Erstellt am 19. August 2015, 06:12

von Michael Pekovics

Petrakovits nach Vermisstensuche: „Uhr hatte sich verstellt“. Vermisster tauchte wieder auf: Stefan Petrakovits verlor Proviant und musste improvisieren. Außerdem hatte sich seine Uhr verstellt.

Wieder zu Hause. Nach seinen Erlebnissen in Kanada will Stefan Petrakovits sein Wissen in Survivalkursen weitergeben. Foto: zVg  |  NOEN, zVg

In der Vorwoche berichtete BVZ.at über den Dürnbacher Stefan Petrakovits, der von seiner Familie als vermisst gemeldet worden war, weil er sich nach einem Wandertrip im kanadischen Yukon Territorium nicht wie vereinbart gemeldet hatte. Kurz vor Redaktionsschluss tauchte der 23-Jährige dann doch wieder auf:

Einige Tage nach seiner Rückkehr erzählte Petrakovits, der sich schon jahrelang mit Überlebenstechniken in der Wildnis beschäftigt, der BVZ von seinen Erlebnissen: „Als ich mich durch dichten Unterwuchs kämpfte, öffnete sich mein Rucksack und ich verlor den meisten Proviant und mein Zelt.“

Den Gewichtsverlust bemerkte Petrakovits erst wieder in einfacherem Gelände. „Suchen wäre sinnlos gewesen, weil alles in grünen Packsäcken verstaut war – quasi eine Tarnfarbe in dieser Umgebung.“

Ohne Proviant und Zelt in Wildnis unterwegs

Aus einer 42 Meter langen Schnur bastelte der 23-Jährige insgesamt 20 kleine Fallen, als Köder fungierten Erdnüsse. Neben mehreren Kleintieren spießte der Dürnbacher auch zwei Lachse mit einem selbst gebauten Fischspeer auf. „Ich musste auf meine Fähigkeiten vertrauen, um nicht hungern zu müssen oder nass zu werden.“

Als er wieder nach Whitehorse, dem Ausgangspunkt seiner Reise zurückkehrte, glaubte er, er sei noch pünktlich. Erst beim Einschalten seines Handys und 100 unbeantworteten Anrufen am Display wurde ihm klar, dass etwas nicht stimmt. „Meine Uhr muss sich verstellt haben, ich habe mich dann sofort bei meinen Eltern gemeldet.“

Die Reise will er trotzdem nicht missen: „Ich habe mir einen Traum erfüllt. Aber natürlich tut es mir leid, dass sich so viele Menschen um gesorgt haben.“

Demnächst will er sein Outdoor-Wissen bei Kursen weitergeben. „Wissen ist das Einzige, das man nicht verlieren kann. Ohne das nötige Knowhow nützt einem die beste Ausrüstung nichts.“ Eines hat er gelernt: „Trips in unbewohnte Gebiete sollte man besser zu zweit machen und nicht alleine unterwegs sein. “


Hier der vollständige Reisebericht von Petrakovits:

Ich beschäftige mich schon jahrelang mit dem Thema Bushcraft- und Survivaltechniken und habe im Laufe der Jahre meine Fähigkeiten in Alpin- und Waldlandschaften ausgebaut. Ich verbrachte viel Zeit mit nur wenig Ausrüstung in extremen und abwechslungsreichen Landschaften und habe dort meine Fähigkeiten verfeinert und viele Dinge ausprobiert, die zum Überleben beitragen. Aufgrund meiner hohen Erfahrung im Outdoorbereich und durch den Anreiz einer einmaligen und unberührten Natur erfüllte ich mir den langgehegten Wunsch nach Kanada zu fliegen.

Der Nordwesten Kanadas zählt zu den letzten unberührten Flecken dieses Planeten, in dem immer noch echte harte Wildnis zu finden ist. In solch einer weitläufigen Gegend trifft man oft auch nach wochenlangem Marsch auf keine Menschenseele. Natürlich muss einem bewusst sein, dass man in solch einer Wildnis auf sich alleine gestellt ist, keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen kann, tagelang eventuell nicht nach einem gesucht und man nicht gefunden wird. Auch auf die dortige Tierwelt muss man vorbereitet sein. Denn ohne Kenntnisse über richtiges Verhalten im Lebensraum des Grizzlybären herumzumarschieren und zu campen ist keine gute Idee! Ich hatte mich eingehend darüber informiert und dachte zu diesem Zeitpunkt, das sei ausreichend. So buchte ich, mit dem Ziel echte Wildnis hautnah zu erleben, den Flug.

