Erstellt am 03. Oktober 2012, 00:00

bist du Golfer“. viel Adabei-Denken, überg‘scheite Caddies und die Gefahr von Brotschneidemaschinen.

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BVZ: Ihr Erfolg im Profigolf wird über die Höhe des Preisgelds definiert. Stört Sie diese finanzielle Transparenz?

Bernd Wiesberger: Im Golf existieren mehrere verschiedene Touren parallel nebeneinander. Es gibt keine andere Möglichkeit für ein Ranking auf einer halbwegs fairen Basis – außer eben der Preisgeldrangliste.

Mit 789.078 Euro haben Sie sich auf der European Tour 2012 eine stolze Summe erspielt.

Wiesberger: Was an Spesen, an Steuern, an Trainer- oder an Caddiekosten wegkommt, fragt keiner. Trotzdem ist klar: Wenn man gut ist, verdient man im Golf sehr viel Geld.

Und wer nicht vorne mitmischt?

Wiesberger: Auf jeden Profi, der viel Geld verdient, kommen 20 Golfer, die teilweise ihre Existenz aufs Spiel setzen und die leider Geld damit verlieren. Die vergisst man – es ist ein zweischneidiges Schwert.

Kann diese Schere zwischen Top-Verdienst und Existenzängsten kleiner werden?

Wiesberger: Um Golf auf dem Niveau zu halten, wird bei Sponsoren oder Fernsehrechten immer das beste Produkt präsentiert – das meiste Preisgeld wird bei den größten Touren verteilt. Hart gesagt: Wer schaut gern drittklassiges Golf an?

Befinden Sie sich mit Ihrem persönlichen Karriereplan auf Kurs?

Wiesberger: Ich habe in dieser Saison den Sprung geschafft und mich in Europa etabliert, so ist auch für die nächsten zwei Jahre die Tourkarte fix – ich habe einige Sorgen weniger.

Sie meinen Geldsorgen?

Wiesberger: Nicht nur finanziell. Ich kann so alle Turniere spielen, die ich will – abgesehen natürlich von WGCs und Majors, da muss ich mich noch über die Weltrangliste qualifizieren.

Welche Ziele haben Sie sich für die restliche Saison gesteckt?

Wiesberger: Ich will mich für die British Open im nächsten Jahr qualifizieren, also unter die Top 30 im Ranking kommen. Das sieht ganz gut aus.

Heuer durften Sie aufgrund der Siege auf der European Tour bereits zweimal auf Einladungs-Basis in Amerika ran. Inwieweit ist der dauerhafte Sprung über den Atlantik im Hinterkopf?

Wiesberger: Die PGA-Tour ist für die Zukunft ein Thema. Es interessiert mich, dort einmal Fuß zu fassen. Dafür werde ich nächstes Jahr das eine oder andere Turnier außerhalb der Majors und abseits des European-Tour-Kalenders in Amerika spielen. Mein Plan ist, hier mit einer Management-Gruppe zusammenzuarbeiten, die für mich unter anderem Turniereinladungen in die USA organisieren kann.

Wann würde ein Ticket für die Tour in den USA winken?

Wiesberger: Kurzfristig, wenn ich unter die Top-50 der Welt kommen würde oder mich über eine kleinere Tour in Amerika qualifiziere – das dauert aber dann wieder ein ganzes Jahr. Im Idealfall könnte es so funktionieren: Bei einem Turnier in Amerika mitspielen dürfen und gewinnen – dann hast du auch die PGA-Tourkarte…

Besteht die Gefahr, dass Sie angesichts der Erfolge und der tollen Zukunftsaussichten abheben?

Wiesberger: Nein. Es gibt zwar gewisse Zuckerln und Vorzüge, die man genießen kann. Ich denke aber, dass sich das nicht auf meinen Charakter oder meinen Umgang mit Menschen auswirkt.

Durch den Erfolg kommen wohl viele Schulterklopfer dazu.

Wiesberger: Die wird es immer geben. Ich habe aber ohnehin mein Team mit den engsten Vertrauten um mich herum.

In psychischer Hinsicht wirken Sie im Vergleich zu früheren Jahren viel gefestigter.

Wiesberger: Das Blut lecken, das Gewinnen – das muss man erst einmal lernen. Dazu war die Challenge Tour sehr gut, um zu erfahren, wie es ist, als Führender in einen Finaltag zu gehen. Dieser Lernprozess hat gefruchtet – das war schon 2011 auf der European Tour ersichtlich. Der nächste Schritt war das Quäntchen Glück, das dazukommt und mit dem man dann auch Turniere auf der European Tour gewinnt. Diese Entwicklung hat bei mir drei Jahre gedauert.

