Erstellt am 11. September 2014, 12:59

von APA Red

Schulversuch als "großer Schritt". Vor 30 Jahren wurde an der Volksschule Oberwart gegen Widerstand der Schulbehörde die erste Integrationsklasse Österreichs eröffnet - und damit rückblickend ein Stück Bildungsgeschichte geschrieben.

 |  NOEN, bilderbox.at
Das betonte Integrationsexperte Gottfried Biewer am Donnerstag. Damals sei "ein großer Schritt" zur Integration von Schülern mit Einschränkungen gelungen. Heute herrsche Stillstand.

Am Samstag wird Jubiläum gefeiert

In Österreich begann erst mit der Bewegung für eine Gesamtschule in den 1970ern auch eine Diskussion über die Einbindung behinderter Kinder in die Regelschulen, in den 1980ern konnte sich die Integration dank des Engagements von Elterninitiativen dann schrittweise etablieren.

Der erste Schulversuch wurde schließlich 1984 in Oberwart gestartet - gegen Widerstand von Schulverwaltung, Lehrern und Eltern. Am Samstag feiern Initiatoren des Projekts und ehemalige Schüler im Offenen Haus Oberwart das 30-Jahr-Jubiläum.

Erst in letzter Minute gab es damals die Genehmigung, erinnert sich Lehrerin Brigitte Leimstättner, die damals den Schulversuch mit Schulpsychologin Gertraud Schleichert nach dem Vorbild internationaler Konzepte initiierte.

Regelschullehrer waren 1984 aufgebracht

Es kam Gegenwind von vielen Seiten, schildert sie: Sonderschullehrer konnten sich nicht vorstellen , "ihre" Kinder "abzugeben", und Regelschullehrer waren aufgebracht, dass sie Kinder unterrichten sollten, für die sie sich in ihrer Ausbildung nicht entschieden hatten und auf deren spezielle Bedürfnisse sie nun ihren Unterricht anpassen sollten.

Dazu kam "massiver Widerstand seitens der Eltern", die fürchteten, dass ihre Kinder nicht genug für die weiterführenden Schulen lernen würden. Für die Schüler der Klasse selbst war all das laut Leimstättners Erinnerungen kein Thema. Und das Experiment ging gut aus. "Wir waren von Beginn an davon überzeugt, dass Integration gut ist, wichtig ist und dass es funktioniert. Das bin ich auch heute noch", so Leimstättner.

"Großer Schritt": Einführung der Eltern-Wahlfreiheit

"Der Schulversuch wurde toleriert, obwohl es dafür keine rechtliche Grundlage gab", sieht Bildungswissenschafter und Heilpädagoge Biewer ein noch heute typisches Muster für Reformen im österreichischen Schulwesen.

In den Folgejahren fanden sich Nachahmer in der Steiermark, in Tirol und Wien. Ab 1988 gab es dann auch eine gesetzliche Grundlage für integrative Schulversuche, im selben Jahr startete ebenfalls in Oberwart an der Hauptschule der erste Schulversuch in der Sekundarstufe, 1992 dann in je einem Gymnasium in Wien und Bruck an der Mur (Steiermark).

Der nächste "große Schritt" auch im internationalen Vergleich war für Biewer 1993 die Einführung der Wahlfreiheit für Eltern, ob ihre Kinder mit körperlicher oder intellektueller Beeinträchtigung in Sonderschulklassen oder im Regelschulwesen beschult werden sollen.

Was folgte, war "eine enorme quantitative Ausweitung": Im Schuljahr 2013/14 besuchten 61 Prozent der Schüler, denen wegen körperlicher oder psychischer Einschränkungen sonderpädagogischer Förderbedarf (SPF) attestiert wurde, eine Klasse mit Schülern ohne Beeinträchtigung.

Überführung von Integrationsklassen nicht nur positiv

Nicht nur positiv sieht Leimstättner indes die 1993 ebenfalls erfolgte Überführung von Integrationsklassen in das Regelschulwesen. "Die für die Integration benötigten strukturellen Veränderungen wurden nicht ausreichend vollzogen. Daraus entstand die oft geäußerte Haltung, dass Integration nicht funktionieren kann", beklagt sie Ressourcenmangel.

Trotzdem müsse der Ausbau weitergehen. Das Bekenntnis zur Inklusion solle genutzt werden, um generell "selektierende und segregierende Erziehungs-, Bildungs- und Unterrichtssysteme systematisch infrage zu stellen".

Aus Biewers Sicht herrscht hier allerdings heute "Stillstand" - und das, obwohl Österreich schon 2008 die UN-Menschenrechtskonvention unterzeichnet hat, die viele als Auftrag zur Abschaffung der Sonderschulen interpretieren. Nach 1993 habe sich nicht mehr viel entwickelt. "Man müsste das für das gesamte Schulsystem ausbauen", fordert der Experte und verweist auf positive Beispiele in anderen Ländern.

Wunsch: Umstellung des Systems auf Inklusion

Gerade die Lehrergewerkschaft, die in anderen Ländern zu den Innovationsförderern in diesem Bereich gehöre, stehe in Österreich auf der Bremse. Außerdem gebe es eine Gruppe von Eltern schwerstbehinderter Kinder, die sich mit der momentan an den Spezialschulen geleisteten Rundumbetreuung (Ganztagsbetreuung, gute Verfügbarkeit von Sozialdiensten) der Kinder gut arrangiert hätten und durch inklusive Beschulung eine Verschlechterung fürchten.

Tatsächlich müssten solche Eltern an Integrationsschulen derzeit selbst viele Arbeiten übernehmen. Aber, so ist Biewer überzeugt, dieses Problem ließe sich lösen, wenn man nicht mehr um viel Geld zwei Systeme parallel laufen lasse, sondern die Ressourcen aus den Spezialschulen in die Integrationsschulen umlenke.

Für die Zukunft wünscht sich Biewer deshalb die Umstellung des gesamten Systems auf Inklusion, also der Möglichkeit gesellschaftlicher Teilnahme auch für Menschen mit speziellen Bedürfnissen. Man könnte damit beginnen, keine Kinder mehr in die ersten Jahrgänge der Sonderschule aufzunehmen und diese stattdessen inklusiv zu beschulen.

Die Sonderschulpädagogen, die dadurch frei würden, sollten dann in den Regelschulen eingesetzt werden, um eine Förderung zu garantieren. Nach acht bis neun Jahren wäre das gesamte Schulsystem umgebaut.