Erstellt am 02. Juli 2013, 10:30

„Wir wollen die Historie bestimmen“. Der neue SVM-Cheftrainer | Alfred Tatar spricht über die Ziele, über sein Image, über Antworten, die unseriös wären und über seine ersten Schritte ins Burgenland.

 |  NOEN, Gregor Hafner
BVZ: Hat Sie in den paar Wochen, die Sie in Mattersburg arbeiten, schon etwas überrascht?
Alfred Tatar: Was Fußball betrifft, habe ich schon viel gesehen – da muss einiges passieren, dass ich überrascht bin.Was ich auf jeden Fall bin: erfreut über mehrere Punkte, die ich hier vorfinde. Der Verein ist in allen Vorschusslorbeeren bestätigt.

Seit 12. Juni trainieren Sie eine neue Mannschaft, auch der Co-Trainer an Ihrer Seite ist mit Markus Karner neu. Wie verläuft die Zusammenarbeit mit ihm?
Tatar: Es ist nicht zielführend und professionell, über seine engsten Mitarbeiter Urteile auszusprechen. Das mache ich weder über Spieler noch über Angehörige des Trainerstabs.

Ihnen wurden im Lauf der Jahre medial Bezeichnungen wie Querdenker, „Fußball-Philosoph“ et cetera verpasst. Sind Sie tatsächlich anders bei der Herangehensweise an gewisse Dinge?
Tatar: Nein. In meinem Fall sind das Etikettierungen, damit etwa Zeitungen Schubladen haben. Das hat mit der Realität, sprich dem Menschen, nichts zu tun.

Womit hat es dann zu tun?
Tatar: Das ist das Geschäft, das ist teilweise eine Imagepflege, durch die man wahrgenommen wird. In meinem Fall hat mir die schreibende Zunft eben die Nische des Philosophen, des Exzentrikers zugewiesen – und ich wehre mich nicht.

Weil Sie immer authentisch in dem sind, was Sie tun und sagen?
Tatar: Ja. Das sind keine erfundenen Floskeln. Spätestens, wenn du am Platz mit den Spielern stehst, bist du durchschaut. Wenn deine Worte schön klingen, aber hohl sind, wirst du nicht durchkommen. Nachdem ich schon geraume Zeit Trainer bin, scheinen diese Worte nicht hohl gewesen zu sein.

Welche Fußballphilosophie vertreten Sie als Trainer?
Tatar: Der Herr Guardiola hat das bei seinem Bayern-Amtsantritt vollkommen auf den Punkt gebracht mit dem Satz: „Das Spiel bestimmen die Spieler.“ Die Trainer werden zu wichtig genommen. Das ist auch meine Philosophie.

In welchem Verhältnis müssen bei Ihnen Taktik und Disziplin mit spielerischer Kreativität stehen?
Tatar: Fußball macht Freude durch das spielerische Element. Wenn man es schafft, das Spielerische, des Kreative, das Schöpferische, so zu leiten, dass es der Sache dienlich wird, dann bin ich ein Verfechter des schönen Fußballs. Wenn es aber kippen würde, weil zu viel Kreativität oft auch ins Uferlose geht, muss man in die andere Richtung die Zügel straffen. Es geht um die Balance. Ordnung und Kreativität müssen zu einem übergeordneten Ganzen verschmelzen.

Ist das Potenzial der Mannschaft da, um in der Ersten Liga attraktiven Fußball zu bieten?
Tatar: Man muss den Ausdruck Attraktivität erst relativieren. In Italien war einmal ein 0:0 das attraktivste – weil die Idee des guten Verteidigens einen extrem hohen Stellenwert hatte. Dasselbe in Brasilien angedacht, wäre nicht attraktiv.

Was wäre beim SVM attraktiv?
Tatar: Attraktivität hat in dem Fall nur dann einen Sinn, wenn man sie mit der Kategorie Erfolg verknüpft. Wenn man eine Hundspartie spielt und 2:0 gewinnt, was zählt dann mehr?

Im konkreten Beispiel sicher der Erfolg. Auf Sicht gesehen sollte der Kick aber auch ansehnlich sein.
Tatar: Man will ja grundsätzlich ein Match bestreiten mit einer Spielweise, die auch Spaß macht. Daher werden wir mit der jetzigen Mannschaft in dieser Liga unser Grundverständnis ändern müssen.

Wie soll das konkret lauten?
Tatar: Wir müssen selbst das Heft in die Hand nehmen und die Geschichte des Spiels bestimmen. Diese Veränderung muss in den Köpfen der Spieler vollzogen werden. Sie müssen wissen und erkennen, dass jetzt die anderen denken: Was macht der SV Mattersburg? Das ist ein großer Unterschied.

