Erstellt am 09. Januar 2014, 00:00

von Bernhard Fenz

„Wollte auch als Mensch etwas bewirken“. Paul Gludovatz im Interview | Der Eberauer spricht über seine Trainer-Laufbahn, über Werte im Kicken, über sein Leben im Fußball-Unterhaus und über den SVM.

Zu Hause angekommen. Paul Gludovatz ist wieder in seiner Heimatgemeinde Eberau tätig. Fotos: Bernhard Fenz/Bauer  |  NOEN, Bernhard Fenz/Bauer
BVZ: Sie sind 67 Jahre alt, helfen aktuell beim SV Eberau als Trainer. Worauf blicken Sie zurück?
Paul Gludovatz: Von der Schülerliga in Eberau über sämtliche Nachwuchs-Nationalteams des ÖFB bis hin zur U21 habe ich alles gemacht. Bei den Kampfmannschaften war ich in allen fünf höchsten Leistungsklassen Trainer. Ich weiß nicht, ob das jeder so behaupten kann.

Wo beginnen Ihre Erinnerungen?
In meinem ersten Jahrgang waren Leute wie Toni Polster oder Andi Ogris. Natürlich hat später auch der Didi Kühbauer im Nachwuchs-Nationalteam gespielt. Acht von zwölf Toren hat er uns in der U16 gemacht, aber einmal hat er neben mir als Ersatz Platz nehmen müssen. Der Didi auf der Bank – da vibriert jetzt noch alles. Ich habe immer gerne mit starken Charakteren gearbeitet.

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Lediglich das A-Nationalteam fehlt – Sie waren aber 2011 einer der Kandidaten als Nachfolger von Didi Constantini. Letztlich wurde Marcel Koller engagiert. Ist das ein wunder Punkt?
Sicher nicht. Es ist ja irre, wenn du gefragt wirst. Ich war in dem eineinhalbstündigen Gespräch mit Leo Windtner bereits überzeugt, dass ich es nicht werde – weil mich nicht alle im ÖFB haben wollten. Aber ich habe mich sehr gerne unterhalten und auch konstruktive Vorschläge eingebracht, schließlich hat es eine offizielle Anfrage gegeben.

Seit Sommer sind Sie in Eberau in der 2. Liga Süd tätig. Gab es seitdem noch Angebote von „oben“?
Es war im Laufe des Herbstes etwas Konkretes da, aber als Anfrage – nicht als Angebot – und das hat eben nicht gepasst. Da sage ich nicht zu.

„Bin gottseidank in einem Zustand, der nicht einem 67-Jährigen entspricht.“

Wären Sie spontan und bereit für neue Herausforderungen?
Ja, aber ich erwarte nichts. Als Zwilling-Geborener habe ich jedenfalls immer schnelle Entscheidungen getroffen. Das geht bei mir innerhalb von wenigen Stunden.

Die Entscheidung, vom ÖFB 2008 – als damaliger Chef der Trainerausbildung und davor jahrzehntelanger Chef der Nachwuchs-Abteilung – zum SV Ried zu wechseln, fiel also in kurzer Zeit?
Ried ist innerhalb eines Tages entschieden worden.

Bei Sturm Graz waren Sie von April bis Juni 2012 sportlicher Geschäftsführer, „Erschöpfung“ und ein Krankenstand führten letztlich zur einvernehmlichen Trennung. Längst geht es Ihnen wieder gut – wie gut?
Gottseidank bin ich in einem psychophysischen Zustand, der gar nicht so sehr einem 67-Jährigen entspricht, sondern eher einem, der dran bleibt. Fußball war mein Leben, dieses Leben führe ich jetzt auch weiter.

„Wenn ich draußen coache, gehe ich nach wie vor über.“

Auch abseits des SV Eberau?
Ich bin ein Lernender geblieben und habe zudem nach wie vor Kontakte zu Spielern, Funktionären, Trainern. Da gratuliere ich nach Siegen auch einem Nenad Bjelica oder einem Marcel Koller.

Der klassische Weg via sms?
Ja, wobei danach meist ein längeres Gespräch folgt. Das ist das Schöne daran.

Sie machen nach wie vor den Eindruck eines Fußball-Verrückten. Sind Sie als Trainer in Eberau genauso fanatisch, oder gelassen?
Ich unterstütze einen Spielertrainer (Anmerkung: Tihamer Lukacs), der sich voll auf das Geschehen konzentrieren soll. Wenn ich draußen coache, gehe ich nach wie vor über. Ich bin kein Pulverfass, aber ohne Emotionen können die drin auch nur schön ruhig spielen. Bei mir hat es immer ein ,Hochamt' gegeben, wobei es mir nur um die Entwicklung der Mannschaft geht.

„Am Sportplatz zu sein, ist in Eberau fast eine Verpflichtung.“

Wie viel Spaß macht die Tätigkeit in Eberau?
Mir taugt, dass sehr viele Leute beim Verein mitarbeiten. Was uns ebenfalls ausmacht – das ist auch finanziell hoch anzurechnen – sind die Fans. Am Sportplatz zu sein, ist in Eberau fast eine Verpflichtung.

Sind Sie in der 2. Liga ein teurer Trainer?
Ich bin Pensionist zum einen. Zum anderen helfen viele Leute mit – da bin ich auch gerne Helfer.

