Erstellt am 18. November 2015, 04:33

von Carina Ganster

Flüchtling kickt für Bocksdorf: „Fußball ist ja überall gleich“. Abdulkader Alhamade ist aus Syrien geflüchtet, hat im Südburgenland eine neue Heimat gefunden und sich kickend in den SV Bocksdorf integriert.

Gelebte Integration. Vor neuneinhalb Monaten ist der Syrer Abdulkader Alhamade nach Stegersbach gekommen und spielt nun beim SV Bocksdorf Fußball. Auf seinen Spielerpass (Foto) ist er besonders stolz. Seit damals ist auch das Wörterbuch sein ständiger Begleiter. Den ersten aktiven Einsatz in der Kampfmannschaft feierte der Mittelfeldakteur am 12. September beim Spiel gegen Burgauberg. Fotos: zVg/Ganster  |  NOEN, zVg/Ganster
Abdulkader Alhamade ist 28 Jahre, von Beruf Arzt und kickt in seiner Freizeit beim SV Bocksdorf. Ein gewöhnlicher Mann, denkt man sich auf den ersten Blick. Dass aber eine traurige Geschichte hinter dem Schicksal des 28-Jährigen steckt, begreift man erst, wenn man seine Geschichte hört.

Mediziner neuneinhalb Monate auf der Flucht

Schnell wird klar: Abdulkader hat (s)einen Neustart ins Leben mehr als verdient, ist der Hobbyfußballer doch einer der Menschen, die dank ihres positiven Gemüts sofort ins Herz geschlossen werden.

Der 28-Jährige stammt aus Syrien und ist nach monatelanger Flucht vor neuneinhalb Monaten nach Stegersbach gekommen, wo er derzeit auf einen positiven Asylbescheid wartet. Sein Studium hat er damals in Syrien begonnen und wegen der besseren Jobaussichten in Weißrussland abgeschlossen.

Will Abdulkader in Österreich als Arzt arbeiten, braucht er erstens einen positiven Asylbescheid und muss an einer Universität sein Medizinstudium nostrifizieren lassen. Dazu wird sein Wissen überprüft. Das kann mitunter eine Herausforderung sein, denn die Prüfungen werden in deutscher Sprache abgehalten. „Ich lerne zwar schnell, aber die Sprache ist schon eine Hürde“, erzählt Abdulkader.

Mutter sagte: „Geh, sonst wirst du sterben“

Der erste Weg mit dem Diplom in der Hand führte den damals 27-Jährigen wieder in seine Heimat zu seiner Familie. „Ich bin ein Familienmensch und meine Mutter bedeutet mir alles, deshalb wollte ich auch nie aus meinem Land weg“, erklärt Alhamade.

Der Druck seitens der Terrormiliz IS (Islamischer Staat) wurde aber immer größer und Abdulkader hatte zwei Möglichkeiten: Entweder die IS-Verbündeten medizinisch zu betreuen oder das Land zu verlassen. „Meine Mutter hat gesagt: Geh, sonst wirst du sterben. Das hab ich auch gemacht.“

Über die Türkei trat der Arzt seine wohl gefährlichste Reise in ein besseres Leben an. Im Jänner bei Eiseskälte und ohne Schwimmweste kam Alhamade mit einem Schlauchboot in Europa an. „Diese Fahrt war ein dreieinhalbstündiger Kampf gegen den Tod. Meine Gedanken und Gefühle kann ich nicht beschreiben, die beschäftigen mich auch jetzt noch“, erklärt der Syrer.

Durch Griechenland und Mazedonien ging seine Reise zu Fuß weiter, „acht Tage, oder waren es mehr?“ Er weiß es nicht mehr. „Völlig übermüdet sind wir unter anderem auf Bahngleisen gegangen und haben einen Zug überhört. Die meisten konnten sich retten, ein Mann aus der Gruppe wurde erfasst und getötet“, erzählt Alhamade mit Tränen in den Augen.

Gute Erinnerungen an Traiskirchen

Mit einem Schlepper kam der Hobbykicker nach Österreich. An Traiskirchen hat er nur gute Erinnerungen. Nach drei Tagen im Erstaufnahmezentrum trat Abdulkader seine Reise nach Stegersbach an, gemeinsam mit zehn anderen Männern.

Dass das Leben fernab der Heimat, ohne Sprachkentnisse und ohne Aufgabe, kein Honiglecken ist, wusste Abdulkader schnell. Deshalb machte er es sich selbst zur Aufgabe, sich auf dem schnellsten Weg zu integrieren.

„Als Arzt bin ich natürlich sehr sozial
eingestellt und engagiere mich, seit ich
da bin, beim Roten Kreuz in der
Flüchtlingsbetreuung“
Abdulkader Alhamade


„Ich habe Hilfe angenommen und bemühe mich Deutsch zu lernen, dafür habe ich einen Kurs absolviert. Als Arzt bin ich auch sehr sozial eingestellt und engagiere mich beim Roten Kreuz in der Flüchtlingsbetreuung“, erzählt er.

Über einen Fitnessclub lernte der Syrer Fußballer des SV Bocksdorf kennen, die ihn zu einem Training eingeladen haben. „Das hab ich auch gemacht, eine willkommene Abwechslung, denn arbeiten darf ich ja in Österreich nicht. Sowohl der Obmann, als auch die Spieler und der Trainer haben mich herzlich empfangen. Fußball ist ja überall gleich“, sagt der Alhamade.

Über Integration wird beim SV Bocksdorf nicht lange geredet – sie wird gelebt. Internationalität ist hier Normalität. „Wir haben auch Kicker aus Slowenien und Ungarn, also wo liegt das Problem“, erklärt Obmann Johann Krammer.

Sportlich läuft es beim SV Bocksdorf nicht optimal. Null Punkte in der letzten Klasse zeugen nicht gerade von einem Erfolgsverein, aber in Sachen Integration gehört Bocksdorf wohl zu den erfolgreichsten Vereinen. Und auch der Spaß kommt trotz des sportlichen Misserfolgs nicht zu kurz. „Mir tut das Herz weh, wenn ich die Tabelle anschaue, weil der Verein mehr verdient hat“, sagt Alhamade. Dann muss er schmunzeln: „Ich hab aber schon eine Anfrage aus Stinatz, ob ich nicht dort spielen will.“

Sein sehnlichster Wunsch ist wieder in seine Heimat zurückzukehren. „Ich bin unendlich dankbar, dass ich in Österreich so aufgenommen wurde, hoffe aber trotzdem, dass der Krieg in meinem Land bald vorbei ist, dann will ich wieder zu meiner Familie zurück.“ Im Kreise der Liebsten lebt es sich doch für uns alle am besten, oder?