Erstellt am 18. Februar 2015, 08:53

von Vanessa Bruckner

Der letzte Flug der Nr. 17. Vor genau 70 Jahren stürzt ein amerikanischer Kriegsbomber über dem Bezirk ab. Heimo Gutleben fand, wonach viele Historiker seit Jahrzehnten suchten: den US-B24-Bomber.

Heimo Gutleben (r.) mit Fundstücken des Kriegsbombers B24J, der am 21. Februar 1945 über Kemeten abstürzte. Fotos: zVg  |  NOEN, zVg
Akribisch packt er ein Stück nach dem anderen aus seinem schwarzen Koffer. „Das hier ist ein Stück Plexiglas von der Bugnase des Fliegers, sehn?S? Und hier Hülsen der verwendeten Munition, die von einem der zehn an Bord installierten Maschinengewehre verschossen wurde.“

Wochenlang Wälder im Bezirk durchstreift

Heimo Gutleben legt ein Stück Geschichte nach dem anderen auf den Tisch. Teile einer B24J Liberator , eines viermotorigen US-Bombers, der am 21. Feber 1945 im Gemeindegebiet von Kemeten abgestürzt ist. An Bord zehn amerikanische Soldaten der 15. Air Force - und alle überleben.

Der Historiker aus Leidenschaft ist sich nach unzähligen Stunden Recherche in allen erdenklichen Büchern, Archiven und Chroniken mittlerweile vollkommen sicher, welcher Maschine die Teile zugeordnet werden können - und vor allem, an welchem Tag dieses Flugzeug abgestürzt ist.

Wochenlang durchstreift er die Wälder im Bezirk. „Ich weiß, dass in den letzten Jahrzehnten viele nach Wrackteilen gesucht haben, umso glücklicher bin ich, dass ich nicht nur Augenzeugen, die den Absturz der Maschine gesehen haben, ausfindig machen konnte, sondern mir erst vor wenigen Tagen ein mit 15. März 1945 datiertes Foto von einem Mann aus Kemeten überreicht wurde, auf dem das Flugzeugwrack abgebildet ist“, erzählt Gutleben.

Zeitzeugen und ein brennender Feuervogel

„Vor ungefähr zwei Jahren hat mir Ernst Szabo, Gründer des Unterwarter Heimatmuseums, Flugzeugteile des Bombers gezeigt. Da hab‘ ich zum ersten Mal davon gehört und fand keine Ruhe mehr, ehe ich nicht auch eine aufschlussreiche Geschichte dahinter finden konnte“, gesteht der Oberwarter schmunzelnd.

Recherchen in Archiven, Chroniken aber auch im Internet blieben weitgehend erfolglos. „Herr Szabo erinnerte sich, dass damals angeblich noch ein bisserl Schnee gelegen ist, aber schon Tauwetter herrschte, als der Flieger brennend vom Himmel stürzte. Das war mein erster Anhaltspunkt. Ich wusste, dass es gegen Ende des Winters gewesen sein musste. Allerdings wusste niemand mehr ein Datum, ja nicht einmal das genaue Jahr, in dem der Absturz passierte. Im Internet fand ich schließlich im Dokument „Known Losses 484th Bomb Group Aircraft“ den Namen ’Oberwartz‘. Sehr oft wurden Ortsbezeichnungen falsch geschrieben aber ich wusste, dass ich auf der richtigen Spur bin.“

Der Absturz war mit 21. Februar 1945 datiert. „Und in dem Moment war mir klar, dass das Foto vom 15. März 1945, das ich erst kürzlich bekommen habe, tatsächlich die verschollene B24 No.17 zeigt.“ Gutleben machte in Kemeten fünf Zeit- und Augenzeugen ausfindig. „Die waren damals noch Kinder, zwischen sechs und 16 Jahre alt. Eine Dame hat mir erzählt, dass die brennende Maschine mit lautem Getöse plötzlich über dem Obstgarten in der Kemeter Bergen auftauchte, worauf die Familie angsterfüllt ins Haus flüchtete.“

Zeitzeugin bekam Schokolade geschenkt

Die B24, so der Experte, ist einer von rund 19.000 Stück gebauten amerikanischen Bombern dieses Typs, die ab Anfang 1944 von Italien aus starteten, um strategische Ziele im Wiener Raum zu bombardieren. „Unsere Gegend wurde damals fast täglich von feindlichen Bomberverbänden überflogen.“

Die Squadro N.17 gerät zudem noch vor Kemeten unter Beschuss eines deutschen Jagdfliegers, schrammt knapp an der Saubergkapelle in Kemeten vorbei und stürzt schließlich im Wald an der Hottergrenze zu Unterwart ab.

Der Pilot springt als Letzter aus der brennenden Maschine. Er wird von Männern aus der Bevölkerung Kemetens festgehalten. „Eine Zeitzeugin erzählte mir noch, dass sie vom Piloten Schokolade geschenkt bekommen hat. Da waren allerdings, wie damals üblich, Aufputschmittel drinnen, damit sie möglichst lange fliegen konnten“, berichtet Heimo Gutleben schmunzelnd.

Umliegende Orte beschafften sich Wrackteile

Auch die anderen Besatzungsmitglieder der Maschine werden festgenommen und alle überlebten die Gefangenschaft in einem Lager. „Ein Soldat lebt heute noch, ich habe sogar ein Tonband mit einem Interview von ihm, wo er auch vom Absturz erzählt“, berichtet Gutleben stolz.

Auf die Frage, warum man kaum Wrackteile der Maschine gefunden hat, weiß er ebenso eine Antwort. „Die Zeitzeugen erzählten, dass sich jeder aus den umliegenden Orten Wrackteile geholt hat. Aus den Reifen wurden Gummiradierer für die Schulkinder gemacht, aus den Sauerstofftanks fabrizierte man Wassereimer und die Fallschirme der Soldaten waren aus Seide und deshalb sehr begehrt.“

In Kemeten wird der Wald von der Familie des Besitzers bis heute noch „Fliegerwald“ genannt.