Fall des Eisernen Vorhangs als „Riss in der Vergangenheit“
35. Jahrestag
Vor 35 Jahren standen die beschaulichen Gemeinden St. Margarethen und Mörbisch im Zentrum des weltpolitischen Geschehens. Mörbisch gedachte unter dem Titel „Riss in der Vergangenheit“ den historischen Ereignissen 1989, die schließlich zum Fall des Eisernen Vorhangs führten, mit einem Festakt an der Grenze zu Fertörakos. Aus diesem Anlass wurde auch ein Gedenkpark eröffnet.
Prominente Gäste bei der Eröffnung des Gedenkparks zum 35. Jahrestags des Fall des Eisernen Vorhangs: die Ungarische Botschafterin Edit Szilagyine Batorfi, Klaus Vietze von der Deutschen Botschaft, Grüne Landessprecherin Anja Haider-Wallner, SPÖ-Nationalrat Maximilian Köllner, Chronist Wolfgang Bachkönig, Bürgermeisterin Bettina Zentgraf, Landeshauptmann-Stellvertreterin Astrid Eisenkopf, Patrik Hierner vom Tourismusverband Burgenland Nord sowie die Landtagsabgeordneten Rita Stenger und Thomas Schmid.
© BVZ/Wagentristl, Peter Wagentristl
Das Jahr 1989: Im realsozialistischen Osten herrscht „höchste Verunsicherung“, wie es Klaus Vietze von der Deutschen Botschaft, selbst Ost-Berliner, formuliert: „Niemand hat gewusst, wie es weitergeht.“ Offiziell hielt die Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die nach wie vor im gesamten Ostblock tonangebend war, an der Systemkonfrontation mit dem kapitalistischen Westen fest.
Der Ostblock beginnt zu zerbröseln
Die offiziellen Bekundungen konnten aber auch nicht verdecken, dass das System wirtschaftlich und politisch von Ungarn bis Sibieren bereits bröckelte. Schleichend fand eine Öffnung gegenüber dem Westen statt. In manchen Teilrepubliken langsamer, im sowjetisch assoziierten Ungarn schneller.

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Schon im Juli 1989 tauchten vermehrt DDR-Bürger im Burgenland auf, die sich beim Urlaub in Ungarn durch Felder und Wälder nach Österreich schlichen, berichtete Stefan Biricz, damals Gendarm in St. Margarethen, im Zuge des Festaktes zum 35. Jahrestag des Falls des Eisernen Vorhangs in Mörbisch. Gleichzeitig nahmen immer mehr Fluchthelfer - heute würde man sagen: Schlepper - ihre Arbeit auf.
„Ein Mix aus Abenteuerlust und Hilfsbereitschaft“
Im Rahmen der Veranstaltung berichteten neben Exekutivbeamten auf beiden Seiten der Grenze wie Biricz und der ungarische Grenzschützer Bella Arpad auch Fluchthelfer und Geflüchtete von den historischen Entwicklungen dieser bewegten Zeit. Immer mehr Burgenländer reisten nach Ungarn, um die zahlreichen Urlauber aus Ostdeutschland auf den Campingplätzen der Region über Ausreisemöglichkeiten zu informieren, aber auch um zurückgelassenes Hab und Gut von Neuankömmlingen aus Ungarn nach Österreich zu holen.

