Bein und lächelt mich an – und ich erinnere mich wieder an mich und meine Werte.

Die Vorstellung davon hat sich im Laufe der letzten Stunden allerdings verändert. Ich habe mich verändert. Alles verändert sich gerade. Die ganze Welt. Einen Moment lang habe ich unfassbare Angst. Aber ich will keine Angst vor Veränderungen haben, denn stets ist es Angst, die uns alle lähmt und uns vergessen lässt, dass „wir alle“ die ganze Welt sind.

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Es kurz vor 23 Uhr, als ich in Oberwart aus dem Bus steige. Wolfgang Werderits, seine beiden Kollegen und ein halber Bus voller Flüchtlinge fahren jetzt, noch einmal rauf nach Traiskirchen.

Ich bin müde, unendlich müde und so froh nach Hause fahren zu dürfen. Nach Hause – nie hab ich die Bedeutung dieser Worte so gefühlt wie in diesem Augenblick.

Die wenigen Flüchtlinge im Bus, die noch nicht vor Erschöpfung eingeschlafen sind, winken mir zu. Sie fahren auch. Aber nicht nach Hause.

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