Erstellt am 05. Februar 2013, 10:20

„Jetzt weiß ich, wo meine Limits sind“. Die Snowboard-Vizeweltmeisterin aus Sulz über ihre Erfolge, über ihren sportlichen Reifeprozess und warum sie am Start nun immer auf ihren Handschuh blickt.

 |  NOEN, MUELLNER Werner
BVZ: Derzeit läuft die Ski-WM in Schladming. Das Fan-Interesse ist enorm – frisst Sie der Neid?

Julia Dujmovits: Überhaupt nicht. Die Ski-WM in Schladming ist so ein Mega-Event, weil sie in Österreich stattfindet. Wäre die WM beispielsweise in Kanada, wäre es etwas anderes.


BVZ: Was erwarten Sie demzufolge nach der WM in Stoneham für die Snowboard-Weltmeisterschaft 2015 am Kreischberg?

Dujmovits: Diese WM wird ziemlich groß werden – das kann man mit der in Stoneham nicht wirklich vergleichen.


BVZ: Warum nicht?

Dujmovits: Bei minus 30 Grad würde nicht einmal ich mir ein Rennen vor Ort ansehen.


BVZ: Interessieren Sie sich als Snowboarderin für die Ski-WM?

Dujmovits: Natürlich. Anna Fenninger ist mit Manuel Veith – einem Teamkollegen von mir – zusammen. Da ist es klar, dass das ganze Team zum Fernseher geht und die Daumen drückt. Bei Marcel Hirscher hoffe ich, dass er es runterbringt. Am Können scheitert es jedenfalls nicht.


"Man braucht sehr viel Konzentration"


BVZ: Früher herrschte Konkurrenzdenken zwischen Skifahrern und Snowboardern – auch jetzt noch?

Dujmovits: In den letzten Jahren hat sich das sehr verbessert – Hans Pum koordiniert die Sparten. Auch im Forschungsbereich wird zusammengearbeitet, es ist ein gemeinsamer ÖSV entstanden. Dass Ski über allen anderen Sparten steht, ist klar.


BVZ: Vor knapp zwei Wochen haben Sie WM-Silber gewonnen. Konnten Sie schon alles setzen lassen?

Dujmovits: Ich habe realisiert, was passiert ist und was das wert ist. Die extreme Überraschung war es ja nicht. Ich habe zu den Favoriten gezählt – aber es ist immer schwierig, das bei einer WM auch runterzubringen.


BVZ: Müssen Sie sich im Nachhinein betrachtet etwas vorwerfen?

Dujmovits: Vielleicht habe ich mit dem Einzug ins Finale ein klein wenig die Spannung verloren. Als klar war, dass ich fix eine Medaille holen werde, fiel ziemlich viel Druck ab. Da ist dann dieses kurze Erledigt-Gefühl da. Dann muss man aber noch das Finale fahren, wo sich in zwei Läufen alles über Gold und Silber entscheidet.


BVZ: Welche Schlüsse haben Sie für das nächste Finale gezogen?

Dujmovits: Man braucht sehr viel Konzentration und darf sich nicht aus dem Ganzen rausbringen lassen.


BVZ: Die WM ist ein Großereignis. Wer den Gesamtweltcup gewinnen will, muss die gesamte Saison über konstant fahren. Welchen Stellenwert hätte das für Sie?

Dujmovits: Für mich ist der Sieg im Gesamtweltcup rein sportlich gesehen das größte Ziel. Das wäre der Wahnsinn.

BVZ: Sie mussten bereits Tiefschläge – etwa einen Knöchelbruch und zwei Kreuzbandrisse – verkraften. Kommt Ihnen das jetzt in irgendeiner Weise zugute?

Dujmovits: Ich habe daraus gelernt, achte im Moment viel mehr auf meinen Körper. Nur voll fit und gesund kann ich meine Leistung bringen. Früher habe ich mir gedacht: Schauen wir mal – wenn es hält, dann hält‘s, wenn es reißt, dann reißt‘s – halb so tragisch.


BVZ: Sie haben also zu viel riskiert?

Dujmovits: Das ist mein Fahrstil, der mich so weit gebracht hat. Jetzt weiß ich, wo meine Limits sind. Man muss aber auch Limits überschreiten, um besser zu werden. Ich kenne Athleten, die ich noch nie richtig stürzen sah. Die fahren weit unter Limit.


BVZ: Wie nah muss man ans Limit?

Dujmovits: Mein Ziel ist, ein Rennen auf 98 Prozent zu fahren.


BVZ: Und die restlichen zwei Prozent?

Dujmovits: Die sind die Sicherheit, die man braucht, dass man zehn Läufe runterbringt.


BVZ: Klingt, wie wenn die ganze Sache ziemlich eng ablaufen würde.

Dujmovits: Das Schwierige ist, dass man sich nach einem kleinen Fehler nicht dazu verleiten lassen darf, 105 Prozent zu geben. Da arbeite ich jetzt daran.


"Ich weiß, wer meine wirklichen Freunde sind"


BVZ: Taktisch klüger fahren als weiterer Entwicklungsschritt: Konnten Sie den Schalter umlegen?

Dujmovits: Ja, nach dem ersten Saisonrennen – dem Europacup im Lachtal. Obwohl ich im Quali-Lauf klar vorne gelegen bin, habe ich weiter Gas gegeben und bin natürlich rausgeflogen.


BVZ: Was haben Sie gemacht?

Dujmovits: Ich habe mir auf den Handschuh riesengroß „Plan“ mit drei Fragezeichen draufgeschrieben.


BVZ: Seitdem fahren Sie immer mit einem beschriebenen Handschuh?

Dujmovits: Ja – damit ich jedes Mal am Start zumindest daran denke, dass ich einen Plan haben sollte. Da geht alles so schnell, man vergisst leicht, was man sich vorgenommen hat …


BVZ: Olympia 2014 in Sotschi wird bei Ihnen zumindest am Rand laufend thematisiert. Im Rennalltag kann das doch noch kein Thema sein.

Dujmovits: Natürlich denke ich nicht permanent daran. Sotschi ist ein Fernziel – eine Olympia-Medaille mein großer Traum. Es war wichtig für mich zu sehen, dass ich dem Druck standhalten und bei einem Großereignis vorne dabei sein kann.


BVZ: Als Vizeweltmeisterin werden Sie jetzt viele Schulterklopfer haben.

Dujmovits: Ich weiß, wer meine wirklichen Freunde sind und wer auch in schwierigen Zeiten zu mir gestanden ist. Die sind mehr wert als 500 auf facebook.


BVZ: Aktuell sind Sie Snowboard-Profi. Haben Sie für die Zeit danach schon einen konkreten Plan?

Dujmovits: Ich habe sehr lang Lehramt studiert. Jetzt beginne ich mit einem Fernstudium in Deutschland (Anmerkung: „International Business Communication“) und bin einfach total erleichtert darüber, dass ich mich so entschieden habe.

Interview: Bernhard Fenz