Erstellt am 21. Januar 2016, 05:43

von Bernhard Fenz

Ivanschitz' nächster Anlauf beim US-Abenteuer. Andy Ivanschitz (32) peilt in der zweiten Saison mit Seattle den ersten MLS-Titel an und will sich weiter empfehlen – auch für das A-Team.

Lange erfolgreich: Bis zum Conference-Halbfinale konnte Ivanschitz mit seinen Kollegen vermehrt jubeln, gegen Dallas folgte dann das Aus. In der neuen Saison soll es noch besser laufen. Foto: Gepa/Joe Nicholson  |  NOEN, GEPA pictures/USA Today
Auf geht’s! Gut drei Wochen lang hat Andreas Ivanschitz über die Weihnachtszeit die Akkus mit seiner Familie daheim im Burgenland aufgeladen. Nun ist der gebürtige Baumgartener bereit für neue Taten mit Seattle Sounders.

Schließlich neigt sich die im Vergleich zu Europa ungewöhnlich lange Winterpause dem Ende zu. Schön langsam kommt die neue Saison der Major League Soccer (MLS) in Sichtweite.

Am 23. Februar und am 2. März macht das Viertelfinale der CONCACAF-Champions League bereits einen ersten Geschmack. Seattle darf dabei mit CF America aus Mexiko das beste Team der Gruppenphase fordern, ehe dann die reguläre MLS-Saison am 6. März daheim gegen Kansas eröffnet wird.

Neue Zeitrechnung nach Mittel- und Südeuropa

Ivanschitz selbst ist seit 7. Jänner wieder zurück im Großraum Seattle – jener Gegend im Nordwesten der USA, die nicht nur Unternehmen wie Boeing, Microsoft oder Starbucks beheimatet hat, sondern ob des vielen Grüns – sowohl in den bebauten Gebieten, als auch aufgrund der umliegenden Wälder – sehr gute Lebensqualität verspricht.

Das ist auch in Bellevue der Fall, einer östlich an Seattle angrenzenden Stadt, wo der Burgenländer mit seiner Familie das Privatquartier bezogen hat. Seit August können sich die rot-goldenen Neuankömmlinge davon überzeugen, was Sache ist. Dabei mussten sich die Ivanschitz’ nach den Stationen in Athen (Panathinaikos), Mainz und zuletzt Valencia (Levante) erst einmal auf die weit größere Entfernung zum Heimatland einstellen.

„Etwas schwierig war es schon, weil meine Frau und ich Familienmenschen sind – und unsere Familien eben wirklich sehr weit weg sind. Schon alleine der Zeitunterschied (Anmerkung: Seattle liegt neun Stunden hinter Mitteleuropa) nach Hause war zu Beginn etwas problematisch.“ Auch das Klima sei speziell im Vergleich zum warmen Valencia vergleichsweise frisch. Besonders im niederschlagsreichen Winter liegen graue Tage oder Regentage durchaus im Trend.

Diese Begleitumstände ändern aber nichts daran, dass sich der Profi mit seiner Frau Anja und den drei Kindern Ilia, Nahla und Luna in der neuen Umgebung mittlerweile sehr gut eingelebt hat. Zu sehen gibt es abseits des täglichen Arbeitsplatzes ohnehin einiges: „Es ist eine sehr interessante Gegend mit viel Grün, viel Wasser in Form von Seen, dem Meer – einfach Abenteuer.“ Gut 150 Kilometer nördlich erstreckt sich zudem die kanadische Grenze, ein Dreitages-Ausflug nach Whistler Mountain ist auf der privaten Erledigt-Liste bereits abgehakt.

„Die Amerikaner sind hier sehr lernfähig –
die gesamte Entwicklung der MLS hat
mich fasziniert und taugt mir einfach
extrem.“
Andreas Ivanschitz über den
Fußballsport in den USA

Der Hauptgrund des USA-Aufenthalts ist aber klarerweise die Arbeit von Andreas Ivanschitz als Fußballer am Platz. Da stoppte den ehemaligen A-Teamkapitän gleich zu Beginn seines Engagements eine Verletzung, was sich retrospektiv paradoxerweise als Vorteil herausgestellt hat. „Ich konnte mich da langsam aufbauen und habe letztlich sogar davon profitiert. Zu dem Zeitpunkt war es natürlich bitter, aber danach ist es für die Mannschaft und für mich sehr gut gelaufen.“

x  |  NOEN, GEPA pictures/USA Today
Der offensive Mittelfeldspieler selbst lebte sich sportlich in der neuen Liga überaus rasch ein – und das, obwohl Ivanschitz die MLS nach seinen Erfahrungen in den höchsten Spielstufen Österreichs, Griechenlands, Deutschlands und Spaniens nicht mit europäischen Formaten vergleichen will: „Das ist eine komplett andere Geschichte. Alles hier ist zwar schon sehr entwickelt, aber trotzdem sehr jung. Die Amerikaner sind für vieles offen und sehr lernfähig, gleichzeitig schielen sie nach Europa und sind sich nicht zu schade, Dinge von dort anzunehmen. Außerdem wird nicht sofort gejammert, das Positive überwiegt eindeutig. Diese gesamte Entwicklung hat mich fasziniert und taugt mir einfach extrem.“

Zudem scheint das sportliche Paket definitiv zu passen. Andy Ivanschitz erkämpfte sich bei den Sounders einen Stammplatz, erwies sich in der Offensivabteilung als Stütze und verpasste mit seinem Team in den Play-offs gegen Dallas nur ganz knapp das Conference-Endspiel (also die letzte Hürde vor dem MLS-Finale) – erst im Elferschießen kam das Aus, ausgerechnet Ivanschitz war mit einem vergebenen Strafstoß eine der tragischen Figuren. Lokalrivale Portland schnappte sich wiederum am Ende den Pott und setzte sich die MLS-Krone auf.

Sei’s drum. Längst hat sich der Fokus in Seattle, das seit 2009 an der MLS teilnimmt, wieder auf die neue Punktejagd gerichtet. Die Formulierung des Ziels ist einmal mehr eindeutig: „Der Titel, das wird hier jedes Jahr ausgegeben.“

Kapitel A-Team bleibt auch weiter geöffnet

Eine spannende Saison liegt also vor dem Legionär. Einerseits geht Ivanschitz mit seinem US-Klub erstmals in eine komplette Saison, außerdem gilt es, sich weiterhin zu profilieren. Der Vertrag mit den Amerikanern läuft noch bis Ende der neuen Meisterschaft, inklusive Option auf Verlängerung. Andererseits ist die Europameisterschaft im Juni in Frankreich nach wie vor zumindest unausgesprochen ein Thema.

Der 69-fache Teamspieler und ehemalige Kapitän weiß freilich, dass er im Rahmen der erfolgreichen EM-Qualifikation nie im Aufgebot stand. Andererseits fand er sich zuletzt zumindest auf der Abrufliste wieder. Dementsprechend pragmatisch ist auch sein Zugang: „Ich lasse das alles auf mich zukommen, bin aber grundsätzlich realistisch genug.“

Wenn denn tatsächlich der Ruf von Teamchef Marcel Koller kommen sollte, werde er aber bereit sein – auch nach dem Großereignis in Frankreich übrigens: „Ich bin sicher verfügbar und habe mich auch schon darüber hinaus entschieden: Solange ich auf einem professionell guten Niveau spiele, will ich das Kapitel Nationalteam nicht schließen. Das ist die für mich vernünftigste Einstellung – und das werde ich auch weiterhin so betreiben.“