Erstellt am 19. August 2015, 09:58

von Vanessa Bruckner

Harrison: „Ich will hier bleiben“. Harrison ist Christ. Ein „Fehler“ in seiner Heimat Nigeria. Wie er vor Boko Haram flüchtete und seine Worte an unsere Regierung.

Optimist. Harrison besuchte aus Einnahmen vom Zeitungsverkauf zwei Deutschkurse. Foto: VB  |  NOEN, Vanessa Bruckner

Fünf lange Monate hat es gedauert, bis er seiner Mutter am Telefon sagen konnte, dass er noch am Leben ist. „Sie leidet seither an Depressionen und es geht ihr nicht gut“, erzählt Harrison.

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Auch seine beiden jüngeren Geschwister hat der 33-Jährige seit seiner Flucht aus Nigeria vor über zwei Jahren nicht mehr gesehen.

„Wir waren Christen, das war unser Fehler. Die Terrormiliz Boko Haram kennt keine Gnade. Sie kamen nachts, warfen Bomben in unser Wohngebiet und warteten darauf, dass die Bewohner verschreckt aus ihren Häusern flohen. Dann haben sie sie erschossen, wie die Tiere.“

Vier Tage und Nächte auf offener See“

Harrison Osemeke arbeitete als Fleischhauer in einer Fabrik in Nigeria. „Ich führte ein gutes Leben.“ Dann begannen die Tumulte. Ethnische Konflikte zwischen verschiedenen Glaubensanhängern standen in Harrisons Heimat an der Tagesordnung. Und der Tod, der auch.

„Ich wollte an die Universität, um zu studieren. Das durfte ich nicht. Als die Boko Haram kam, floh ich alleine nach Libyen. Ich hatte keine Zukunftsperspektiven mehr. Meine Familie blieb zurück, sie leben versteckt auf dem Land.“

2014 brach in Libyen ein Bürgerkrieg aus. „Ich musste wieder fliehen.“ Der junge Mann, der stets freundlich lächelt, kam mit dem Boot nach Sizilien.

„Vier Tage und Nächte war ich auf offener See. Es war so kalt, so dunkel. Da ist nichts, nur Wasser. Die Kinder weinen, jeder hat Angst. Und du weißt nicht, ob der Typ neben dir im Boot dich nicht kurzerhand ins offene Meer wirft, um mehr Platz und höhere Chancen aufs Überleben zu haben. Niemand hier in Österreich kann sich vorstellen, wie das ist. Niemand“, so Harrison.

„Meine Haut ist schwarz, aber nicht mein Herz“

Fünf Monate nach seiner Flucht aus Libyen erreicht Harrison, der heute in einer Flüchtlingspension in Wolfau lebt, zum ersten Mal seine Mutter via Telefon. „Wir haben viel geweint am Telefon.“

Harrison möchte in Österreich bleiben – und endlich arbeiten dürfen. Zwei Deutschkurse hat er schon am BFI Oberwart absolviert. Bezahlt aus eigener Tasche. „160 Euro kostete ein Kurs, 180 Euro bekomme ich im Monat zum Leben. Deshalb verkaufe ich Zeitungen. Heute hab ich allerdings erst zwei verkauft – und ich stehe schon seit sechs Stunden hier.“ Er mag Österreich und die Leute im Bezirk seien großteils sehr freundlich zu ihm.

Dann stellt Harrison eine Frage: „Weißt du, was deine Regierung mit uns Flüchtlingen vor hat? Ich habe Angst, nicht bleiben zu dürfen. Wenn du meine Geschichte niederschreibst, dann schreib, dass wir alle gleich sind. Das müssen die doch verstehen! Wir sind alle Menschen. Nur meine Haut ist schwarz, nicht mein Herz.“