Erstellt am 29. Dezember 2010, 00:00

„Die werden mich fragen, ob ich nicht ganz dicht bin“. PRÄSIDENT AM WORT / Fußball-Boss Karl Kaplan über die Akademie, den SVM, die Prüfungen der Gebietskrankenkasse, seine letzte Amtszeit und mögliche Nachfolger.

Karl Kaplan wird nicht müde zu betonen, welche Aufgabe die Fußballakademie Burgenland hat: Für ihn geht es darum, so viele junge Spieler wie möglich für den Trägerverein SV Mattersburg auszubilden.HAFNER  |  NOEN
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VON BERNHARD FENZ

BVZ: Wie sieht Ihre Bilanz des Kalenderjahres 2010 aus?

Karl Kaplan: Wir haben im Nachwuchs mittlerweile den Status einer Fußball-Akademie, dort ist ein Schritt nach vorn bemerkbar.

BVZ: Stören Sie die herbstlich schwachen Meisterschaftsergebnisse im Nachwuchs?

Kaplan: Mir wären gute Resultate auch lieber. Aber die Fußballakademie soll Spieler entwickeln, und das tut sie. Jeder soll einmal schauen, wer bei Mattersburg bereits auf der Bank sitzt und eben dadurch nicht mehr im Nachwuchs spielt.

BVZ: Haben andere Akademien mehr und besseres Potenzial?

Kaplan: Salzburg hat bei einem Sichtungsspiel 100 Spieler nach Wien eingeladen, um die besten auszusuchen. Wenn der Vater ein Fußballnarr ist und den Schalmeien-Tönen unterliegt, geht der Spieler mit 14 Jahren eben zu Red Bull Salzburg. Nur hat er weder das Umfeld, das wir ihm bieten können, noch hat er letztlich eine echte Chance, tatsächlich nach oben zu kommen. Beim SV Mattersburg spielen Lukas Rath, Patrick Farkas oder Dominik Doleschal, um nur drei zu nennen. Rapid hat jede Woche versucht, Christian Gartner zu holen. Gott sei Dank ist es gelungen den Eltern plausibel zu erklären, dass das der gescheitere Weg ist. Er hat jetzt einen Jungprofivertrag und kann sich künftig wahrscheinlich aussuchen, was er machen möchte.

BVZ: Sehen Sie, abseits der Heranführung junger Talente an den Profikader des SV Mattersburg, einen allgemeinen Qualitäts-Anstieg?

Kaplan: Wir haben aktuell 17 ehemalige Nachwuchs-Spieler mit einem Jungprofivertrag in der Ersten oder Zweiten Bundesliga, 30 spielen in der Regionalliga und 46 in der BVZ Burgenlandliga. Die heben alle das Niveau.

BVZ: Wie viele Talente pro Jahrgang sollen beim SVM landen?

Kaplan: Ein Spieler pro Jahrgang wäre in fünf Jahren eine halbe Mannschaft. Zwei wären mir natürlich lieber, und drei sind noch besser. Je mehr wir entwickeln, desto mehr rechnet sich diese Investition in die Fußballakademie.

BVZ: Trotzdem gibt es genügend Kritiker an der Akademie und am dortigen Betrieb.

Kaplan: Viele sind mit der Entwicklung zum Spitzennachwuchs nicht glücklich. Es gibt Regionen, wo die Klubs keine Freude haben und sogar behindern, dass die Spieler etwa ins LAZ gehen, weil sie genau wissen, dass sie dann fort sind. Der Trainer des Vereins XY will das Talent behalten und selbst gut dastehen. Aber das ist nichts Neues, dass sich die Freude über diese Entwicklung – vom Breiten- zum Spitzenfußball – auch bei manchen in Grenzen hält.

BVZ: Stichwort SVM: Wird unser Aushängeschild absteigen?

Kaplan: Das glaube ich nicht. Mattersburg geht den richtigen Weg, ist wirtschaftlich gesund und setzt auf die Jugend.

BVZ: Und wenn es sportlich doch nicht reichen sollte?

Kaplan: Dann werden wir alle darunter leiden, aber es ist trotzdem der richtige Weg.

BVZ: Was lief im Herbst falsch?

Kaplan: Vielleicht hat die Mannschaft aufgrund ihrer Jugend und mangelnder Erfahrung etliche Punkte verschenkt. Aber wenn ich von der Leistung her etwa die 1:2-Niederlage gegen die Austria mit einem Spiel zu Saisonbeginn vergleiche, dann ist eine enorme Steigerung zu erkennen.