Ich brach am 26.08.2015 vom Flughafen Wien Schwechat nach Whitehorse ins kanadische Yukon Territorium auf. Dort angekommen ging ich direkt vom Flughafen aus zum Yukon River, der direkt durch die Hauptstadt des Territoriums Whitehorse fließt. In Whitehorse selbst verbrachte ich nur wenige Stunden, um Kartenmaterial und etwas Proviant für meinen Abenteuertrip zu besorgen. Das waren im Besonderen einige Kilo Reis und getrocknete Bohnen.

Ich hatte für diesen Trip 12 Tage Zeit, also hatte ich geplant, die Hälfte der Zeit in der Nähe des Yukon Rivers flussabwärts zu gehen und danach kehrt zu machen um den Rückweg nach Whitehorse anzutreten.

Als ich alle meine Sachen, die ich benötigte, in meinem Rucksack, der inzwischen ca. 35kg wog verstaut hatte, ging ich los. Ich nahm den Stadtplan und navigierte als erstes zum Fluss, dem ich folgen wollte, bis ich aus der Stadt in die unmittelbar angrenzende Wildnis ging. Die ersten Tage ging ich permanent durch Waldgebiete, die regelmäßig von mehreren hundert Meter breiten tückischen Sumpfstreifen durchzogen wurden. Wie ich bald merkte, säumten diese Streifen einen langen Teil des Yukon River. In solch einer Situation muss man erfinderisch und kreativ sein, um sicher über solche Sumpfabschnitte zu kommen. Aus dem vielem Totholz, das überall herum lag, baute ich mir improvisierte Schier, die ich an meinem Stiefeln mit Paracordschnur befestigte. Dies tat ich, um so mein Gewicht auf eine größere Fläche zu verteilen, und um das Einsinken in dem matschigen Boden zu verhindern.

Die nächsten darauffolgenden Tage marschierte ich ausschließlich in Waldgebieten, in denen das Vorankommen nicht mehr so anstrengend war. Doch dann passierte mir ein Missgeschick:

Als ich mich durch dichten Unterwuchs kämpfen musste, löste sich eine Zusatztasche meines Rucksackes unbemerkt, und auch der Bodenzipp wurde durch die Einwirkung der vielen Stauden geöffnet. Aus diesem Grund verlor ich einige wichtige Teile meiner Ausrüstung und auch den meisten Proviant. Mir fiel der deutliche Gewichtsverlust erst auf, als ich den dicht bewachsenen Abschnitt durchquert hatte und keine Stauden, Dornen und Äste mehr an mir zerrten. Mir war sofort bewusst, dass es keinen Sinn haben würde nach den Sachen zu suchen, da ich sie in grünen wasserdichten Packsäcken untergebracht hatte. Diese Tarnfarbe in dieser Wildnis wiederzufinden war sehr unwahrscheinlich!

So musste ich den Rest der Tage ein improvisiertes Lager aus Naturmaterialien bauen, die ich zur Verfügung hatte, da unter anderem auch mein Zelt unter den Verlustsachen war. So war ich nun gezwungen zu improvisieren.

Die karge Landschaft hielt wenig pflanzliche Nahrung bereit, bis auf einige Beeren war nicht viel zu finden. So musste ich mich vor allem auf meine Fallen verlassen, für die ich mein selbstgeflochtenes Paracordarmband opferte. Ich zog die innenliegenden Fäden aus der Nylonhülle heraus und hatte somit 42 Meter dünne Schnur, mit der ich ca. 20 kleine Fallen aufbauen konnte. Ich fand noch eine Handvoll Erdnüsse in meinem Rucksack, die ich als Köder verwendete. In dieser Situation hatte ich keine Wahl, ich musste auf tierische Nahrung zurückgreifen. Da zurzeit gerade Lachswanderung war, gelang es mir, 2 Fische mit einem Fischspeer zu harpunieren. Diesen fertigte ich aus einem langen Ast, bei dem ich eine Seite zugespitzt und kreisförmig aufgefächert hatte. Auch ein paar andere an Land lebende Kleintiere konnte ich mit meinen Fallen erlegen.
Ich musste den gesamten Rückweg über auf meine Fähigkeiten vertrauen, um nicht hungern zu müssen oder nass zu werden.

