Erstellt am 24. August 2015, 09:53

Esskultur im Wandel. Essen und Körper werden immer mehr zum Ausdruck von Lebensqualität und Identität. Welche gesellschaftlichen Auswirkungen der Wandel von Esskultur hat, wird nun in einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF am Beispiel von Vietnam untersucht.

Thanksgiving schmeckt - im Vienna Marriot Hotel.  |  NOEN, zVg/Haberland

Bis 2050 wird die Zahl der Bevölkerung laut demografischen Prognosen auf neun bis zehn Milliarden anwachsen. Eine der zentralen Fragen rund um das Bevölkerungswachstum ist jene der Ernährung. Dabei kommen hier zunehmend die Folgen des Nahrungsmittelüberflusses zum Tragen. Diese Entwicklungen stellen auch die Forschung vor große Herausforderungen.

Ein Grundlagenforschungsprojekt des Wissenschaftsfonds FWF will dem Thema nun eine neue Perspektive aus entwicklungssoziologischer Sicht hinzufügen. Am Beispiel von Vietnam untersuchen Forscherinnen und Forscher der Universität Wien den Wandel in der globalen Esskultur und fragen, welchen Sinn Menschen dem Essen und ihrem "konsumierenden" Körper heute zuschreiben.

Empirisches Verständnis entwickeln

Nach Jahren des Krieges und der Nahrungsmittelknappheit erlebt Vietnam derzeit einen Boom an Lebensmittelvielfalt, an moderner Esskultur und Esstrends, wie sie gerade in urbanen Regionen weltweit zu beobachten sind. "Essen wird immer mehr zum Ausdruck von Lebensqualität, Lebensstil und einer Frage der Zugehörigkeit", erklärt Judith Ehlert vom Institut für Internationale Entwicklung der Uni Wien.

In dem soeben gestarteten dreijährigen FWF-Projekt "Ein körperpolitischer Ansatz des Essens" geht die Soziologin mit ihrem Team den gesellschaftlichen Auswirkungen einer sich verändernden Esskultur nach. "Das Thema Esskultur ist sozusagen ein Vergrößerungsglas, anhand dessen größere gesellschaftliche Veränderungsprozesse in Vietnam, aber auch weltweit, verstanden werden sollen", erklärt Ehlert das Ziel des Projekts.

FRAGESTELLUNGEN DER FELDFORSCHUNG

Das Projekt hat einen klaren urbanen Fokus. Geforscht wird in der Metropole Ho-Chi-Minh City mit ihren 7,1 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Vor Ort erheben die Wissenschafterinnen und Wissenschafter der Universität Wien über einen Zeitraum von rund einem Jahr zahlreiche Daten.

Dazu führen sie Gespräche mit Expertinnen und Experten aus unterschiedlichsten Bereichen wie zum Beispiel der Medienbranche, aus der Gastronomie, der Medizin oder Diätologie. Interviews mit Fokusgruppen aus der Bevölkerung sollen weiters Antworten auf Fragestellungen rund um die Themen Essen und Alter, Geschlecht, soziale Zugehörigkeit, Körperkonzepte und Schönheitsideale liefern.

ESSEN VERBINDET, ODER DOCH NICHT?

Vietnam ist dabei für die Wissenschaft von besonderem Interesse, weil das Land über viele Jahrzehnte für Forschung, besonders ethnografische Forschung, nicht zugänglich war. Zudem befindet es sich inmitten eines starken Veränderungsprozesses. Erst Mitte der 80er-Jahre erlebte Vietnam eine Marktöffnung. Noch weit später, 2007, erfolgte der Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO. Im Fall von Vietnam würde sich laut Ehlert insbesondere die Frage stellen, wie Ess-, Körper- und Lebensstilpraktiken für die entstehende Mittelschicht eine identitätsstiftende Rolle spielen und generell zur sozialen Differenzierung beitragen.

SOZIALE DISTINKTION, KÖRPERKONZEPTE UND SCHÖNHEITSIDEALE

"Schon zu Kolonialzeiten hat das propere Kind einen Klassenunterschied gemacht. Auch heute ist der wohlgenährte Nachwuchs der Beweis dafür, dass man sich Essen leisten kann. Oft werden Kinder aber 'überfüttert'", weist Ehlert auf die Problematik gesundheitlicher Folgen hin. Gleichzeitig boomt auch in Vietnam die Schlankheits- und Diätindustrie.

Dabei vermischen sich westliche und asiatische Schönheitsideale. Bleaching-Cremes sollen zu einer helleren Haut verhelfen. Dem männlichen Ideal des muskulösen Körpers kann mit der Einpflanzung von künstlichen "Sixpacks" nachgeholfen werden. "Alle diese Ideale, Regeln und auch kulinarischen Geschlechterzuschreibungen werden gerade neu verhandelt", so die Soziologin und nennt ein Beispiel: "Vor der Öffnung Mitte der 80er-Jahre waren öffentliche 'kulinarische Räume' männlich dominiert.

Heute weichen diese Geschlechterräume auf. Und dennoch bleiben Rollenzuschreibungen bestehen. Männer trinken bevorzugt den bitteren und starken schwarzen Kaffee, Frauen den weiblich konnotierten Eiskaffee mit dickflüssiger, süßer Kondensmilch."