BVZ: Was für eine Auswirkung hätte ein Abstieg auf den burgenländischen Fußball?

Kaplan: Es wäre natürlich ein Dämpfer. Auf die Fußballakademie hätte es aber keine großen Auswirkungen, alles ist abgesichert. Von einer Katastrophe zu sprechen, wäre also vermessen.

BVZ: Die Prüfungen der Gebietskrankenkasse sowie die geforderten Nachzahlungen stellen einige Vereine in der Regionalliga und in der BVZ Burgenlandliga vor große Probleme. Zuletzt wurde es wieder ruhig.

Kaplan: Das heißt aber nicht, dass nichts passiert. Es entwickelt sich hier ein Flächenbrand und die öffentliche Hand muss sich gut überlegen, was sie da tut. Die Bewegungsarbeit in der Schule wird ja nur kompensiert durch 400 Nachwuchsmannschaften. Sollten Vereine zusperren müssen, gibt es auch keine Nachwuchsarbeit mehr.

BVZ: Was muss passieren, sollte ein Klub durch eine Nachzahlung vor dem Aus stehen?

Kaplan: Die Politik ist aufgerufen, dagegen anzukämpfen. Wir haben bei uns die größte Dichte an Nachwuchsmannschaften in ganz Österreich. Das ist nicht meine Leistung, sondern das ist die Leistung von 158 Vereinen. Gesundheitspolitisch ist das extrem wichtig.

BVZ: Aber warum sollte die öffentliche Hand irgendwelchen Klubs helfen, die aus verschiedensten Gründen wirtschaftlich am Sand sind?

Kaplan: Was passiert, wenn Klubs zusperren müssen? Wir haben 400 Nachwuchsmannschaften mit sechs- bis siebentausend Jugendlichen. Wer kümmert sich um die? Wer bietet ihnen eine organisierte Möglichkeit im Breitensport? Einen Verein umzubringen ist für mich eine Todsünde.

BVZ: Auch wenn falsch gewirtschaftet wurde?

Kaplan: Natürlich bin ich dagegen, dass abgetakelte Stars geholt werden, aber man muss den jungen Leuten und den Klubs eine Chance geben, sinnvoll zu agieren. Es kommt die öffentliche Hand wesentlich billiger, die Vereine zu unterstützen, als gegen sie zu arbeiten. Wenn die Stunden der ehrenamtlichen Funktionäre, die alles am Leben halten, bezahlt werden müssten, wäre das nicht zu finanzieren. Dieses Budget möchte ich dann gerne sehen.

BVZ: Sind Sie vom Nationalteam aufgrund der bisherigen EM-Quali euphorisiert?

Kaplan: Nein. Aber ich bin auch kein Pessimist. Die eine oder andere Überraschung ist möglich – und es geht aufwärts.

BVZ: Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie 2012 nicht mehr als BFV-Präsident zur Wahl antreten werden? Was sind Ihre Gründe dafür?

Kaplan: Es ist weder ein offenes Geheimnis noch sonst etwas. Bei der letzten Hauptversammlung wurde im ÖFB ein Alterslimit beschlossen, das liegt bei 68 Jahren. Und dieses Limit habe ich bereits hinter mir. 2012 werde ich 70.

BVZ: Selbst wenn Sie wollten, dürften Sie also nicht mehr?

Kaplan: Ich müsste um eine Ausnahmegenehmigung ansuchen. Aber die Altersregelung macht Sinn. Irgendwann muss ein anderer her.

BVZ: Würden Sie gerne noch eine Periode weitermachen?

Kaplan: Ich stelle das gar nicht zur Debatte, sondern werde mich auf die Altersregelung berufen. Ich weiß, was ich in der Politik davon gehalten habe, wenn die Alten nicht gehen wollten. In Wahrheit wäre es keine gute Lösung.

BVZ: Was wäre demnach eine gute Lösung?

Kaplan: Eine neue Person, die viel Zeit investieren kann, um die Weichen zu stellen, damit wir nicht irgendwann den gleichen Zirkus haben wie damals, als ich gekommen bin. Das will ich dem BFV ersparen.

BVZ: Gibt es aus Ihrer Sicht einen geeigneten Nachfolger?Kaplan: Ich wüsste schon Personen, aber die werden mich fragen, ob ich nicht ganz dicht bin – weil ihnen die Zeit dafür fehlt. Es würde mich jedenfalls freuen, wenn wir jemanden finden, der einen nahtlosen Übergang ermöglicht. Am Ende vielleicht noch in ein politisches Hickhack zu verfallen, das wäre ganz schlecht.