Erstellt am 23. Juni 2016, 14:44

von APA Red

Kollers Resümee: "Bin abhängig von den Spielern". Österreichs Fußball-Teamchef Marcel Koller hat am Donnerstag ein letztes Mal auf dem Podium des Pressezentrums in Mallemort Platz genommen.

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Nach der 1:2-Niederlage gegen Island galt es, eine Bilanz der aus ÖFB-Sicht enttäuschend verlaufenen EM zu ziehen. Dabei führte der Schweizer Gründe an, die schon nach der Auftakt-Niederlage gegen Ungarn zu hören waren.

Seine Mannschaft zeigte bei der EM erst in den letzten 45 Minuten gegen Island, wozu sie eigentlich fähig ist - und das wohl deshalb, weil man mit dem Rücken zur Wand stand. "Als es in der zweiten Hälfte hieß, wir haben nichts mehr zu verlieren, haben wir so gespielt, wie wir es können", sagte Koller.

Die Steigerung kam aber zu spät, um doch noch den Sieg und damit den Einzug ins Achtelfinale am Montag in Nizza gegen England zu schaffen. "Wenn man drei Spiele hat und nur in der letzten Halbzeit so spielt, wie man es kann, dann reicht es einfach nicht, um weiterzukommen", analysierte Koller.

Koller: "Grundsätzlich nicht zufrieden"

Die Enttäuschung des Teamchefs war spürbar. "Ich bin grundsätzlich auch nicht zufrieden. Meine Erwartungshaltung war auch nicht, als Gruppenletzter auszuscheiden." Die Frage, ob er selbst in den vergangenen Wochen Fehler begangen habe, ließ Koller offen.

"Man muss Entscheidungen fällen. Dass dann auch einmal vielleicht solche dabei sind, die nicht gut sind oder die man anders machen würde, ist auch ganz normal."

Allerdings stellte Koller auch klar: "Ich bin Trainer, ich bin abhängig von den Spielern und ich werde weiterhin mit ihnen zusammenarbeiten." Von seinen Schützlingen forderte der Schweizer Selbstreflexion ein und deutete in diesem Zusammenhang Differenzen innerhalb des Teams an.

"Dass es Spannungen gibt, ist völlig normal, wenn man vier oder fünf Wochen beisammen ist. Da ist es wichtig, bei sich selbst zu beginnen und nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen", betonte der Coach.

Außerdem wehrte sich Koller dagegen, die Umstellung auf eine Dreierkette in der ersten Hälfte des Island-Spiels als Grund für die Niederlage zu sehen. "Ein System hat noch nie ein Spiel gewonnen oder verloren. Die Spieler füllen ein System aus."

"Wollte mehr Stabilität im Zentrum"

Keinen Platz in dem ungewohnten System hatte zunächst Alessandro Schöpf, obwohl sich der Tiroler als einer der wenigen Teamspieler aktuell in Topform befindet. Er hätte ihm auch einen Einsatz von Beginn an zugetraut, wollte aber mehr Stabilität im Zentrum haben, sagte Koller zu dieser Personalie.

Weiters erzählte der Nationaltrainer, dass eine Dreierkette gegen Island für ihn schon seit Wochen ein Thema gewesen sei. "Wir haben es im Training geübt und gesehen, es könnte gehen." Dass es dann aber doch nicht ging, hatte laut Koller nichts mit der ungewohnten Variante zu tun. "Es lag nicht am System. Das Tor haben wir nach einem Einwurf bekommen, der Lattenschuss davor war ein Kracher aus 30 Metern."

ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner meinte zum Thema Systemumstellung: "Ich sehe die Diskussion als müßig." Man habe mit dieser Spielanlage "irrsinnig viel Power" gehabt, ergänzte der Oberösterreicher.

Auf den Platz gebracht wurde sie jedoch nicht - möglicherweise auch deswegen, weil man vom relativ frühen Gegentor geschockt war. Koller war über den Treffer noch am Donnerstag verärgert. Zehn isländische Einwürfe habe er seiner Truppe in der Vorbereitung gezeigt.

"Die Spieler waren informiert, dass das wie wie ein Freistoß ist. Da können wir uns nicht davonschleichen. Aber vielleicht ist Nervosität dazugekommen, und dass wir nicht mehr diese Spannung hatten."

Keine großen Umbrüche erwarten

Trotz der Enttäuschung nahm Koller auch einen positiven Aspekt aus Frankreich mit - seine Spieler hätten für ihre weitere Karrieren wichtige Erfahrungen gesammelt. Das könnte schon am 5. September von Vorteil sein, wenn in Tiflis gegen Georgien die WM-Qualifikation beginnt.

Große Umbrüche im Kader darf man sich bis dahin wohl nicht erwarten. "Ich glaube nicht, dass Österreich 40 oder 50 Spieler hat, die auf diesem Level spielen können. Es wird wichtig sein zu schauen, wer das Potenzial hat", erklärte Koller. Außerdem wisse er noch nicht, ob eventuell ein arrivierter Kicker seinen Team-Rücktritt erklärt.

ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner stärkte dem Nationalteam demonstrativ den Rücken. "Ich stehe hinter der Mannschaft, ich stehe hinter dem Betreuerteam und ich stehe hinter dem Teamchef", sagte der Oberösterreicher in einem fünfminütigen Monolog zur Eröffnung der letzten Pressekonferenz im Teamcamp in Mallemort.

Die Spieler hätten ihr Potenzial in Frankreich nicht zu 100 Prozent abgerufen. Die Gründe dafür seien in den kommenden Wochen zu analysieren. In der EM-Vorbereitung, die am 22. Mai in der Schweiz begonnen hatte, sah Ruttensteiner jedenfalls keine Ursache. "In der Schweiz und auch hier in Mallemort ist es perfekt gelaufen." Der ÖFB habe alles getan, um bestmögliche Bedingungen zu bieten.

"Mannschaft hat wahres Gesicht nicht gezeigt"

"Gescheitert sind wir daran, dass wir die Performance nicht auf den Punkt gebracht haben", meinte Ruttensteiner. "Die Mannschaft hat ihr wahres Gesicht nicht gezeigt." Das Ziel, ins Achtelfinale einzuziehen, wurde als Gruppenletzter mit nur einem Punkt und einem erzielten Tor nicht erreicht. "International nicht auf die Performance wie in der Qualifikation gekommen zu sein, war enttäuschend."

Ruttensteiner verwies auf eine Aussage vor Turnierstart, wonach sehr viel davon abhänge, wie gesund und in welcher Form die Spieler zur EM kommen. "Wir haben alles versucht, um die Spieler in Topform zu bringen", versicherte der 53-Jährige. "Die eine oder andere Situation war für die Spieler nicht leicht."

Abwehrchef Aleksandar Dragovic etwa hätte noch unter den Folgen eines Mitte April erlittenen Bänderrisses im Sprunggelenk gelitten - mehr, als nach außen getragen wurde. "Es ist schon schwer, wenn da nach jedem Training Probleme mit dem Knöchel sind", sagte Ruttensteiner. "Trotzdem war es richtig, dass er gespielt hat." In der zweiten Hälfte gegen Island (1:2) etwa habe Dragovic das ÖFB-Spiel von hinten angetrieben.

"Niederlagen können einen weiterbringen"

Obwohl gegen die Isländer nach der Pause die Chance da war, das "Steuer herumzureißen", blieb am Ende die Enttäuschung. "Ich denke aber, dass einen Niederlagen auch weiterbringen können", betonte Ruttensteiner. Nach einer intensiven Analyse werde der Fokus bereits auf die im September beginnende WM-Qualifikation gerichtet.

Die EM soll laut Ruttensteiner zur Entwicklung der Mannschaft beitragen. "Ich sehe viel Positives im Turnier. Es war eine ausgezeichnete Erfahrung auf Topniveau. Das bringt die Spieler auch im Club weiter. Und sie wird sich auch in der nächsten Qualifikation positiv auswirken", meinte der Sportdirektor.

Selbst Topstar David Alaba, der den hohen Erwartungen in Frankreich nicht gerecht wurde, könne vom Turnier profitieren. "Es war auch für einen unserer besten Spieler eine wichtige Erfahrung", sagte Ruttensteiner über den bald 24-Jährigen.

"Zuerst Champions League zu spielen und dann noch eine EM, das ist auch für ihn etwas ganz Neues gewesen, eine Weiterentwicklung. Auch das gehört zu einem absoluten Topspieler dazu."

"Eine Halbzeit ist nicht ausreichend"

Kapitän Christian Fuchs bestritt nach der Heim-EM 2008 bereits sein zweites großes Turnier. Nach dem Sensationsmeistertitel mit Leicester City musste er sich am Donnerstag aber mit einer Enttäuschung in seinen vierwöchigen Urlaub verabschieden.

"Eine gute Halbzeit ist auf so einem Niveau ganz einfach nicht ausreichend", erkannte der 30-Jährige.

So kurz nach einem Turnier-Aus neige man allerdings dazu, alles negativ zu sehen. "Da möchte ich mich wehren. Es ist in den letzten Jahren so steil nach oben gegangen, dass etwas da ist", betonte Fuchs.

"In der nächsten Quali was erreichen"

Dass auch Russland und Schweden, die sich in Österreichs Quali-Gruppe die weiteren EM-Tickets gesichert hatten, als Gruppenletzte ausgeschieden sind, wollte er nicht überbewerten. "Alle drei Mannschaften sind unter Wert geschlagen worden."

Wales und Irland, neben Serbien, Georgien und Moldau, die ÖFB-Gegner in der WM-Qualifikation, stehen dagegen im EM-Achtelfinale. "In der nächsten Quali wollen wir auch etwas erreichen", sagte Fuchs. Vorerst überwog aber die Enttäuschung.

"Mit Schlafen war in dieser Nacht nicht viel." An den Gegebenheiten in Mallemort ist es nicht gelegen. Ruttensteiner: "Wir wären gerne länger geblieben."