Erstellt am 03. Dezember 2013, 10:48

„Jeder hat das gewusst“. Die BVZ bat einen Wettbüro-Angestellten und Insider aus Eisenstadt zum Gespräch. Einmal mehr zeigte sich: Das Thema „Spielmanipulation“ ist omnipräsent.

Mittendrin. Florian »Flö« Ivansich, Angestellter in einem Eisenstädter Wettbüro, vor einem Wettautomaten und mit den diversen Quoten. Das Spielen kann kompliziert sein ...  |  NOEN, Foto: BVZ
Von Bernhard Fenz

Zahlreiche Partien der Bundesliga und der Ersten Liga (übrigens vermehrt mit Grödig- und Kapfenberg-Beteiligung) stehen aktuell unter dem Verdacht der Wettmanipulation. Ex-Grödig-Profi Dominique Taboga sitzt in U-Haft, ebenso wie sein damaliger Mitspieler bei Kapfenberg, Sanel Kuljic. Eine bei den potenziellen Drahtziehern gefundene Liste mit Namen von Spielern und Fußballmatches lässt zudem vermuten, dass die Causa des Wettskandals in Österreich sicher noch nicht komplett aufgearbeitet ist.

Im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz untermauerten der Österreichische Fußballbund und die Bundesliga derweil den Willen zur Aufarbeitung. ÖFB-Boss Leo Windtner sieht die Krise aber auch „als Chance“, wenn eine lückenlose Aufklärung erfolgt. Die Bundesliga wiederum fordert von allen Klubs schriftliche Erklärungen wider die Spielmanipulation ein und pocht auf Sensibilisierung.
So oder so: Verlierer ist der Fußball. Generell gerät aber vor allem auch das Wettgeschäft in ein extrem schiefes Licht. Grund genug für die BVZ, um sich ein Bild von der anderen Seite zu machen und mit Florian Ivansich (33), Angestellter in einem Eisenstädter Wettbüro und Insider in Bezug auf Fußball-Wetten, zu sprechen.

BVZ: Waren Sie über das jüngste Aufbrechen des Wettskandals in Österreich überrascht?
Florian Ivansich: Nein. Jeder, der sich mit der Materie beschäftigt, hat gewusst, dass geschobene Partien vorkommen können.

Durch welche Indizien?
Ivansich: In diversen Fachforen liest man schon offensichtlich heraus, was Sache ist. Wesentlich sind aber die Quotenverläufe. Geht beispielsweise eine Quote stark herunter, kann das vielleicht sein, dass es mit Ausfällen wichtiger Spieler zu tun hat. Genauso wahrscheinlich ist es aber, dass etwas nicht stimmt.

Was passiert in so einem Fall?
Ivansich: Normal finden sich solche Partien bei einem Frühwarnsystem (Anm.: Betradar), aber nicht immer. Vor einigen Runden etwa ist bei einem Bundesliga-Spiel die Quote der Auswärtsmannschaft eine halbe Stunde vor Spielbeginn von einer Sechser- auf eine Vierer- oder Dreierquote runtergegangen. Das ist schon auffällig.

Waren in der Vergangenheit auffallende Quotenverläufe bei burgenländischen Klubs erkennbar?
Ivansich: Nein, weder in der Bundesliga, noch in der Regionalliga.

Wie schätzen Sie die Lage im Unterhaus ein? Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich Klubs speziell in der zweiten Hälfte der Saison gegenseitig „helfen“ und die eine oder andere Partie verschieben.
Ivansich: Das hat trotzdem nichts mit dem jetzt aufgekommenen Wettbetrug im großen Stil zu tun – der ist hier ganz sicher nicht möglich. Es gibt bei der Regionalliga abwärts Maximaleinsätze von 100 Euro, hier ist der Betrieb limitiert.

Anders als bei den unlimitierten Wetteinsatzmöglichkeiten am asiatischen Markt.
Ivansich: Ja. Dort sind die Einsätze um das Zigfache höher, man kann extrem viel Geld setzen. Bei Wetten in den professionellen Ligen nehmen wir (Anm.: Ambassador Bets, Eisenstadt) beispielsweise keine Summen über 1.000 Euro an – und wenn bereits einmal so ein Betrag auf eine Partie gesetzt wurde, kann man nicht noch einmal darauf ähnlich hoch spielen. Das ist auch so ein Sicherheitsfaktor.

Unlimitiert gewinnen geht demnach auch nicht?
Ivansich: Bei uns gibt es eine Obergrenze. Die Maximalauszahlung beträgt 15.000 Euro.

Oft standen zuletzt auch die sogenannten Ereigniswetten – Wetten auf Elfmeter, Einwurf, et cetera – in der Kritik. Diese sind vor allem am europäischen Wettmarkt beliebt und gängig.
Ivansich: Einerseits ist das für den Anbieter lukrativer, andererseits für den Kunden spannender. Wobei klargestellt werden muss, dass die Fülle an Ereigniswetten vorwiegend bei Internet-Anbietern vorkommt. Dort sind bis zu 70 Spezialwetten pro Spiel möglich.

Worauf kann man bei Ihnen im Wettbüro tippen?
Ivansich: Natürlich gibt es auch bei uns Möglichkeiten, etwa Halbzeit/Endstand, oder die Anzahl der Tore. Die Spezialwetten erfreuen sich großer Beliebtheit, denn das klassische 1,2, X ist für die Masse nicht so interessant.

Kickern von Bundesliga-Klubs ist es bekanntlich nicht gestattet, auf Spiele aus der eigenen Liga zu setzen. Gibt es für Sie Anweisungen, von wem Sie Wetten annehmen und von wem nicht?
Ivansich: Nein. Wir nehmen an, was kommt – es gibt hier keine Vorgaben seitens der Geschäftsführung oder Anweisungen, von wem wir Wetten annehmen und von wem nicht. Bei einem unserer Mitarbeiter könnte der Steffen Hofmann oder der Kevin Kampl kommen, und er wüsste nicht einmal, wer das ist. Den interessiert das gar nicht.

Zahlreiche Kicker gehen in den Wettbüros ein und aus. Wer ist Ihrer Erfahrung nach noch stark im Geschäft dabei?
Ivansich: Das lässt sich so nicht sagen, sondern geht quer durch alle Berufsgruppen. Im Wettbüro treffen sich alle Schichten – egal ob Bankangestellter, Bürgermeister oder Maurer.