Erstellt am 04. Januar 2012, 00:00

Hause bleiben“. beschäftigt und welchen Anspruch er an die Teamspieler hat.

Im Gespräch mit dem ÖFB-Teamchef. Fußball-Experte Frenkie Schinkels (l.) und Pressehaus-Sportchef Rouven Ertlschweiger (Mitte) fühlten Marcel Koller auf den Zahn. FRANZ BALDAUF  |  NOEN
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VON ROUVEN ERTLSCHWEIGER

UND FRENKIE SCHINKELS

BVZ: Sie haben bei Ihrer Bestellung viel Kritik einstecken müssen. Haben Sie den Eindruck, dass sich die negative Haltung Ihnen gegenüber gelegt hat?

Marcel Koller: Ich habe noch mit keinem Einzigen gesprochen, der mich kritisiert hat. Dass man im Fußball nicht mit Samthandschuhen angefasst wird, ist normal. Deswegen habe ich auch nicht erwartet, dass ich hier mit offenen Armen empfangen werde. Ich habe mir gesagt: O.K., ich mache jetzt einmal meinen Job, und dann schauen wir weiter.

BVZ: Vieles an der Kritik war natürlich inszeniert. Wie würden Sie denn die Medienlandschaft hierzulande im Vergleich zu jener in Deutschland oder der Schweiz beschreiben?

Koller: Das kann man nicht vergleichen, das ist eine ganz andere Liga. Jedes Land hat seine eigenen Gesetze. In Deutschland ist fast jedes Stadion immer voll.

BVZ: Punkto neuer Medien bzw. Social Networks sind Sie extrem taff. Sie sind auf Facebook, haben eine Homepage (www.marcelkoller.ch). Nicht jeder 50-Jährige checkt das …

Koller: Ich muss gestehen, dass ich mich auch jetzt noch nicht so gut auskenne (lacht). Ich habe in Bochum schon so gearbeitet, nur hat es da keiner mitbekommen. Mein Management hat mir dann geraten, dass wir auf dem Gebiet aktiver werden. Und es war eine gute Entscheidung, denn es ist beeindruckend, welche Rückmeldungen man hier bekommt. Heutzutage arbeiten die Jungen doch nur noch so. Für die ist es völlig normal, mit dem Handy unterm Kopfkissen zu schlafen.

BVZ: Heißt das, dass Sie auch immer online sind?

Koller: Nein. Ich muss nicht jeden Anruf immer annehmen. Diese Ruhe und Geduld habe ich, dass ich mich nicht gleich frage, was los ist, wenn mich einmal fünf Minuten niemand kontaktiert.

BVZ: Wie viele Interviews haben Sie eigentlich seit Ihrer Bestellung schon gegeben?

Koller: Ich weiß es nicht (lacht). Ich habe eine Sieben-Tage-Woche, und es hört nicht auf.

BVZ: Neun von elf Akteuren, die gegen die Ukraine dabei waren, haben Sie seit dem Spiel einen Besuch bei ihrem Stammklub abgestattet. Warum ist der persönliche Kontakt so wichtig?

Koller: Klar kann man mit Handy oder E-Mails arbeiten, aber das Persönliche ist gerade am Anfang enorm wichtig. Zudem bin ich ein Mensch, der die Dinge gerne „face-to-face“ anspricht. Ich habe allen neun Spielern auch ein Video mitgebracht, wo wir noch einmal alles analysiert haben.

BVZ: Wo liegt für Sie der größte Unterschied zwischen Teamchef und Vereinstrainer?

BVZ: Es ist komplett etwas anderes. Die Spieler kommen zum Team, und du weißt nicht, ob sie konditionell, taktisch und technisch bereit sind. Das passiert ja alles im Verein. Als Teamchef hast du eine Woche Zeit, gewisse Dinge zu erarbeiten. Dass du in diese Woche nicht alles hineinpacken kannst, ist aber auch klar.

BVZ: Danach sind die Spieler wieder weg, und man steht erst alleine da. Ist das auf Dauer nicht sehr frustrierend?

BVZ: Nein, es ist ganz einfach ein anderes Gefühl. Im Nationalteam ist es viel ruhiger, weil du keinen Ergebnisstress hast wie beim Klub. Beim Klub musst du am Wochenende die Punkte holen. Holst du die Ergebnisse, hast du Ruhe. Holst du sie nicht, kriegst du eine auf den Deckel.


BVZ: Sie sind in den vergangenen drei Monaten ein fleißiger Stadiongeher geworden. Was sagen Sie zum Niveau der Liga, sind Sie erschrocken?

Koller: Nein, das Problem liegt woanders. Wenn ich in Deutschland in die Bundesliga schaue, dann sind die Stadien fast immer voll. In Wiener Neustadt hörst du die Spieler am Platz sprechen, das ist in Deutschland undenkbar, weil es so laut ist und so ein Betrieb herrscht. Da kannst du reinschreien, was du willst. Es wäre einfach wichtig, den Zuschauern mehr Komfort zu bieten. Das fängt beim Dach an. Wer schaut sich heutzutage ein Spiel an, bei dem er neunzig Minuten lang im Regen steht? Ein tolles Stadion ist ein Treffpunkt, der die Menschen anzieht.

BVZ: Was sind punkto Nationalteam Ihre Ziele?

Koller: Dass wir jede Position doppelt besetzen und einen Kader von 30 Leuten hinkriegen. Also einen Stamm haben, mit dem wir vermeiden, dass jedes Mal zehn neue dabei sind. Wir wollen ja unsere Ideen vermitteln und nicht immer von vorn beginnen.

BVZ: Dass alle Teamspieler so Gas geben, wie gegen die Ukraine, wird es aber nicht immer spielen. Da sind ja auch einige um ihr Leiberl gelaufen.

Koller: Wer für Österreich spielt, der trägt auch eine Verantwortung. Wer keinen Bock hat und nicht will, der soll zu Hause bleiben. Es kann nicht sein, dass die Entwicklung in der einen Woche nur gut war, weil ich neu dazugekommen bin. Das ist jetzt unser Level. Und das Ziel ist nicht, wieder hinunterzugehen.

BVZ: Stichwort Kapitänsfrage. Haben wir im Team einen echten Leader, oder kriegt der die Schleife, der Geburtstag hat?

Koller: Der Kapitän muss die Ideen des Trainers tragen, aber auch im Team anerkannt sein. Natürlich haben wir Spieler, die was zu sagen haben. Entscheidend ist aber die Leistung.

BVZ: Diese Antwort passt zu Marko Arnautovic. Was halten Sie vom Bremen-Stürmer?

Koller: Man vergisst immer wieder, dass er erst 22 Jahre alt ist. Er ist ein sehr guter Kicker, und ich frage mich: Wie viele haben wir in Österreich, die eine Partie entscheiden können? Marko gehört mit seinem Körper in den Strafraum hinein, da ist er gefährlich. Mit ihm muss man arbeiten. Vor Bremen gegen Berlin habe ich ihm ein Acht-Minuten-Video zusammengeschnitten und ihm gesagt: So musst du spielen.