Erstellt am 10. September 2015, 06:22

von Bernhard Fenz

Gerhard Hitzel: „Der Markt wird genau durchleuchtet“. Der burgenländische Chefscout der Wiener Austria spricht über seine Aufgabe, über die große Konkurrenz und über Ex-Klub Mattersburg.

Unter Beobachtung. Für Austria-Chefscout Gerhard Hitzel gilt es, stets auf der Suche nach der richtigen Spielerfährte zu sein. Foto: Bernhard Fenz  |  NOEN, Bernhard Fenz

BVZ: Warum wurden Sie zum Chefscout der Austria bestellt?
Gerhard Hitzel:  Ich habe anlässlich die EM-Qualifikation schon für den ÖFB das russische Team beobachtet. Sportdirektor Franz Wohlfahrt hat wahrscheinlich davon Wind bekommen und hat mich auf eine Zusammenarbeit angesprochen. Anfang Juli wurde es dann offiziell.

„Von Freitag bis Sonntag praktisch rund um die Uhr im Einsatz“

Wie lautet der Austria-Auftrag?
Bereits unter Tommy Parits hat es das Scouting natürlich gegeben. Franz Wohlfahrt will die Abteilung nun ausbauen, weil er großen Wert darauf legt. Und ich bin dafür eben verantwortlich.

Ist das ein Vollzeit-Job?
Ja, aber ich sitze nicht von Montag bis Freitag im Büro. Von Freitag bis Sonntag bin ich praktisch rund um die Uhr im Einsatz, natürlich auch, wenn unter der Woche interessante Spiele stattfinden. Dazwischen ist Videoscouting angesagt.

Müssen Sie auch Spiele beobachten, um die Austria-Gegner zu studieren, oder vorwiegend Spieler, um potenzielle Zugänge zu scouten?
Beides. Mein Konzept beinhaltet drei Bereiche: Erstens die Gegnerbeobachtung, die ist spezifisch. Zweitens die Rekrutierung, dabei verfolgt man die Tätigkeit eines bestimmten Akteurs über einen längeren Zeitraum. Drittens das generelle Scouting – also die Beobachtung von Spielen im allgemeinen, eine Art Marktbeobachtung.

„Denken muss man von Übertrittsperiode zu Übertrittsperiode“

Es heißt, im Hintergrund der Vereine gibt es oft bereits eine sogenannte Schattenelf, also eine imaginär zusammengestellte Mannschaft mit potenziellen neuen Spielern.
Das ist eines der vielen neuen Modewörter im Fußball. In meinem Fall gibt es das nicht, dafür bin ich auch noch zu kurz dabei.

Müssen Sie nicht trotzdem schon weit vorausdenken?
Denken muss man grundsätzlich einmal von Übertrittsperiode zu Übertrittsperiode. Es gibt genug Überraschungen, wenn ein Spieler kurzfristig den Verein verlässt.

Und dann?
Dann sollte man schon eine Idee haben. Bis zum Winter muss auf den Positionen schon etwas parat stehen.

Was ist dabei Ihre Aufgabe?
Konkrete Vorschläge zu liefern. Inwieweit das dann der Headcoach und der Sportdirektor akzeptieren, ist wieder etwas anderes. Sie geben mir entsprechende Aufgaben – ich muss anhand der Prioritätenliste Entscheidungen vorbereiten und aufbereiten.

Wenn es Prioritäten gibt, werden diese auch unterscheidbar sein.
Ja. Ich habe die Kategorien in 'ad hoc-Spieler' – also jene, die dem Verein sofort helfen müssen – und in 'in spe-Spieler', die für die Zukunft gedacht sind und aufgebaut werden sollen, eingeteilt.

Inwieweit sind die Entscheidungsträger in dieser Vorbereitungsphase eingebunden?
Natürlich kommunizieren wir laufend. Ich werde Franz Wohlfahrt im Dezember keinen Namen geben, den er nicht schon von mir kennt. Innerhalb des Vereins ist alles plakativ.

Knüpfen Sie auch einen ersten Kontakt mit einem Spieler?
Nein, das ist reine Sache des Sportdirektors.

Ein wichtiger Faktor wird wohl das entsprechende Netzwerk an Vertrauensleuten sein.
Das wird auch gerade aufgebaut. Zum Teil habe ich Kontakte aus meiner früheren ÖFB-Zeit, auf der anderen Seite sind die internationalen Kontakte von Franz Wohlfahrt sehr wertvoll. Österreichweit sind wir sehr gut aufgestellt, nun wollen wir auch im Ausland noch mehr Fuß fassen.

