Erstellt am 17. Juli 2013, 00:00

Vom Loslassen und Leben. Glaube / Für einander sind sie Brüder und Schwestern, die miteinander leben - auch, wenn der andere manchmal nervt. Die Franziskusgemeinschaft in Pinkafeld, ein Besuch.

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Von Vanessa Bruckner

PINKAFELD / Ich musste 31 Jahre alt werden, um endlich zu erfahren, wer die Leute, die neben der Kalvarienbergkirche leben, eigentlich sind. Als kleines Mädchen bin ich oft mit meiner Oma dorthin spaziert. Die Kirche am Hügel Pinkafelds war für mich seit jeher ein ganz besonderer Ort. Heute, über 20 Jahre später, weiß ich: die Menschen, die hier leben, sind auch etwas ganz Besonderes. Aktuell sind sie für ihr menschliches Engagement in aller Munde. Die Franziskusgemeinschaft von Pinkafeld beherbergt nämlich die Flüchtlingsfamilie Simonyan und hat sich, wie Hunderte andere, stark für deren Bleiberecht gemacht.

Ökumene ist hier 

Im Ort nennen wir sie schlicht „die Franziskaner“. Da sie sich im Jahr meiner Geburt, 1981, am Kalvarienberg ansiedelten, waren sie für mich also schon immer da. Warum sie überhaupt da sind, was sie „dort oben“ machen und wer sie überhaupt sind, wusste ich allerdings nie so recht. „Wir verstehen uns als christliche Wohngemeinschaft, die in geschwisterlicher Liebe miteinander lebt“, bringt Bruder Josef es auf den Punkt. Er ist 61 Jahre alt, stammt ursprünglich aus Köln und arbeitete als Werkstoffprüfer. Irgendwann in seinem Leben kam er an den „Ich-hinterfrage-alles“-Punkt. Dann las er in einer Zeitung von der Pinkafelder Franziskusgemeinschaft. Seit 30 Jahren lebt Josef jetzt am Kalvarienberg, gemeinsam mit 20 „Brüdern und Schwestern“ nach dem Vorbild des heiligen Franz von Assisi. Ökumene ist hier täglich gelebte Realität. Trotzdem ist bei der Franziskusgemeinschaft nichts in Stein gemeißelt, jeder Tag ist anders aber immer das Leben - und zwar pur.

Gebetet wird dreimal täglich und nicht, wie ich angenommen hatte, fast ausschließlich. Die kleine Kapelle ist nichts weiter, als ein heller freundlicher Raum.

Josef zeigt mir die Felder, auf denen die Mitglieder der Franziskusgemeinschaft ihr Gemüse anbauen. Weiter geht`s in den Keller. Hier duftet es nach Brot - selbst gemacht natürlich. Genauso wie der Käse und der Most einige Türen weiter. Als Lebensgrundlage für die Mitglieder dienen die Landwirtschaft und der Verkauf daraus. Bio ist hier keine Modeerscheinung, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Mitglieder stammen 

Die Gemeinschaft lebt zum großteils autark. Was man für ein einfaches Leben braucht, wird gemeinsam erwirtschaftet. Darüber hinaus wird rund ein Viertel des Gesamtbudgets an Bedürftige in Afrika gespendet. Menschen, die ein Dach über dem Kopf brauchen, finden es hier - und jede Menge Nächstenliebe, Verständnis und Unterstützung gleich dazu.

Die Gemeinschaft ist vielfältig, die Mitglieder stammen aus allen Teilen der Welt. Schwester Susie kommt aus den USA, ihr Mann, Bruder Lanfranco, ist gebürtiger Tiroler. Der eine war Manager, die andere Krankenschwester, aber ihre früheren Berufe haben sie alle aufgegeben. Die jüngste Mitbewohnerin ist 17, der Älteste 78 Jahre alt. Füreinander sind sie Brüder und Schwestern, die miteinander leben - auch, wenn der andere manchmal nervt.

„Dann zieht man sich einfach in seine eigenen vier Wände zurück“, schmunzelt Josef. Die gibt es nämlich, die eigenen Wohneinheiten - entgegen meiner bisherigen Vorstellung. Und wahrscheinlich glauben im Ort noch immer einige Leut‘, dass die Mitglieder der Franziskusgemeinschaft dort oben in Kutten rumlaufen und den ganzen Tag lang nur beten. Tja – würden sie fragen, täten sie wissen, dass das ausgemachter Blödsinn ist. Ich hab‘ ja auch gefragt. Allerdings habe ich mehr als 20 Jahre dafür gebraucht …

Glaube. Dreimal am Tag wird in der kleinen Kapelle gemeinsam gebetet. Gelebt wird nach dem Vorbild des heiligen Franz von Assisi. Vanessa