Jetzt arbeiten Sie daran, Ihr Niveau zu halten und in weiterer Folge zu verbessern. Gibt es trotzdem Gefahrenpotenziale?

Wiesberger: Es können immer Kleinigkeiten passieren, die Auswirkungen auf dein Spiel haben – und sei es nur, dass du dir mit der Brotschneidemaschine in den Finger schneidest und eine Sehne erwischst.

Ein Stichwort. Golf ist nicht gerade gefährlich. Wie hoch ist das Verletzungsrisiko trotzdem?

Wiesberger: Durch die eher monotone Bewegung können Verschleißerscheinungen Probleme machen – im Bereich Schulter, Wirbelsäule oder Hüfte.

Das Thema Fitness ist mittlerweile omnipräsent. Wie wichtig ist dieser Punkt im Golf tatsächlich?

Wiesberger: Wenn du in Asien bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit drei, vier Wochen am Stück spielst, zehrt das. Jeder, der schon einmal eine Golfrunde gegangen ist, weiß, dass das schon eine Anstrengung ist. Als Profi muss die Konzentration immer hoch sein, da ist das umso wichtiger.

Wie steht es um Ihre Fitness?

Wiesberger: Über den Sommer bin ich etwas schleißig. Über den Winter arbeite ich solide mit dem Aufbauprogramm.

Wo sehen Sie am Platz noch Verbesserungsbedarf?

Wiesberger: In erster Linie beim Spiel von 100 Metern zur Fahne – wo man die meisten Schläge benötigt und sich die meisten Schläge sparen kann. Wedges, Chippen, Putten – da unterscheidet sich dann vieles.

Mal angenommen, Sie hätten sich im Profigolf nicht durchsetzen können. Wäre für den Fall der Fälle schon ein beruflicher Plan B bereitgestanden?

Wiesberger: Nicht wirklich. Ich war grafisch aber immer sehr gut, Architektur hat mich auch interessiert  – also wäre es wohl in diese Richtung gegangen.

Wie groß ist im Alltag der Rummel um Sie als Österreichs Nummer eins?

Wiesberger: Zu gewissen Terminen und Anlässen, wie etwa bei den Austrian Open oder zuletzt anlässlich des Ryder Cups, steigt das Interesse. In dieser Phase muss man dann auch mal lernen „nein“ zu sagen – da kann man es nicht jedem Recht machen. Der Beruf darf nicht vernachlässigt werden, sonst wirst du bald ein Adabei. Natürlich gehört alles dazu, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Am Ende des Tages bist du Golfer.

Apropos Ryder Cup: Sie waren, wenn man so will, im erweiterten Kader dabei. Wie wichtig wäre eine Teilnahme an dem prestigeträchtigen Continental-Vergleich?

Wiesberger: Es ist eine große Ehre. Du brauchst ein sehr gutes Jahr, um dich zu qualifizieren und für Europa antreten zu können. Nach dem Sieg in Österreich ist der Ryder Cup kurz herumgeschwirrt. Letztlich war ich noch etwas zu weit weg, als dass es wirklich eng geworden wäre.

So gesehen war die Teilnahme am Ryder Cup nie ein akutes Thema?

Wiesberger: Ich habe zumindest im Vorfeld die Anproben für das einheitliche Outfit schon abgewickelt. Das musste ich tun – für den Fall, dass ich mich qualifiziert hätte.

Mit dem Südafrikaner Shane Koeries haben Sie mittlerweile einen fixen Caddie. Dabei geht es ja nicht nur um das Tragen der Ausrüstung. Wie wichtig ist sein Part?

Wiesberger: Er merkt, wenn ich bei gewissen Schlägen zweifle und weiß dann, was zu tun ist. Mittlerweile kennt er sich aus, wann er etwas sagen sollte und wann nicht. Wichtig ist, dass der Caddie die richtigen Worte findet und dich optimal auf einen Schlag vorbereitet.

Der Caddie als entspannter Gegenpol zum Profi?

Wiesberger: Natürlich muss man schauen, dass er nicht zu entspannt wird. Da sind die Caddies hin und wieder anfällig, dass sie dann überg’scheit oder schleißig werden.

Interview: Bernhard Fenz

Doppelt daheim im Burgenland: In der turnierfreien Zeit wohnt Bernd Wiesberger in Oberwart. Gemeldet ist er mittlerweile auch in seiner unmittelbaren Heimat: Konkret trägt er sein Equipment als Spieler des Reiters Golf & Country Clubs in Bad Tatzmannsdorf.

Bernhard Fenz