Weltspitze: Rolando Villazón trifft auf das Janoska Ensemble
Herbstgold
Das Janoska Ensemble und Rolando Villazón verwandelten am Mittwoch den Haydnsaal in ein Feuerwerk aus Klassik, Virtuosität und purer Leidenschaft. Die Janoskas spielten dabei mit solch atemberaubender Brillanz, dass selbst höchste musikalische Maßstäbe an diesem Abend noch ein wenig höher gelegt wurden. Und Villazón? Der Weltstar ließ sich auf dieses Feuer ein. Mit schwarzem Anzug, rotem Schal, dunklen Locken und diesem ungebändigten Feuer, für das ihn sein Publikum liebt.
Musikalische Grandezza: Rolando Villazón & das Janoska Ensemble. Am Foto: František Janoska und Maestro Villazón.
© Nina Mayer
Tenor, Regisseur, Autor, Zeichner, Moderator, künstlerischer Leiter, Clown: Rolando Villazón lässt sich nur schwer auf eine Rolle festlegen. Mit seinem ansteckenden Lachen, seinem charmanten Augenzwinkern und einer unerschöpflichen Neugier erobert er alle Welten der Kunst.
Am Mittwochabend betrat er die große Bühne des Haydnsaals im Schloss Esterházy. An seiner Seite: das Janoska Ensemble. Man könnte es eine kosmisch vorherbestimmte Begegnung nennen: Künstler, die Virtuosität nicht mit steifer Ernsthaftigkeit auf die Bühne bringen und klassische Musik nicht hinter Glas stellen wollen. Sie wollen sie leben, atmen, verändern – und vor allem mit ihrem Publikum teilen.
Villazóns eigene Biografie klingt dabei fast wie eine Opernhandlung. Geboren in Mexiko-Stadt, österreichische Wurzeln, deutsche Schule, Gesangsausbildung. 1999 der internationale Durchbruch bei Plácido Domingos „Operalia“-Wettbewerb, 2005 der große Salzburger Moment als Alfredo in Verdis „La Traviata“ an der Seite von Anna Netrebko.
Doch Villazón war immer mehr als nur Sänger. Schon früh sang, schrieb, tanzte und inszenierte er, trat sogar als Clown auf, studierte Pädagogik und arbeitete als Geschichtslehrer. Mozart begleitet ihn seit vielen Jahren. Als künstlerischer Leiter der Salzburger Mozartwoche öffnet er das Musiktheater bewusst auch für ungewöhnliche Formen der Kunst.
Maestro Villazón möchte Kunst nicht im Elfenbeinturm wissen. Musik soll Menschen neugierig und glücklich machen. „Selbst in schwierigen Zeiten, in meiner Kindheit, habe ich durch das Singen eine Welt gefunden, in der ich glücklich sein und mich sicher fühlen konnte“, beschreibt er selbst die Kraft der Musik.
Ein Weltstar, der nie aufgehört hat, neugierig zu sein. Ein Ensemble, das aus klassischer Virtuosität und grenzenloser Spielfreude seinen eigenen Stil entwickelt hat. Wenn Rolando Villazón und das Janoska Ensemble zusammentreffen, kann nur ein großes, lustvolles Abenteuer dabei herauskommen. Steigen wir ein:
Das Janoska Ensemble eröffnet – wie könnte es schöner sein – mit Mozarts Ouvertüre zur „Hochzeit des Figaro“. Doch Mozart bleibt nicht lange Mozart. Schon nach den ersten Takten ist klar: Hier wird nicht einfach gespielt, hier wird mit Musik jongliert.
Ondrej und Roman Janoska an den Violinen, František Janoska am Klavier, Julius Darvas am Kontrabass. Die beiden Geiger liefern sich einen Dialog von atemberaubender Präzision. Die Bögen fliegen in rasender Geschwindigkeit über die Saiten, mal tänzerisch leicht, mal feurig attackierend. Es wirkt wie ein musikalisches Duell: leidenschaftlich, verspielt, erotisch in seiner Spannung.
František Janoska treibt am Flügel die Energie weiter, Julius Darvas gibt am Kontrabass das Fundament. Vier Musiker, die technisch auf höchstem Niveau spielen und dabei jene seltene Freiheit besitzen, jeden Augenblick neu zu erfinden. Höhere Kunst des gemeinsamen Musizierens ist kaum denkbar.
Dann betritt Rolando Villazón die Bühne. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, roter Schal. Die dunklen Locken wild, das Temperament ungezügelt. Jener Villazón, den sein Publikum kennt und liebt. Die Künstler spielen an diesem Tag sogar zweimal im Haydnsaal. Der Kartennachfrage konnte man kaum Herr werden.
