Wo die alten Eisenstädter Familien liegen

Am Stadtfriedhof

Friedhöfe zu besuchen, fasziniert viele Menschen. Brigitte Krizsanits liefert die Storys zu den Gräbern und macht Stadtgeschichte lebendig.

Brigitte Krizsanits weiß zu fast jedem Grab geschichtlich Interessantes zu erzählen.

Brigitte Krizsanits weiß zu fast jedem Grab geschichtlich Interessantes zu erzählen.

© Kirchmeir

Ein Tag vor Halloween, zwei vor Allerheiligen: Es ist Hochsaison am Eisenstädter Stadtfriedhof. Zwischen die Friedhofsbesucher mischt sich am Freitag, 30. Oktober 2026, eine Besuchergruppe, die das Angebot einer Friedhofsführung mit der Eisenstädter Historikerin Brigitte Krizsanits nutzt.

Als prominenten Teilnehmer begrüßt sie gleich zu Beginn den Eisenstädter Bürgermeister Thomas Steiner. „Ich glaube, Hausherr darf man nicht sagen“, scherzt Brigitte Krizsanits. Die Gruppe lacht.

1854 wurde der städtische Friedhof eröffnet, weil der Totenhain bei der Stadtpfarrkirche, dem heutigen Martinsdom, zu klein geworden war. Erst 20 Jahre später wurden am Zentralfriedhof in Wien die ersten Gräber geschaufelt. Noch viel älter ist übrigens der Friedhof am Oberberg in Eisenstadt: Dieser wurde 1806 angelegt, als im Zuge einer Cholera-Epidemie viele Tote bestattet werden mussten.

Der jüngste Friedhof in Eisenstadt ist der Waldfriedhof an der Straße nach Loretto, der seit 2024 als naturnahe letzte Ruhestätte zur Verfügung steht.

Wie die Leinner-Kreuzung zu ihrem Namen kam

Im ältesten Teil des Stadtfriedhofs liegen Mitglieder führender Familien, die Ende des 19. Jahrhunderts die Entwicklung der Stadt prägten. Die Gruppe hält vor dem Grab der Familie Leinner. „Michael Leinner“, erzählt die Historikerin. „stammte aus Pistian (Piešťany). Er pachtete 1826 das Engelswirtshaus und betrieb nebenbei ein Fuhrunternehmen.“ Mit wirtschaftlichem Erfolg: 1835 kaufte er das heutige Leinnerhaus in der Ruster Straße und baute dort einen Weinhandel auf.

Nachfahren des Unternehmers eröffneten in Eisenstadt Tankstellen, darunter eine gegenüber dem Gasthof Ohr. Die Tankstelle gibt es nicht mehr, die Kreuzung daneben – heute ein zentraler Kreisverkehr – heißt bei den Eisenstädtern aber immer noch „Leinner-Kreuzung“.

Weiter geht's zum Grab der Familie Job. Bonifacius Job hatte Anfang des 19. Jahrhunderts die städtische Brauerei gepachtet und war in der Stadt ein angesehener Mann.

Eisenstadt trauerte um die Job-Kinder

Als zwei Kinder seines Nachfahren Karl Job 1894 an den Masern starben, trauerten viele Menschen mit ihm, was Brigitte Krizsanits aus Zeitungsannoncen der damaligen Zeit rekonstruieren konnte.

Thujen überwuchern das Grab der Familie Nuss. Franz Nuss war 1804 von Fürst Nikolaus Esterhazy angestellt worden, um die Dampfmaschine zusammenzubauen, die der technikinteressierte Adelige aus England mitgebracht hatte. Sein Nachfahre half auch mit, die ersten Glühbirnen in Eisenstadt zu installieren: 1888 beleuchteten sie jene Räumlichkeiten im „Gasthaus zum Goldenen Adler“, wo sich der Casinoverein, eine Gruppe verdienter Eisenstädter Bürger, traf.

