Erstellt am 13. Juni 2016, 05:15

von Bernhard Fenz und Martin Ivansich

Istvan Magyar: „Ein 2:2 ist realistisch“. Der 60-jährige ungarische Ex-Teamspieler traf 1976 per Kopf gegen Österreich und prognostiziert für den rot-weiß-roten EM-Auftakt harte Gegenwehr.

Magyar, seit 1982 im Burgenland lebend, fühlt sich Österreich extrem verbunden. »Hier habe ich ein Zuhause.«  |  NOEN, Bernhard Fenz
Es war der 12. Juni 1976, als ein 20-jähriger Profi von Ferencváros beim Länderspiel gegen Österreich den Ball in Minute 35 per Kopf an Friedl Koncilia vorbei zum 1:0 einnetzte: Istvan Magyar. Der junge Mann wirkte nicht nur beim 2:0-Sieg im Budapester Nep-Stadion mit, sondern auch im selben Jahr beim 4:2 gegen Österreich im Wiener Prater am 13. Oktober.

„Haben gesagt, dass ich ein Dissident bin“

Insgesamt 16 Mal lief Magyar für Ungarn auf. Auf den ersten Blick wenig, auf den zweiten Blick klar: Der Rechtsfuß (er spielte links im defensiven Mittelfeld) begehrte gegen das damalige kommunistische System auf, weil er Ungarn 1979 unerlaubt verließ, um im Ausland Fuß zu fassen. „Wäre ich geblieben, hätte ich auch mehr Länderspiele absolviert. So aber haben sie gesagt, dass ich ein Dissident bin. Das war der Vorwurf: Ich hätte Ungarn verraten. Der Fußballverband wollte mich zwei Jahre sperren lassen.“

Später waren Probleme dieser Art nicht mehr usus, etwa, als Landsmann Tibor Nyilasi 1983 zur Austria wechselte, um nur ein Beispiel zu nennen.

Magyar aber durfte, wie er erzählt, fünf Jahre lang nicht einmal zurück in seine Heimat nach Ungarn. Die illegale Ausreise wog zu schwer.

„Ungarn kann gegen Österreich nur
durch Kraft und Wille bestehen.
Spielerisch sind sie unterlegen.“
Istvan Magyars Einschätzung


Einen Namen machte er sich dafür in Belgien bei Brügge – davor war er schon ein halbes Jahr beim GAK und wäre nebenbei beinahe in den USA als Kicker gelandet – oder später dann ab 1982 bei der Austria, wo er unter Trainer Wenzel Halama („Ein sensationeller Coach und Mensch“) begann und letztlich drei Saisonen lang spielte.

Später verschlug es ihn zum Wiener Sportclub, dann zum damaligen Oberhausklub SC Eisenstadt und in jenes Bundesland, wo Magyar heute noch lebt. „Seit 1982 bin ich mittlerweile in Österreich – und ich habe immer nur im Burgenland gewohnt. Ich möchte nirgends anders hin. Das ist das schönste Bundesland, noch dazu mit fantastischen Menschen.“

Der heute 60-Jährige gerät merklich ins Schwärmen, längst fühlt sich der Ex-Profi „wie ein Österreicher“. Auch wenn Istvan Magyar am Papier Ungar ist. „Ich bin trotzdem stolz, dass ich damals weggegangen bin und Fuß gefasst habe.“

Reine Herzenssache: „Ich halte zu beiden“

Seit damals ist auch seine Frau Erika, eine gebürtige Kanadierin, an Istvans Seite. Mittlerweile leben die Magyars in Trausdorf. Wenn sich zum EM-Auftakt Österreich und Ungarn gegenüberstehen, ist das für den Fußball-Experten auch eine Herzensangelegenheit. „In Ungarn bin ich aufgewachsen. In Österreich wohne ich, hier habe ich ein Zuhause.“

Zu wem er halten werde? „Zu beiden“ so die schmunzelnde Antwort. Das verwundert insofern nicht, als der Mann, der um vier Tage älter ist als Austria-Ikone Herbert Prohaska, über die persönlichen Fußball-Vorlieben sagt: „Mein Blut ist grün-weiß und violett-weiß.“ Stichwort Ferencváros Budapest und Austria Wien – „seine“ Vereine.

Wobei der aktuelle Trainer des ASK Tschurndorf in der 1. Klasse Mitte („Ich habe eine super Mannschaft, auch der Vorstand ist toll, alles passt“) sehr wohl die Favoritenrolle bei Rot-Weiß-Rot ortet: „Österreich ist Favorit und hat einen Riesenvorteil: Fast alle Kaderspieler sind im Ausland tätig. In Ungarn ist es umgekehrt, da spielen nicht viele ständig in starken Mannschaften.“

Und doch seien unsere Nachbarn nicht zu unterschätzen. „Mit Kraft und Wille können sie bestehen, spielerisch sind sie unterlegen.“ Da helfen auch Tugenden, die etwa unter dem deutschen Teamchef Bernd Storck weiter forciert worden sind: „Die Mentalität hat sich geändert. Früher wäre die Mannschaft nach einem Gegentreffer zusammengebrochen, jetzt hat sie eine Haltung. Ich glaube, das Spiel endet 2:2 – das ist realistisch.“