Über Europa hinaus?
Ja, aber da muss es dann schon wirklich Konkretes geben – und die Vorinformationen müssen übereinstimmen. 50:50 geht da nicht, da muss ein gehöriger Prozentsatz positiv sein.

Zurück zu Europa: Würden Sie auf Verdacht nach Kasachstan zu einer Spielerbeobachtung fliegen?
Nein. Da muss es schon um einen Spieler gehen, der in die engere Wahl fällt.

Sie waren im Sommer mit Blick auf die nächste Übertrittszeit bereits viel unterwegs: Haben Sie gute Perspektiv-Spieler gesehen?
Das kann ich noch nicht sagen. Wir waren vor allem in Österreich aktiv. Einige Spieler müssen wir jetzt noch weiter beobachten.

Wie beurteilen Sie Spieler?
Da Fußball eine komplexe Sportart ist, komplett. Da kann man auch Schwächen tolerieren, wenn gewisse Stärken da sind – das kann sich kompensieren. Der Spieler, der Mensch, ist als Ganzes zu sehen. Hier kommen auch der psychische und der psychisch-soziale Bereich dazu, oder wie sich die Person außerhalb des Spielfelds benimmt.

Wie ist es zu eruieren, ob sich ein Kicker abseits das Platzes gut oder schlecht benimmt?
Österreich ist klein, da erfährt man so etwas in der Regel. Auf internationaler Ebene ist das auch meine Aufgabe oder jene des Scouts, der für uns das macht. Man findet das heraus.

Was passiert mit sämtlichen Informationen über die Spieler?
Wichtig ist die Dokumentation. Aktuell erstellen wir hier eine entsprechende Datenbank, wo die einzelnen Bereiche analytisch beurteilt werden: Schnelligkeit, Kreativität, Technik/Taktik, das Verhalten am Spielfeld mit Mitspielern, mit den Schiedsrichtern, et cetera.

Kann es sein, dass Sie einen 13-jährigen Rohdiamanten scouten?
Nein, dieser Bereich ist für die Akademie vorgesehen. Ich bin ab der letzten Akademie-Stufe bis zur Kampfmannschaft zuständig.

Ist es für einen Klub wie die Austria möglich, sich mit entsprechendem Scouting-Engagement ein Riesentalent angeln zu können?
Der Markt wird von den Top-Klubs genau durchleuchtet, da brauchen wir uns keine Illusionen machen. Eventuell bekommt man aber woanders günstigere Spieler, da gibt es schon gewisse Märkte.

Die Wiener Austria forciert die Sichtungsschiene. Ist Meister Salzburg österreichweit hier trotzdem nach wie vor Spitze?
Ja. Bei einem Klub wie Salzburg sieht man schon, dass das Scouting-Segment ganz oben angesiedelt ist.

Sie sind jetzt 67 Jahre alt. Wohin geht die berufliche Reise von Gerhard Hitzel noch?
Kann man das im Fußball sagen? Ich nicht.

Das heißt, diese Tätigkeit könnte Sie noch länger begleiten?
Bevor ich diesen Job angetreten bin, habe ich genau dasselbe gemacht, aber eben 'just for fun'. Jetzt mache ich das gezielt für einen Verein. Vielleicht geht mir ja irgendwann einmal das Autofahren auf die Nerven, dann wird‘s kritisch …

2010 waren Sie auch für den SV Mattersburg als Koordinator tätig. 2013 stieg der Klub ab. Wie beurteilen Sie das diesjährige Bundesliga-Comeback und die generelle Lage?
Die Entwicklung ist ganz toll. Da sieht man auch wieder, was qualitätsvolle Spieler in einer Mannschaft bewirken können. Die Transfers von Karim Onisiwo, Michi Perlak, Jano, oder davor Markus Pink, haben das Niveau mit einem Schlag gewaltig gehoben.


Wissenswertes

  • Scouts sind Mitarbeiter eines Vereins, die einerseits die jeweiligen Gegner des Klubs beobachten und entsprechende Infos einholen, oder als Talentesichter die nötige Basis für Neuzugänge legen.

  • Der gebürtige Forchtensteiner Gerhard Hitzel, mittlerweile wohnhaft in Eisenstadt, ist seit 1. Juli 2015 als Chefscout für die Wiener Austria tätig. Davor war der 67-jährige Burgenländer jahrzehntelang für die Trainerausbildung in Österreich verantwortlich, zudem arbeitete Gerhard Hitzel in weiterer Folge unter anderem auch in der Nachwuchsakademie des russischen Topklubs LOK Moskau (2008 - 2010) sowie als Koordinator beim SV Mattersburg (2010).