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„Viele nahmen sich extra Urlaub, um Menschen bei der Flucht helfen zu können. Es war fast schon eine Sucht, ein Mix aus Abenteuerlust und Hilfsbereitschaft“, reflektierte Moderator Karl Kanitsch, der in Doppelfunktion als Fluchthelfer und Zeitzeuge auf der Bühne war. Dabei gab es auch einige durchaus unangenehme Begegnungen mit der ungarischen Polizei, in den Schilderungen der Zeitzeugen aber doch meist mit glimpflichem Ausgang.
Dabei wurden einige Anekdoten erstmals öffentlich gemacht. Etwa von Trude Feiler, die erzählte: „Vor der Grenze standen Trabis und Wartburgs, das Rot-Kreuz-Lager in Mörbisch platzte aus allen Nähten. Dann hat man auch die Winzerhalle zur Verfügung gestellt. Wir haben von dort jeden Tag Menschen zum Duschen zu uns geholt. Und wir haben für sie Hab und Gut aus Ungarn geholt.“
In Ungarn hat uns dann die Polizei einkassiert, als wir die Tasche von einem Burschen geholt haben. Ich war schon sehr nervös, man uns Schmuggel vorgeworfen. Aber dann hat uns ein Bekannter gerettet, er hat den Polizisten versichert: „Die Damen sind harmlos“. Dann haben sie uns gehen lassen. Meinem Mann habe ich vor ein paar Tagen erstmals davon erzhält. Fluchthelferin Trude Feiler.
Besonders eindrücklich waren auch die Schilderungen von Michael Halwax. Der Mörbischer lüftete 35 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nun auch ein Geheimnis zu Flugblättern mit Ratschlägen zum illegalen Grenzübertritt von Ungarn nach Österreich, insbesondere beim paneuropäischen Picknick: „Wir sind mit tausenden Zetteln zum Campingplatz bei Sopron gefahren. Darauf stand, wie sie am besten zur Grenze gelangen. Beim Picknick war die Empfehlung, dass sie nur das Tor aufdrücken müssen, dann können die Grenzwächter nichts mehr machen.“
Ungarn war damals ein sowjetisches Sonnenblumenfeld: alle Köpfe waren Richtung Moskau gerichtet. Fluchthelfer Michael Halwax aus Mörbisch.
So nahm das Weltgeschen auch dank Halwax seinen Lauf. Die Grenzwächter um Bella Arpad wussten nicht vom Ausmaß der Flugblatt-Aktion und waren daher völlig unvorbereitet auf den Massenansturm, darunter Mütter und Kinder.
Unabsichtlich Weltgeschichte geschrieben
Dass die Ereignisse 1989 so unblutig ausgehen würden, war dabei alles andere als klar. Eigentlich galt nämlich noch der Schießbefehl. Hätte Bella Arpad Dienst nach Fortschritt gemacht und soldatischen Gehorsam über Menschlichkeit gestellt, wäre in St. Margarethen an jenem historischen 19. August geschossen worden. Und womöglich hätte der Eiserne Vorhang so noch länger Ost und West getrennt.
Die Ereignisse beim Paneuropäischen Picknick waren quasi der Anfang vom Ende des Grenzregimes, ein erster „Riss in der Vergangenheit“. Das Migrationsgeschehen verlagerte sich von St. Margarethen noch mehr nach Mörbisch und immer mehr Menschen aus dem Osten fanden sich im „freien Westen“ wieder.
Flucht verbindet
Eindrucksvoll war beim Aufeinandertreffen von Fluchthelfern und Auswanderern aus dem Osten, wie oft man sich scheinbar freundschaftlich verbunden blieb. Umarmungen, Tränen und Vertrautheit dominierten die Gedenkveranstaltung.
Kein Unbekannter ist etwa in Siegendorf der ehemalige DDR-Bürger Sven Lehman, der sich alleine in die burgenländische-kroatische Grenzgemeinde Siegendorf durchschlug.

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Irgendwann kam ich bei einem Grenzstein mit einem „Ö“ an. Allerdings war ich etwas desorientiert und wusste nicht auf welcher Seite denn nun Österreich war. Das erste was ich vom Westen sah, war ein Schild: „Privatgrundstück - Betreten verboten!“ Da wusste ich, ich bin in Österreich." Sven Lehman, DDR-Auswanderer.
Vom Todesstreifen zum einzigartigen Lebensraum
Weniger bekannt als die historische Bedeutung der burgenländisch-ungarischen Grenze ist die ökologische Bedeutung. Vom Baltikum bis zum Mittelmeer zieht sich bis heute ein unbebauter Grünstreifen durch ganz Europa, das sogenannte Grüne Band. Dieses ist für eine Vielzahl an Tieren ein extrem wichtiger Lebensbereich und Durchzugsgebiet für viele Arten.

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Stimmen aus der Politik
Der Fall des Eisernen Vorhangs war nicht nur ein politisches Ereignis, sondern ist auch ein Symbol für den unermüdlichen Wunsch der Menschen nach Freiheit. Die Ereignisse im Sommer 1989 in Mörbisch erinnern uns daran, dass wir gemeinsam in der Lage sind, Barrieren zu überwinden und eine bessere Zukunft zu gestalten. Landeshauptmann-Stellvertreterin Astrid Eisenkopf.

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„Es ist wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen und daraus für die Gegenwart zu lernen. Es hat mich tief berührt, wie die Fluchterfahrung und die Freundlichkeit der Burgenländer:innen das Leben der Flüchtlinge nachhaltig beeinflusst hat. Wir müssen gerade in Zeiten wie diesen für unsere Demokratie und Freiheit einstehen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Grüne Landessprecherin Anja Haider-Wallner.

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Wir müssen weiterhin aufmerksam sein und aus den historischen Ereignissen für die Zukunft lernen. Edit Szilagyine Batorfi, Ungarische Botschafterin.

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