Erstellt am 03. Januar 2013, 05:00

„Wir können ja nicht Geld erfinden“. BFV-Boss im Interview | Fußballverbands-Präsident Gerhard Milletich spricht über alte und neue Hürden – auch die Fußballakademie ist hier ein Thema.

Bekenntnis zum Direktaufstieg: BFV-Präsident Gerhard Milletich (r.) im Gespräch mit BVZ-Sportchef Bernhard Fenz. Der Verbandsboss plädiert für die Aufstockung der Ersten Liga und die Abschaffung der Relegation. Auch die Amateur-Teams der Bundesligisten sollen nach Meinung Milletichs künftig aufsteigen dürfen.  |  NOEN
BVZ: Sie haben im März Karl Kaplan als BFV-Präsident beerbt. Wie rasch haben Sie sich eingelebt?
Gerhard Milletich: Wir mussten, schon alleine durch die Pensionierung von Geschäftsstellenleiter Hans Schneider und der Neubestellung seines Nachfolgers Simon Knöbl, Änderungen durchführen. Auch für mich war vieles Neuland. Mittlerweile habe ich genug Informationen rund um den Verband und das Sportliche Haus. Der Betrieb läuft. Es wurde ein funktionierender Verband übergeben.

BVZ: Wie ist es organisatorisch möglich, Herausgeber des Bohmann-Verlags, Chef von Schau-TV, BFV-Präsident und Obmann des SC/ESV Parndorf zu sein.
Milletich: Es ist schwierig, aber es geht – man braucht ein gutes Zeitmanagement. Mittlerweile habe ich mir bei meinen Terminen Fixtage erarbeitet, an denen ich in Wien oder in Eisenstadt bin. Sonst funktioniert es nicht.

BVZ: Besteht die Gefahr, dass Ihnen alles irgendwann zu viel wird?
Milletich: Nein. Notwendig sind aber gute Mitarbeiter, egal ob am Verband, am Fernsehsender oder beim Verlag – Personen, denen ich Vertrauen schenken kann und die mir wichtige Dinge abwickeln. Das war zu Beginn mit zwei Großbaustellen – dem Fernsehsender und dem Verband – nicht so leicht. Jetzt ist es schon viel besser.

BVZ: Mit wie viel Sorge blicken Sie auf unsere Vereinslandschaft? Es herrscht vielerorts Spieler- und Funktionärsmangel, künftig könnten vermehrt auch bei Kampfmannschaften Spielgemeinschaften und Fusionen auftreten.
Milletich: Wenn es geht, werden wir entgegensteuern. Nur ist es heutzutage schwierig, Leute zu finden, die sich dafür hergeben, um Vereine zu führen. Das Ehrenamt im Fußball ist schließlich nicht ganz einfach. Auf der einen Seite arbeiten die Funktionäre unentgeltlich, auf der anderen Seite sind Akteure tätig, die Entschädigungen erhalten.

BVZ: Gerade in finanzieller Hinsicht ist die Sache nicht mehr so einfach wie in früheren Zeiten – Stichwort Nachzahlungs-Forderungen seitens der Gebietskrankenkasse.
Milletich: Wir können da nur vorbeugen, dass es keine neuen Probleme gibt, etwa aufgrund des Falls der Legionärsgrenze: Jetzt muss man sofort kommunizieren, dass dann bei jedem Legionär, der Spesenersatz erhält, 20 Prozent an die Krankenkassa abzuführen sind. Das ist ein ganz wichtiger Faktor, sonst tappen die Klubs in die nächste Falle. Wenn sie aber unbelehrbar sind, kann ich es nicht ändern.

BVZ: Mit Parndorf haben Sie vor Jahren eine fünfstellige Summe an Sozialversicherungsbeiträgen nachgezahlt. Nicht jeder Verein kann das. Gibt es da einen Ausweg?
Milletich: Was die Vergangenheit betrifft, kann man nichts tun. Das sind Dinge, die auch ich als Parndorf-Obmann leidvoll erfahren musste. Da hast du keine Chance.

BVZ: Ein neues Sorgenkind könnte im Amateurfußball der vom ÖFB ab Juli 2013 beschlossene Fall der Legionärsgrenze werden.
Milletich: Wir haben diesem Beschluss mit der Einführung der Eigenbauspielerregelung und der Verbandsspielerregelung entgegengewirkt. Im neuen Jahr wird es in allen drei Gruppen Sitzungen geben, damit klar ist, wie die Regelung aussieht.

BVZ: Wie beurteilen Sie als Neo-BFV-Präsident die Entwicklung unseres Aushängeschilds – der Fußballakademie Burgenland?
Milletich: In sportlicher Hinsicht gibt es nichts Besseres. Die Akademie ist für den Nachwuchs im Spitzensport ein ganz wichtiger Faktor. Auf der anderen Seite gibt es das Problem der Wirtschaftlichkeit. Die Belastungen, die der Verband zu tragen hat, sind enorm – das ist ein sehr großer Anteil von unserem Gesamtbudget.