Die tägliche Routine bestand aus folgenden Dingen:

  • In der Früh aufstehen, Feuer machen, Wasser abkochen, Fallen abbauen, erlegte Tiere zubereiten und essen, Lager abbrechen, marschieren.

  • Am Abend Lager aufbauen, Fallen stellen, Feuer machen, Wasser abkochen sowie Tee aus Fichtennadeln zubereiten, schlafen.

So kehrte ich nach einigen Tagen nach Whitehorse zurück. Ich glaubte derzeit noch pünktlich zu sein, denn auf meiner Armbanduhr war es 07.00 Uhr früh und der 07.08.2015. Mein Rückflug nach Österreich ging um 15.00 Uhr. Nun war ich der Meinung noch genug Zeit zu haben um duschen zu gehen, bevor ich mich ins Flugzeug setzen würde. Zur selben Zeit schaltete ich wieder mein Handy ein, um wie ausgemacht meine Familie anzurufen. Doch dann war ich etwas verwirrt. Ich hatte über 100 Anrufe in den letzten 2 Tagen bekommen!!! Das Handy vibrierte ganze 10 min lang, bis alle SMS mit den Benachrichtigungen der versäumten Anrufe empfangen waren. Dann fiel mir auf, dass das Datum nicht überein stimmte. Auf meinem Handy war der 10.08.2015, wohingegen auf meiner Uhr der 07.08.2015 angezeigt wurde. Verwirrt ging ich in das nächste Geschäft und fragte nach Uhrzeit und Datum. Ich war schockiert, als ich hörte, dass es Montag der 10.August und nicht Freitag der 07. August war! Ich konnte mir nicht erklären warum das Datum auf der Uhr falsch war. Ich musste  wohl im Schlaf oder als ich mich durch die dichten Stauden gekämpft habe etwas an der Uhr verstellt haben, ohne es bemerkt zu haben!  Ich rief sofort meinen Vater an, der mich darüber aufklärte, was sich zu Hause abspielte, und dass ich bereits von diversen Stellen gesucht wurde. Daraufhin ging ich sofort zur nächsten Polizeistation um mich zurückzumelden. Durch die große Hilfe meiner Familie und Freunde konnte ich noch am selben Tag einen Flug  nach Hause nehmen.

Für mich war dieser Urlaub trotz der Probleme, die ich zu bewältigen hatte, wunderschön und ein einmaliges Erlebnis. Meine Familie und Freunde hingegen machten wohl die schlimmste Zeit ihres Lebens durch, als ich zur vereinbarten Zeit nicht wieder aufgetaucht bin. Ich sehe jetzt auch alles mit anderen Augen, sehe auch die andere Seite. Wahrscheinlich werde ich es noch besser verstehen, wenn ich selbst einmal Kinder haben werde.
Für die nähere Zukunft habe ich erstmal vor, mein Wissen und meine Erfahrungen in Form von Bushcraft- und Survivalkursen an interessierte naturbegeisterte bzw. naturinteressierte Menschen  weiterzugeben.

Denn das Wissen ist das Einzige, was man in der Natur nicht verlieren kann. Ohne das nötige Knowhow nützt einem die beste und teuerste Ausrüstung nichts. Deshalb ist es gut, vorbereitet zu sein, um auch mit sehr wenigen Dingen überleben zu können.

Doch sollte man solche Trips in unbewohnte Gebiete besser in einer Gruppe oder zumindest zu zweit machen, da es auch in meinem Fall trotz meines großen Wissens ein Risiko und gefährlich war, alleine unterwegs zu sein. Ich habe jetzt die Erfahrung gemacht solche Unternehmungen nicht mehr allein zu machen, da auch alle  Aktivitäten  im Outdoorbereich viel schneller und leichter von der Hand gehen, wenn man in einer Gruppe ist. Außerdem vervielfältigt sich der Spaßfaktor enorm je größer die Gruppe ist, da es alleine schon sehr langweilig werden kann.

Momentan befinde ich mich noch in Gesprächen und Organisation meines Vorhabens.