Als Autos noch eine Seltenheit waren

Eine wunderschöne Frauenstatue wacht in einer thujengrünen Nische am Grab der Ärztefamilie Nindl. „Johann Nindl führte Ende des 19. Jahrhunderts in Eisenstadt die Pockenimpfungen durch“, erzählt Brigitte Krizsanits. „Sein Sohn Geza Nindl, ebenfalls Arzt, war einer der Ersten in Eisenstadt, die ein Auto hatten.“ Die Autos wurden mehr und in den 1920er-Jahren begannen sich in den Lokalzeitungen Berichte über Verkehrsunfälle zu häufen, sogar mit tödlichem Ausgang. Es dauerte, bis sich die Bevölkerung auf die motorisierten Verkehrsteilnehmer eingestellt hatte.

Ernst Nindl, Sohn von Geza, setzte sich in den letzten Kriegstagen 1945 für die Rettung jüdischer Menschen ein, die in Eisenstadt Arbeitsdienst verrichten mussten. Er überredete sie, in Verstecken bei Eisenstädter Familien zu bleiben, und verhinderte damit, dass sie mit den abrückenden Truppen der Nationalsozialisten nach Westen und damit in den sicheren Tod transportiert wurden.

Die zertrümmerte Statue im Tempel

Sein Sohn Kurt Nindl, damals ein Jugendlicher, hatte bei einem eigentlich verbotenen Spaziergang im Schlosspark im Leopoldinentempel die in Trümmern am Boden liegende Statue des italienischen Bildhauers Antonio Canova entdeckt. Mit seinem Vater barg er die Teile und brachte sie ins Haydn-Haus. „Nach dem Abzug der Sowjets wurde die Marmorstatue wieder zusammengesetzt“, erzählt Brigitte Krizsanits. Das Original befindet sich im Schloss Esterházy, im Tempel steht seit den 1990er-Jahren eine Kopie.

Am Grab von Dr. Gabriel Horvath liegt ein repräsentativer Kranz mit gelb-blauer Schleife. Die Esterhazy Privatstiftung hat ihn gerade vorbeibringen lassen. Die Farben stehen weder für Niederösterreich noch für die Ukraine, sie sind, wie Brigitte Krizsanits informiert, die traditionellen Farben der Familie Esterházy.

Ein Kranz für den fürstlichen Rat

Und Gabriel Horvath? Der fürstliche Rat war Erzieher des letzten Fürsten Paul, der 1920 mit 19 Jahren als Waise die Verantwortung für den Besitz der Esterházy übertragen bekam. „Gabriel Horvath war sein Erzieher, Ratgeber, vielleicht auch eine Art Vaterersatz“, erzählt die Historikerin. Horvath riet dem Fürsten auch, auf sein Herz zu hören, als dieser die 19 Jahre jüngere Melinda Ottrubay heiraten wollte.

Einem anderen Horvath, Eugen mit Vornamen, verdankte Eisenstadt die erste fixe Flutlichtanlage Österreichs – errichtet im heute verlassenen Lindenstadion. Er liegt ebenso am Stadtfriedhof begraben wie die Familie Király, die mit Glaubensbrüdern in Eisenstadt die evangelische Gemeinde aufbaute. Die ersten protestantischen Gottesdienste fanden im Gasthaus „Zur weißen Rose“ statt.

Wem wir Bahn und Straße verdanken

Die Friedhof-Tour ist fast zu Ende, wir stehen am Grab von Matthias Laschober. „Für mich ist es das schönste Grab“, sagt Brigitte Krizsanits. Der Anwalt Laschober trieb 21.000 Gulden für die Gründung der Bürgerschule auf, er setzte sich dafür ein, dass Eisenstadt einen Bahnanschluss bekam und dass eine Straße nach Stotzing gebaut wurde. Auch er war einer der Gründerväter der evangelischen Pfarre in Eisenstadt.

Die 170-jährige Geschichte des Stadtfriedhofs endet am Urnenhain. Hier befindet sich die Urne von Klara Köttner-Benigni. „Sie war eine treibende Kraft der Bürgerinitiative gegen die Errichtung einer Brücke über den Neusiedler See“, informiert Brigitte Krizsanits. Mit einem Gedicht der Schriftstellerin Köttner-Benigni endet der facettenreiche Spaziergang.

Fotostrecke