Erstellt am 13. Juni 2016, 19:21

Koller und Fuchs halten nichts von Favoritenrolle. Dass Ungarns Nationaltrainer Bernd Storck der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft die Favoritenrolle zugeschoben hat, lässt ÖFB-Teamchef Marcel Koller und Kapitän Christian Fuchs relativ kalt.

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Beide betonten am Montagabend, es sei entscheidend, sich auf die eigene Leistung zu fokussieren und nicht im Vorfeld über etwaige Kräfteverhältnisse zu spekulieren.

"Ich kann nicht viel damit anfangen, ob wir Favorit oder Außenseiter sind", erklärte Koller im Hinblick auf das Duell mit den Magyaren am Dienstag (18.00 Uhr/live ORF eins) im Stade de Bordeaux. "Wir müssen unser Spiel machen, es wird auf dem Platz entschieden."

Ähnlich äußerte sich Fuchs. "Wir werden uns auf uns konzentrieren und versuchen, das Maximum rauszuholen. Wenn wir an unsere Leistungsgrenze gehen, haben wir gute Chancen, zu gewinnen", sagte der Linksverteidiger.

Fuchs will "eng am Mann stehen"

Der Legionär von Leicester City rechnet mit einer engen Partie. "Es wird eine Heidenarbeit für uns." Man werde die Ungarn keinesfalls unterschätzen, versprach Fuchs. "Sie haben im Play-off zweimal gegen Norwegen gewonnen, das ist nicht einfach."

Nicht einfach ist auch die Aufgabe, die am Dienstag auf den 30-Jährigen wartet - Fuchs bekommt es mit Ungarns Top-Star Balazs Dzsudzsak zu tun. "Er kann Spiele im Alleingang entscheiden, hat aber auch Druck von der Presse, weil alle Augen auf ihn gerichtet sind. Man muss gegen ihn eng am Mann stehen", sagte der Niederösterreicher.

Dzsudzsak zu neutralisieren, liegt aber nicht an Fuchs allein. Auch Teamkollegen wie Vordermann Marko Arnautovic und Nebenmann David Alaba seien in diesem Zusammenhang gefordert, so der 75-fache ÖFB-Internationale.

"Wird Zeit, dass es jetzt endlich losgeht"

Respekt hat Fuchs auch vor Adam Szalai, den er noch aus gemeinsamen Mainzer Zeiten kennt. "Gemeinsam mit Böde repräsentiert er vorne schon etwas", warnte Fuchs, freute sich aber auch über ein Wiedersehen mit Szalai. "Wir haben uns schon kurz ausgetauscht und gesagt, dass es Zeit wird, dass es jetzt endlich losgeht."

Der ÖFB-Kapitän fiebert "einem meiner schönsten Spiele" entgegen und sieht die ÖFB-Auswahl für den EM-Auftakt gerüstet. "Wir sind bereit für das Spiel und das Turnier." Diesen Eindruck hatte auch Koller. "Die Spieler scharren schon mit den Hufen und sind richtig heiß darauf, dass es endlich losgeht."

Daher müsse er seine Schützlinge möglicherweise sogar etwas bremsen. "Damit sie unsere Vorgaben umsetzen", sagte Koller. Bei seinen Kickern rechnet er am Dienstagabend nicht nur mit hoher Motivation, sondern auch mit einer gewissen Anspannung. "Es wird am Anfang wahrscheinlich ein bisschen Nervosität da sein. Ich hoffe, dass wir sie schnell ablegen und zu unserem Spiel finden."

"Gute Stimmung kann einen weit tragen"

Mit einem Sieg gegen die Ungarn wäre man dem angepeilten Ziel, dem Einzug ins Achtelfinale, einen großen Schritt näher. Auch die Chance auf den Gruppensieg wäre in diesem Fall intakt, wobei Koller relativierte. "Portugal ist rein fußballerisch und individuell die beste Mannschaft in der Gruppe." Doch der 55-Jährige meinte auch: "Man braucht eine gute Team-Leistung, um das auf den Platz zu bringen."