BVZ: Die zu bezahlenden Summen sind ja nicht neu für den Verband.
Milletich: Trotzdem muss man hinterfragen, ob das genauso aufrechterhalten werden kann oder nicht. Es gibt schließlich auch die Problemstellung, dass die Toto-Mittel zurückgehen werden. Wir können ja nicht Geld erfinden, also müssen wir hier ganz genau darauf achten, dass uns das wirtschaftlich nicht über den Kopf wächst.

BVZ: Was bedeutet das konkret?
Milletich: Wir laufen Gefahr, dass wir uns die Akademie als Fußballverband nicht mehr leisten können. Das muss intern diskutiert werden, denn dieser Faktor fällt dem Verband wirtschaftlich sehr zur Last.

BVZ: Der SC/ESV Parndorf, dem Sie als Obmann vorstehen, liegt derzeit in der Ostliga auf einem Relegationsplatz – überrascht?
Milletich: Wir haben die Mannschaft im Sommer verjüngt und verbilligt, wollten unter die ersten fünf kommen. Es war und ist also nicht mein Primärziel, unbedingt aufzusteigen.

BVZ: Und wenn es doch gelingt?
Milletich: Ich werde mich den sportlichen Erfolgen stellen, wenn sie kommen. Wir beantragen die Lizenz und werden sehen, was dann rauskommt.

BVZ: Wie aktiv könnten Sie mitwirken, wenn es ein Parndorf-Comeback im Profifußball geben würde?
Milletich: Ich muss gestehen, dass ich sehr wenig Zeit für den Parndorfer Klub habe. Da müsste ich bei einem möglichen Aufstieg jemanden finden, der sich für mich noch mehr im Verein einbringt. Der Mehraufwand an Verwaltungs- und Managementaufgaben wäre die eigentliche Herausforderung.

BVZ: 2006 bis 2008 war Parndorf in der Ersten Liga, es gibt also bereits Erfahrungswerte: Wäre ein Bundesliga-Comeback vom finanziellen Aspekt her ein Problem?
Milletich: Der Spielbetrieb kostet in der Regionalliga viel Geld. In der Ersten Liga ist es durch die Fernseh- und Sponsorengelder wirtschaftlich sogar leichter, weil es andere Zugänge gibt. In dieser Hinsicht habe ich weniger Bedenken.

BVZ: Wäre es für Sie wichtig, neben Mattersburg in der Tipp3 Bundesliga auch einen weiteren burgenländischen Vertreter in der Ersten Liga zu haben?
Milletich: Das wäre natürlich gut, aber es muss nicht Parndorf sein. Ich hätte kein Problem damit, wenn es ein anderer Verein wäre.

BVZ: or einigen Jahren waren Sie noch – speziell was den Zugang zum Parndorfer Fußball betrifft – verbissener. Mittlerweile wirken Sie viel entspannter.
Milletich: Das bin ich auch. Wenn wir aufsteigen sollten, könnten wir den Spielern eine entsprechende Plattform bieten. Wenn es nicht so ist, kann man auch nichts machen. Es ist kein Muss.

BVZ: Der Direktaufstieg in die Bundesliga scheint ein Muss zu sein – geht es zumindest nach einem Beschluss des ÖFB-Präsidiums, dem auch Sie angehören.
Milletich: Der Beschluss, dass wir den Direktaufstieg haben wollen, war nötig. Bislang war das Entgegenkommen der Bundesliga null, sie hat ihre eigenen Interessen durchgesetzt – die 20 Vereine sagen, was für sie das Beste ist. Es wird allerdings nicht berücksichtigt, was für den Fußball in Österreich das Beste ist.

BVZ: Was ist denn das Beste?
Milletich: Eine Aufstockung der Ersten Liga und auch eine Aufstiegsmöglichkeit für die Bundesliga-Amateurteams – damit sie dort eine Plattform zur Weiterentwicklung haben. Die drängen von der Klasse her längst rauf. Jeder soll aufsteigen können, der Meister wird und die Lizenz hat.

BVZ: Dann verkommt die Erste Liga neben den drohenden wirtschaftlichen Problemen womöglich zur Farce, wenn die Amateurteams nicht aufsteigen können, aber vorne liegen.
Milletich: Das ist keine Farce, jetzt haben wir schon eine Stufe weiter unten dieselbe Situation. Warum soll das in der Bundesliga ein Problem sein und in der Regionalliga keines? Fakt ist: Die Bundesligisten teilen sich jetzt das Geld auf, putzen sich ab und sagen, die Amateurvereine sollen unten bleiben. Das ist ein ganz eigenartiger Zugang, der o.k. ist, wenn ich im Eigeninteresse der Klubs denke, aber ganz sicher nicht im Interesse des gesamten Fußballs.

BVZ: Bis 2016 dauert Ihre Amtsperiode als BFV-Präsident. Denken Sie auch darüber hinaus?
Milletich: Ich bin bei meinem Verlag seit 25 Jahren tätig und beim Fußballverein seit über 20 Jahren Obmann – also betreibe ich Dinge nicht kurzfristig. Entscheiden werden natürlich die Vereine, von ihnen werde ich gewählt.

Interview: Bernhard Fenz