Erstellt am 11. Juni 2015, 06:36

von Alfred Wagentristl und Bernhard Fenz

Jürgen Holzinger: „Der Fußball verbindet“. Der Kicker (34) aus Marz verlor beide Beine und spricht im Interview über den Weg zurück, über die Zweifel, den Fußball und die große Anteilnahme am Schicksalsschlag.

Jürgen Holzinger kämpft sich aktuell mit Prothesen wieder ins Leben zurück. Foto: zVg  |  NOEN, zVg

Im August 2014 sollte sich das Leben von Jürgen Holzinger für immer verändern.

Komplikationen bei einer Operation waren der Grund dafür, dass dem Kicker (Bad Sauerbrunn und Forchtenstein/2. Liga, Baumgarten/BVZ Burgenlandliga und Regionalliga Ost, zuletzt Schattendorf/2. Liga) beide Beine abgenommen werden mussten.

Seitdem arbeitet der 34-Jährige an der Rückkehr in ein normales Leben. Die BVZ fragte nach.

BVZ: Was war der Grund für die folgenschwere Operation?
Jürgen Holzinger: Ich hatte im Jahr 2001 Hodenkrebs. Aus dieser Zeit – mit Operation und Chemotherapie – sind Metastasen übrig geblieben. Letztes Jahr hat sich dann herausgestellt, dass bei einem Routineeingriff diese Reste im Bauch- und Brustbereich entfernt werden müssen. Deshalb habe ich mich zu dieser OP entschlossen.

„Die psychischen Schmerzen sind weit schwerwiegender“

Stand im Zuge des Eingriffs so ein Schicksalsschlag wie eine Amputation beider Beine im Raum?
Nein, das kam vollkommen überraschend. Für einen leidenschaftlichen Fußballer wie mich, war und ist es natürlich eine Katastrophe, beide Beine zu verlieren. Das ist unfassbar und nicht zu begreifen.

Hast du körperliche Schmerzen?
Die Phantomschmerzen sind kaum auszuhalten, außerdem kann es immer mit den Stümpfen Probleme geben.

Und die mentale Komponente?
Die psychischen Schmerzen sind weit schwerwiegender. Ich war auch im Koma und die Albträume aus dieser Zeit sind immer noch allgegenwärtig. Die beste Ablenkung bieten meine zweijährige Tochter Lorena und meine Frau Sabrina.

Wie sieht dein Tagesablauf aus?
Ich bekomme laufend Besuch von Familie, Freunden, Arbeitskollegen und ehemaligen Fußball-Mitspielern. Ansonst ist mein Tag geprägt von Therapien wie etwa Gangschule, Krafttraining, Physiotherapie und Regenerationsprogramm sowie einer psychologischen Betreuung.

„Laut Aussagen der Ärzte war ich mehr tot als lebendig“

Wirst du dem Sport nun in anderen Bereichen treu bleiben?
Sport war immer ein fixer Bestandteil meines Lebens, derzeit stehen aber die Rehabilitation und meine Familie im Vordergrund. Es ist noch ein langer und schwieriger Weg.

Wie geht deine Familie mit der aktuellen Situation um?
Für sie war und ist es natürlich ein Schock, aber alle sind froh, dass ich noch am Leben bin. Laut Aussagen der Ärzte war ich mehr tot als lebendig.

Du willst wieder in den normalen Alltag zurück. Gibt es Momente, in denen zu zweifelst?
Es gibt viele Stunden, in denen ich Zweifel und Angst habe, dass ich meine gesteckten Ziele nicht erreichen kann und scheitern werde. Aber ich habe in der Vergangenheit gelernt, dass man hinfallen muss, um wieder aufzustehen.

„Viele Sportlerfreunde haben mich schon besucht“

Hast du schon Zukunfts-Visionen im Kopf, oder zählt nach wie vor primär das Hier und Jetzt?
Derzeit arbeite ich intensiv mit einem professionellen Team am Rehazentrum Weißer Hof, um wieder „auf die Beine“ zu kommen“. Dafür brauche ich meine ganze Kraft und Konzentration.

Warst du seit der besagten Operation schon auf einem Sportplatz?
Nein, dafür ist die Zeit noch nicht reif, die Wunden sind dafür noch zu frisch.

Verfolgst du das Fußballgeschehen aktuell aber trotzdem?
Wenn es die Zeit zulässt, schaue ich gerne Champions League und informiere mich, wie meine Fußball-Kollegen bei meinen Ex-Vereinen so abschneiden.

Apropos: Wie intensiv ist der Kontakt zu deinen Sportlerfreunden?
Zu Jürgen Rauchbauer, der mich auch schon während meines viermonatigen Krankenhaus-Aufenthalts laufend besucht hat, pflege ich intensiven Kontakt. Aber auch viele andere Sportlerfreunde haben mich schon besucht und kontaktiert, worüber ich mich sehr gefreut habe. Es stimmt wirklich, der Fußball verbindet …

Die BVZ hatte berichtet:


Unterstützung für Jürgen Holzinger

www.wirfuerjuergen.at – diese Homepage haben Jürgen Holzingers Raiffeisen-Kollegen und Freunde ins Leben gerufen.

Darauf kann man Fußball-Artikel ersteigern (aktuell ein Trikot von Lionel Messi), ab 18. Juni folgen dann auch andere Sportarten, wie etwa Eishockey (Jaromir Jagr), Tennis (Dominic Thiem und Jürgen Melzer) oder Ski (Matthias Mayer und Benjamin Raich). Der Erlös kommt ausschließlich Jürgen Holzinger zugute – man kann auch einfach nur helfen und spenden.

  • IBAN: AT98 3311 6000 0002 9017

  • BIC: RLBBAT2E116 – lautend auf Jürgen Holzinger Spendenkonto.

Holzinger: „Meine Familie und ich sind sehr froh über diese Unterstützung und möchten uns bei meinem Dienstgeber Raiffeisen, bei dem „Wir für Jürgen“-Team, bei der Pensionsversicherung, bei Mario Linshalm, bei der Katastrophenhilfe Burgenland sowie bei den zahlreichen Menschen, die uns so toll unterstützt haben, recht herzlich bedanken. Das Gefühl, nicht allein zu sein, ist immens wichtig.“