Ein starkes Auftreten im Kollektiv sei auch für Österreich ein Schlüssel zum Erfolg - ebenso wie eine möglichst schnelle Erholung nach den Spielen. "Wir brauchen eine gute, professionelle Regeneration, das ist auch Kopfsache. Wenn man erfolgreich ist und eine gute Stimmung hat, kann einen das weit tragen", vermutete Koller.

Die Basis für ein erfolgreiches EM-Abschneiden ist laut Koller in den vergangenen drei Vorbereitungswochen gelegt worden. "Dabei gab es Hochs und Tiefs. In der Schweiz ging es darum, den Kopf frei zu kriegen. Als wir dann auf den Platz zurückgekommen sind, hat noch nicht alles rosig ausgesehen, das hat sich aber zum Spiel hin gesteigert", erzählte der Teamchef und ergänzte: "Ich denke, wir sind bereit."

Einem Einsatz von Marc Janko im EM-Auftaktmatch dürfte indes nichts im Wege stehen. Wie Teamchef Marcel Koller am Montag unmittelbar vor dem Abflug nach Bordeaux bekanntgab, sind alle 23 Spieler für das Duell mit den Magyaren fit.

Jankos Torjäger-Qualitäten gefragt

Janko wurde zuletzt von Muskelbeschwerden geplagt und konnte phasenweise nur individuell trainieren. Seine Torjäger-Qualitäten sind gerade gegen die Ungarn gefragt, die wohl auf eine Defensivtaktik setzen werden. Dabei könnte der Mannschaft des deutschen Trainers Bernd Storck auch die äußeren Bedingungen zugutekommen. Für Dienstag ist in Bordeaux Regen angesagt - ein schwierig zu bespielender Platz hilft im Normalfall dem verteidigenden Team.

Koller will der Wetterprognose aber nicht zu viel Beachtung schenken. "Der Gegner hat das gleiche Wetter wie wir, der Ball ist nach wie vor rund und der Rasen 2,3 Zentimeter hoch", betonte der Schweizer. "Man muss das ausblenden, das darf nicht störend sein."

Seine Schützlinge wüssten auch, wie man unter widrigen Umständen kickt. "Wir sind keine Schönwetter-Fußballer, sondern spielen auch, wenn es stürmt und schneit", erklärte Koller.

"Ich habe die Aufstellung schon im Kopf"

Der Teamchef bat am Montagabend zum Abschlusstraining im Stade de Bordeaux - spätestens nach dieser Einheit sollte die Startformation stehen. "Ich habe die Aufstellung schon im Kopf", verriet der 55-Jährige, naturgemäß ohne Details zu nennen.

In den Stunden vor dem Spiel will Koller seinen Schützlingen die Anspannung nehmen. "Jetzt geht es darum, die Lockerheit beizubehalten und nicht zu verkrampfen." Große Bedenken habe er diesbezüglich nicht. "Wir sind in einem guten Flow drin."

Die dreiwöchige Einstimmung auf die EM ist zur vollsten Zufriedenheit des Teamchefs verlaufen. "Die Vorbereitung hat perfekt geklappt. Wir sind aus meiner Sicht gut vorbereitet." Deswegen blickt Koller der Ungarn-Partie gelassen entgegen. "Ich fühle mich entspannt und locker. Unmittelbar vor dem Spiel wird ein gewisses Kribbeln kommen, aber das brauche ich auch und hat nichts mit Nervosität zu tun", sagte der Nationaltrainer.

Ob seine Auswahl gegen Ungarn als Favorit gilt, interessiert Koller relativ wenig, zumal der bisherige EM-Verlauf gezeigt hat, wie stark sich vermeintliche Außenseiter präsentieren können. "Alle Spiele waren sehr eng, es kann immer auf die eine oder andere Seite kippen", meinte der Teamchef.

Seine Erkenntnis daraus: "Man muss seine Chancen nutzen, sonst bekommt man die Tore selbst. Oft sind Kleinigkeiten entscheidend."