Können Sie die zeitliche Spanne abschätzen, bis die Mannschaft in dieser Hinsicht auf Schiene ist?
Tatar: Genau wie jedes Spiel eine Historie – eine Geschichte – hat, hat auch eine Saison eine Geschichte. Da gibt es viele Dinge, die jetzt nicht beeinflussbar sind – Beispiel Verletzungsserien. Wir wollen die Historie der Spiele und die Historie der Saison bestimmen – beides ist schwierig genug. Da realistische Prognosen abgeben zu wollen, ist zwar schön, aber unseriös.

Die mentale Komponente der Mannschaft scheint aber einen hohen Stellenwert zu haben.
Tatar: Ich habe es lieber, wie haben eine mental starke Mannschaft, die unter Umständen, wenn es ins Extreme ausschlagen würde, überheblich wird – aber das werde ich nicht zulassen –, als dass ich eine mental schwache Mannschaft habe, die gar nicht in die Gefahr kommt, überheblich zu werden. Weil es sachlich nicht möglich ist.

Können Sie den Kreis der Favoriten in der Ersten Liga eingrenzen?
Tatar: Ich werde mich hüten, in der Öffentlichkeit Kommentare über die neun anderen Klubs abzugeben. Für mich und die Mannschaft wird klar sein, wer unsere Gegner sind, aber das werden wir nicht sagen.

Sie haben gesagt, Arbeitsbedingungen wie in Mattersburg hatten Sie zuletzt bei LOK Moskau. Inwieweit sind die zwei Stationen vergleichbar?
Tatar: LOK Moskau hatte zu meiner Zeit ein Budget von 100 Millionen, 400 Angestellte, ein rund um die Uhr bewachtes Stadion, ein von der Öffentlichkeit abgeschirmtes Trainingszentrum. Von daher ist es überhaupt nicht vergleichbar, sehr wohl aber das substanzielle Arbeiten. Die Plätze, die Kabinen, Besprechungsräume, das alles ist hier um nichts schlechter als in Moskau. Und die Küche ist besser.

Hatten Sie vor Ihrem offiziellen Antritt schon Einfluss auf die SVM-Personalpolitik?
Tatar: Ich bin ja zu keinem Klub von Ahnungslosen gekommen. Da sind Leute am Werk, die sich extrem viel im Fußball denken. Die Personalpolitik wurde bereits so gelenkt, dass ich nicht widersprechen musste.

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und der Klubführung aus?
Tatar: Mein erster und enger sportlicher Ansprechpartner ist Franz Lederer, mit dem ich mich jeden Tag sehr fruchtbar austausche. Mit Obmann Martin Pucher gibt es auch einen regen Austausch, aber der ist nicht im Tagesgeschäft verhangen. Da geht es um weite, große Bögen – nicht um einen Zirkel von Tag zu Tag.

Gibt es einen Trainer, der Sie durch seine Denk- und Arbeitsweise zum Staunen brachte?
Tatar: Baldur Preiml (Anm.: Cheftrainer des österreichischen Skisprungteams in den 1970er-Jahren) war einer, der in seinem Gebiet Trainingsmethoden und Formen eingeführt hat, die damals revolutionär waren. Im Fußball ist es schwieriger. In vielen Bereichen ist alles bekannt, was Trainingsmaschinerie et cetera betrifft. Einer, der in seinem Denken viele Generationen beeinflusst hat, war Ernst Happel, aber auch Johann Cruyff. Das sind sicher leuchtende Figuren. Unterm Strich glaube ich aber nicht, dass es im heutigen Bereich so etwas wie extrem herausragende Trainer gibt.

Arbeitstechnisch sind Sie nun Wahl-Burgenländer. Was verbindet Sie sonst noch mit dem Burgenland?
Tatar: Ich bin im niederösterreichischen Grenzort Zillingdorf aufgewachsen. Oft habe ich meinen Fuß rübergestellt und gesagt: Jetzt bin ich im Burgenland (lacht)! Später habe ich als Spielertrainer in der 2. Klasse Mitte in Forchten-stein eine meiner ersten Trainerstationen genossen. Sehr große Berührungen habe ich außerdem mit Trainern aus dem Burgenland, etwa mit Paul Gludovatz, aber speziell mit Gerhard Hitzel, der vor 30 Jahren das Juniorenteam betreute. Und ich mache auch kein Geheimnis daraus, dass mir der Blaufränkische aus dem Mittelburgenland extrem gut schmeckt.

Interview: Bernhard Fenz

Zur Person
Alfred Tatar (8.8. 1963) wuchs in Zillingdorf und Wiener Neustadt auf.
• Der studierte Biologe war unter anderem bei Vienna, St. Pölten und Sportclub aktiv.
• Als Cheftrainer war Alfred Tatar unter anderem bei Ried in der Bundesliga sowie bei der Vienna in der Ersten Liga tätig, als Assistent von Raschid Rachimow bei Admira Wacker, Amkar Perm und LOK Moskau.
• Seit 10. Juni ist er neuer Trainer des SV Mattersburg.