Erstellt am 14. September 2016, 05:48

von Bernhard Fenz

Pangl zur Reform: „Man hat einfach das Rad überdreht“. Vier Top-Länder sind ab 2018 viermal vertreten. Europas Profiligen wollen sich wehren. Mittendrin: Generalsekretär Georg Pangl.

Aufwertung: Die Top-Ligen werden künftig noch mehr in die Champions League involviert. Nicht nur Deutschland (im Bild Dortmund) hat dann vier Fixplätze, sondern auch England, Spanien und Italien. Foto: Gepa  |  Gepa

Rund drei Wochen nach dem Finale der UEFA Champions League Mitte Juni mit dem österreichischen Meister bei der ersten Qualifikations-Hürde für die neue Saison in der Königsklasse mitzittern? Dieses Szenario wird es geben, wenn der Ende August vom UEFA-Exekutivkomitee gefasste Beschluss rund um die Königsklasse hält. Federführend war da Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern München, Vorsitzender der europäischen Club-Vereinigung ECA.

Verlierer sind die kleineren Verbände

Darin wurde eine Reform abgesegnet, die den vier größten Ligen Europas (Spanien, Deutschland, England, Italien) ab 2018 je vier Fixplätze zusagt. Macht 16 Tickets, bislang hatte das besagte Länder-Quartett elf.

Verlierer aus der Neuordnung der 32 Gruppenplätze (die wahrscheinliche Aufteilung findet Ihr unten) sind kleinere Verbände. So müssen dann etwa die Meister der Länder auf Platz elf und zwölf der UEFA-Rangliste (aktuell Türkei und die Schweiz) ihre automatische Starterlaubnis abgeben. Sie müssen wieder in die Qualifikation um vier Plätze über den „Meister-Pfad“ und matchen sich mit den Champions der restlichen Ligen – eben von Platz elf bis Platz 55 der Rangliste.

Hier kommt auch der österreichische Titelträger ins Spiel, dessen Qualifikation künftig länger dauern – und ergo früher beginnen – wird. Nur eine Facette dessen, was allgemein als Benachteiligung der kleineren Ligen bewertet wird.

Mittendrin in diesem aktuellen Szenario ist Georg Pangl, Generalsekretär der europäischen Profiligen (EPFL). Der 51-jährige Stotzinger wertet den jüngsten Entscheidungsprozess als Farce. „Das war weder demokratisch noch transparent. Die Schere zwischen Arm und Reich wird im Fußball künftig noch viel stärker aufgehen. Das wollen wir verhindern.“

Historische Titel helfen Klubs wie AC Milan

Ein Beispiel, das der Burgenländer gibt: In der Champions League etwa würden dann pro Jahr von rund zwei Milliarden Euro 1,4 Milliarden an die 16 besten Klubs der Gruppenphase wandern. „Große Fische brauchen trotzdem auch kleine Fische zum Überleben. Darum fordern wir auch eine gerechtere Verteilung des Kuchens. Die Top-Klubs können und sollen entsprechend belohnt werden. Aber im neuen System gibt es weit mehr Verlierer als Gewinner.“

Auch die Neu-Berechnung des UEFA-Koeffizienten, im Zuge derer nun auch die historischen Titel miteinfließen, kommt Top-Klubs zugute. Siehe Italiens ehemaliger Serienmeister AC Milan. Dieser darf sich dann über einen mächtigen Sprung nach vorne freuen. Oder, wie Pangl weiß: „Real Madrid holte sechs seiner elf Titel in den 50er- und 60er-Jahren und ist so auf Platz eins quasi einzementiert.“

Das vorläufige Gesamt-Resümee des ehemaligen Bundesliga-Vorstands lautet jedenfalls: „Die größten Vereine können ruhig mehr bekommen. Aber hier hat man das Rad überdreht, statt auch darauf zu achten, die Mittelschicht oder etwa die Europa League zu stärken.“ Und nun? Der Beschluss ist gefasst – und gilt. Für Pangl ist das trotzdem noch nicht der unumstößliche Schlussstrich. „Wenn man will, kann man alles wieder öffnen und neu überdenken. Das ist unser Ziel.“

Heute, Mittwoch, wird im Zuge des außerordentlichen UEFA-Kongresses in Athen der neue UEFA-Präsident gewählt. Eine gute Gelegenheit für Pangl, vor Ort bei allen Anwesenden für die Sache zu lobbyieren. Der Slowene Aleksander Ceferin gilt als Favorit, Gegenkandidat Michael van Praag (Niederlande) hat Außenseiterchancen. Ob eine der beiden Personen die derzeitige Unruhe zahlreicher Mitgliedsländer nützt, oder sich doch dem Druck der Top-Klubs beugt, wird die weitere Entwicklung in dieser Causa jedenfalls mitbeeinflussen.

„Große Fische brauchen trotzdem auch kleine Fische zum Überleben. Darum fordern wir auch eine gerechtere Verteilung.“

Georg Pangl, Generalsekretär der europäischen Profiligen

Kampf um die Mittelschicht. Georg Pangl von der EPFL befürchtet eine zu große Schere zwischen Arm und Reich. Foto: Baldauf  |  Baldauf

Eine andere Methode könnten angedachte Gegenmaßnahmen sein, um den Beschluss doch noch zu kippen. So wurde im Zuge einer EPFL-Aufsichtsratssitzung in Amsterdam (der Vereinigung gehören pikanterweise auch die vier größten Ligen an) kollektiv angedacht, künftig ein Tabu zu brechen und nationale Meisterschaftsspiele parallel zum Europacup anzusetzen – was den Wert der TV-Rechte verringern würde. „Unser Druckmittel sind mehr als 30 Verbände. Wir hoffen, dass der gesamte Reformprozess neu aufgerollt und transparent gemacht wird – für die Nachhaltigkeit des Fußballs.“

Denn die drohende Praxis hört sich nicht gut an. Spätestens wenn etwa Österreichs Meister wie erwähnt ab 2018 bereits in der zweiten Juni-Hälfte in die Qualifikationsphase einsteigen muss, wird auch Rot-Weiß-Rot ernüchtert sein.

Für Georg Pangl ist dieser Umstand ohnehin generell ein Beweis für Ungleichgewichtung. „Wenn Mannschaften im Sommer dann keinen Urlaub oder keine Regeneration mehr haben, weil bereits die Quali für den wichtigsten Bewerb ansteht, dann können die Verantwortlichen dabei nicht an alle Spieler und den Fußball gedacht haben.“

Champions League

So könnte sich die UEFA-Königsklasse mit ihren 32 Tickets in der Gruppenphase ab der Saison 2018/2019 zusammensetzen:

  • 16 Plätze: die Top-Vier aus Spanien, Deutschland, England und Italien
  • 2 Plätze: Champions-League-Titelverteidiger sowie Europa-League-Champion. Sollten die Champs aus einem der vier Top-Länder kommen, sind folgerichtig mehr als 16 Mannschaften aus der Elite am Start.
  • 4 Plätze: der Meister und Vizemeister der fünft- und sechstplatzierten Länder (derzeit Portugal und Frankreich)
  • 4 Plätze: die Meister der Plätze sieben bis zehn aus der UEFA-Rangliste
  • 2 Plätze: der „Liga-Pfad“ – also die Qualifikation der zweit- oder drittplatzieren Mannschaften jener Länder unterhalb der „Großen Vier“
  • 4 Plätze: der „Meister-Pfad“ – also die Qualifikation der Champions aller Ligen ab Platz elf der UEFA-Rangliste (betrifft auch den österreichischen Meister)