Weil es eine Herzensangelegenheit ist?
Wenn du grundsätzlich nicht mit dem Herzen dabei bist – egal ob in Ried oder bei der so hochgelobten U20-WM in Kanada oder bei einem Gespräch mit einem Jungen – und nur so nebenbei etwas machst, dann bist du ein Mensch ohne Gefühle. Das ist eine Frage der Einstellung.

Wie groß ist Ihr Anteil daran, dass Eberau in der 2. Liga Süd mit einem Punkt Rückstand auf Herbstmeister Markt Allhau auf Platz drei liegt?
Nicht sehr groß, ich übernehme eher koordinative Dinge. Ich habe etwa sportmotorische Erhebungen machen lassen. Mittlerweile heben die Spieler in der Selbstverantwortung die Ausdauerleistungsfähigkeit an.

„Innviertler Gruppen kommen nicht nur wegen dem Uhudler-Frizzante.“

Wo haben Sie rückblickend am meisten bewegen können?
In Ried. Mir war neben dem Erfolg immer das Dreieck Sport-Wirtschaft-Kultur wichtig – und dass der Fußball als gesellschaftspolitisches Mittel nach außen hin positiv vertreten wird.

Wie sehr hat hier die stark aufgebaute Bindung zu Oberösterreich mitgespielt?
Ich habe dort gelebt. Ich bin nicht hingefahren, habe mich eineinhalb Stunden als Trainer aufgespielt und bin dann wieder weggefahren. Ich wollte nicht nur als Trainer, sondern auch als Mensch etwas bewirken. Noch jetzt kommen Gruppen aus dem Innviertel zu uns – nicht nur, weil wir eine Affinität zum burgenländischen Wein oder zum Uhudler-Frizzante hergestellt haben.

Sie waren beruflich viel unterwegs, das hat sich geändert. Können Sie Ihr Leben mittlerweile ruhiger angehen?
Ja. Wenn ich etwa bis ein Uhr Früh lese, kann ich auch erst um acht Uhr aufstehen.
 

„Meine Nachbereitungen sind ja fast schon legendär und verschrien.“


Trotzdem: Sind die Vorbereitungen – etwa auf ein Training – in Eberau gleich intensiv wie in Ried, in Hartberg oder beim ÖFB-Nachwuchs?
Wenn ich in Eberau um sieben Uhr abends Training habe, bin ich um sechs Uhr am Platz, damit ich mich auch schriftlich darauf vorbereite. Meine Nachbereitungen sind ja fast schon legendär und verschrien – da gibt es Hakerl, Doppelhakerl, halbe Hakerl. Das alles ist eine Basis, die man braucht.

Viele Trainer präsentieren sich mittlerweile auch über Neue Medien. Gibt es Paul Gludovatz im Facebook?
Nein. Es mag hinterwäldlerisch erscheinen, aber das ist eine Einstellungssache. Der tägliche Informationsüberblick im Internet ist aber selbstverständlich.

Überrascht Sie der Abstieg und die aktuell schwierige Lage des SV Mattersburg in der Ersten Liga mit nur 21 Punkten?
Wenn ich nein sage, dann stehe ich auch dazu. Mattersburg hat in der Spielphilosophie nach vorne stets stark mit langen Bällen und über Gefahr bei Standards gearbeitet, hinten mit absoluter Sicherheit. Über Jahre ist es durch Laufvermögen und Laufbereitschaft auch gelungen, sich oben zu halten. Bravo.

„Es tut einem das Herz weh zu sehen, dass Mattersburg nicht gewinnt.“

Und jetzt?
Eine Spielart krass auf Offensive umzustellen, ist schwierig. Das hängt nach, aber da wird man drüber kommen und dann hoffentlich künftig wieder gegen Austria oder Rapid spielen können. Es tut einem jedenfalls das Herz weh, wenn man sieht, dass Mattersburg nicht gewinnt. Ich habe auch immer wieder mit vielen Leuten im Stadion gesprochen – da wurde die Attraktivität bemängelt. Der Zuschauerrückgang war ja auch bezeichnend, das hatte nichts mit dem Abstiegskampf zu tun.

Wären Sie als Burgenländer eigentlich je gerne Mattersburg-Trainer gewesen?
Diese Frage hat sich mir nie gestellt, weil es keine Anfrage gegeben hat. Wenn ich gefragt werde, kann ich es mir überlegen. Wenn ich nicht gefragt werde, erübrigt sich alles weitere. Zehn Anfragen sind weniger wert als ein konkretes Angebot.

Interview: Bernhard Fenz
 

Steckbrief Paul Gludovatz:

  • Geboren am 10. Juni 1946, wohnhaft in Eberau
  • Nach dem Wechsel als Lehrer zum ÖFB 1981, 27 Jahre lang Leiter der Nachwuchsabteilung (davor im Kampfmannschaftsbereich als Coach tätig) und Nachwuchs-Teamchef
  • Von Juli 2008 bis März 2012 Trainer in Ried
  • Von April bis Juni 2012 sportlicher Geschäftsführer bei Sturm Graz
  • Von Oktober 2012 bis Mai 2013 Trainer in Hartberg
  • Seit Juli 2013 Coach in Eberau (gemeinsam mit Spielertrainer Tihamer Lukacs)