Erstellt am 13. Oktober 2010, 14:52

Zwischen Hoffen und Bangen. TIPP3 BUNDESLIGA / Pappelstadion, Haupttribüne – Lokalaugenschein beim 3:3 gegen den LASK: Die Stimmungslage ist nun wieder zumindest vorsichtig zuversichtlich.

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VON BERNHARD FENZ
„Pucher raus“-Rufe am vergangenen Mittwoch nach dem 0:3 gegen Wiener Neustadt, ein einberufenes Treffen am Freitag (die Klubleitung lud den Kern der SVM-Fans laut Homepage „angesichts der aktuellen sportlichen Situation zum gemeinsamen konstruktiven Gedankenaustausch ein“) und dann das richtungsweisende Duell am Samstag gegen den LASK: Für die BVZ Anlass genug, um die Stimmung beim 3:3 unter dem Dach der Haupttribüne einzufangen.

Und siehe da: Bis auf vereinzelte Kraftausdrücke nach Fehlpässen waren keine Pfiffe, keine kollektiven Unmutsäußerungen oder dergleichen erkennbar.

Dass Martin Pucher und Trainer Franz Lederer den rund 30 Fans beim Treffen Infos und Argumente lieferten, mag etwaige emotionale Disharmonien bei den Anhängern vielleicht etwas entschärft haben. Tatsächlich lag der Grund für die gute Stimmung aber auf der Hand – und auf dem Platz. Denn die Mattersburg-Profis rannten, kämpften, bissen, gaben nicht auf. Und das Publikum honorierte diese Tugenden. Ein Rückblick:

Auch Karl Kaplan leidet mit: „Ich krieg einen Herzinfarkt“
„Hier regiert der SVM“, „Steht auf für den SVM“, „Mattersburger, kämpfen und siegen“ tönt es in der zweiten Halbzeit von der Mitte der Haupttribüne, wo die Überbleibsel der Grünen Horde Stimmung machen. Dass spielerisch nicht viel zusammenläuft, stört die wenigsten. Dafür wird jeder erkämpfte Ball beklatscht, die Anhänger saugen sowohl die Spannung als auch die vielen Torraumszenen in sich auf. Unter ihnen: Verbandspräsident Karl Kaplan, diesmal Zuschauer auf der überdachten Haupttribüne. Bei jeder Mattersburger Chance schnellt er in die Höhe – Frust schleicht sich aber auch ein, etwa in der 78. Minute, als LASK-Goalie Thomas Mandl – ein gebürtiger Hirmer – zum x-ten Mal eine Möglichkeit zunichte macht. „Ich krieg‘ einen Herzinfarkt. Gegen so eine hinige Partie hätten wir uns den Sieg verdient“, tobt der Präsident. Nach dem 2:3 und dem Ausgleich in der Nachspielzeit wird er sagen, dass der SVM mit diesem Einsatz auch in Linz gewinnen kann, weil sich „die Mannschaft dort vielleicht leichter tut“.

Überhaupt gehen die wenigsten unzufrieden heim. Auch nicht Horst Reiner aus Sigleß: „Wille und Kampfgeist waren absolut in Ordnung. Und schreib‘ rein, wir hoffen, dass der Trainer weiter das Sturmduo Bürger/Waltner aufstellt.“
Zum Thema Martin Pucher und die Linie des SVM stellt Reiner übrigens klar: „Wir haben ihm viel zu verdanken. Aber die Zuschauer, die viel Geld für den Verein ausgeben – wir sind immerhin Saisonkartenbesitzer – haben das Recht auf gute Leistungen und Einsatz.“ Sein Freund ergänzt: „Das Spiel gegen Neustadt war eine Arbeitsverweigerung.“

Wenige Meter dahinter hat sich auch beim Mattersburger Peter Ziegler, Mitglied des 1922er-Fanclubs, längst die Zuversicht durchgesetzt. Ob der SVM den Klassenerhalt packt, wird er gefragt: „Ja. Wir schaffen am Schluss Platz acht und lassen Kapfenberg und den LASK hinter uns. Meister wird Sturm.“

An der Theke der Kantine bricht Hans Reisner, Vater von SVM-Jugendleiter Hannes, im Gespräch mit einigen alteingesessenen Fans eine Lanze für Martin Pucher. „Andere wären froh, wenn sie einen wie ihn hätten. Was Mattersburg erreicht hat, das haben wir alles Pucher zu verdanken.“

„Frag‘ ihn, wenn’st was anderes hören willst“, sagt einer aus der Runde und deutet auf Gerhard Hermann. Der ist auch prompt gesprächig: „Natürlich wäre das alles ohne ihn nicht möglich gewesen. Aber in den letzten zwei, drei Jahren hat Pucher aus meiner Sicht vermehrt einsame Entscheidungen getroffen.“ Ob der SVM absteigt? „In der Verfassung tausendprozentig. Wenn du gegen eine Mannschaft wie den LASK mit Ach und Krach ein Unentschieden holst, wer soll dir dann noch helfen? Und in Wahrheit spielen wir ja auch nicht Fußball. In den besseren Regionalliga-Zeiten hatten wir stärkere Kicker als heute.“

„Zwei gestandene Spieler gehören in die Mannschaft“
Einig sind sich die Herren in der Runde alle bei einem Punkt: „Zwei gestandene Spieler gehören her, je schneller, desto besser – einer für die Abwehr und einer für das Mittelfeld. Aber das ist nichts Neues, diese Meinung vertritt hier jeder.“

Die Haupttribüne leert sich zunehmend. Zwanzig Meter weiter brechen gerade ehemalige Mitglieder der Grünen Horde auf. Sie und ihr ehemaliger Capo Christian Wohlfarth treten nicht mehr organisiert auf, sind aber bei den Fangesängen nach wie vor engagiert und federführend. Was Wohlfarth meint, bleibt nach dem Spiel aber sein Geheimnis. Zwangsläufig. Der Schreihals aus Leidenschaft bringt keinen Ton mehr heraus, die Stimmbänder versagen.

Zwei Tage später klappt alles wieder bestens und Wohlfarth spricht: „Wenn wir sehen, dass die Spieler kämpfen und dass Herzblut dahinter steckt, unterstützen wir sie auch. Zwar können wir den eingeschlagenen Weg der letzten zwei, drei Jahre nicht komplett nachvollziehen, trotzdem stehen wir natürlich hinter der jungen Mannschaft.“

Werbung in eigener Sache war das 3:3 in jedem Fall, wie sich am Beispiel Stefan Piller zeigt. Der junge Mann aus Bernstein war mit Freunden „wieder einmal“ im Pappelstadion und zeigte sich positiv überrascht: „Das war ein gutes Bild von Mattersburg, dieses Spiel lässt auf die nächsten Runden hoffen.“ Für den Klassenerhalt sieht aber auch er Handlungsbedarf: „Ob sie den schaffen, hängt davon ab, ob sie im Winter etwas tun oder nicht.“