Aus Jules Massenets „Thaïs“ erklingt eine Arie. Plötzlich wird es ganz still. Wo eben noch Feuer loderte, liegt nun eine berührende Zärtlichkeit über dem Saal. Melancholie und Sehnsucht spürt man. Villazón muss nicht laut werden, um einen Raum vollständig einzunehmen. Natürlich wird auch Joseph Haydn gehuldigt. Wie könnte es in diesem Saal anders sein? Und Giuseppe Verdi – welch Großmeister seines Fachs!
Dann Johann Strauss und die „Fledermaus“-Ouvertüre – natürlich à la Janoska. Der Wiener Klassiker bekommt neue Farben und jede Menge musikalische Funken. Wer genau zuhört, entdeckt sogar eine kleine romantische Botschaft: „If it takes forever, I will wait for you.“ Romantischer kann man einen Liebesschwur kaum zwischen zwei Geigenbögen verstecken.
Große Begeisterung dann bei einer von František Janoska komponierten Rumba, die er für seinen Sohn Amadeus geschrieben hat. Lebensfreude pur, voller Rhythmus, Wärme und südamerikanischem Feuer.
Und dann: „Funiculì, Funiculà“. Spätestens jetzt hält es niemanden mehr ruhig auf den Sitzen. Das neapolitanische Trinklied kommt mit einer Energie daher, dass der Haydnsaal plötzlich weniger nach ehrwürdigem Konzertsaal als mehr nach einer wilden Nacht in Neapel klingt. Die Finger rasen, die Bögen tanzen, der Kontrabass pulsiert. Villazón mittendrin.
Dann wird es noch einmal ganz romantisch: „Dein ist mein ganzes Herz“. Wo du nicht bist, kann ich nicht sein ... Plötzlich wird aus dem temperamentvollen Konzertabend ein inniger Liebesmoment. Lehárs Melodie trägt die Sehnsucht nach jenem Menschen in sich, der einen Ort erst zum Zuhause macht. Villazón lässt sie aufleben, und für einen Moment scheint der ganze Haydnsaal nur noch aus Liebe, Sehnsucht und Musik zu bestehen.
Der Applaus kommt mit voller Wucht. Begeisterung, Jubel, stehende Ovationen. Das Janoska Ensemble und Rolando Villazón haben an diesem Abend ihrem Publikum das Gefühl geschenkt, Zeuge von etwas ganz Besonderem gewesen zu sein.
Nina Mayer: Herr Villazon, was macht einen Abend für Sie zu einem magischen Abend?
Rolando Villazon: Für mich ist es immer die Verbindung zum Publikum - es ist ein Geben und Nehmen, eine Brücke, die wir gemeinsam bauen. Und wenn wir uns auf dieser Brücke treffen, dann wird es Magie.
Sie haben eine sehr spielerische Seite. Glauben Sie, dass man als Künstler ein bisschen Kind bleiben muss?
Ich glaube, wir alle tragen viele Facetten in uns. Sich eine kindliche Neugierde, Offenheit und Freude zu bewahren, ist für jeden Menschen eine gute Sache, nicht nur für Künstler.
Was darf man als Künstler niemals verlieren?
Inspiration und Motivation.
Sie wirken auf der Bühne unglaublich frei. Wie viel Arbeit steckt hinter dieser unglaublichen Leichtigkeit?
Natürlich. Wir proben sehr intensiv für jeden Auftritt, bereiten uns teilweise über Wochen und Monate hinweg vor, damit es auf der Bühne für das Publikum nicht wie harte Arbeit wirkt. Ich persönlich liebe diesen Probenprozess sehr.
Was passiert, wenn ein Sänger wie Sie auf vier Musiker trifft, die genauso viel Temperament und Freude am musikalischen Risiko haben wie Sie?
Oh, wir haben einfach unglaublich viel Freude miteinander und inspirieren uns gegenseitig.
Sie treten heute im Haydnsaal auf. Wenn Joseph Haydn Ihnen vor dem Konzert für fünf Minuten begegnen könnte: Was würden Sie ihn fragen?
Wie war Mozart?
Was glauben Sie, würde Joseph Haydn über Sie denken?
Ich weiß es nicht. Aber ich würde gerne etwas aus seinem Orfeo für ihn singen.
Ein Raum, in dem schon Haydn musiziert hat, trägt eine unglaubliche Geschichte in sich. Spüren Sie so etwas als Künstler?
Selbstverständlich, man fühlt den besonderen Ort, die Tradition. Das inspiriert und bewegt mich.
Wenn Musik einen Menschen für einen Augenblick aus seinem Alltag entführen kann: Wohin möchten Sie das Publikum an diesem Abend mitnehmen?
Musik bringt uns zusammen - egal woher wir kommen, an was wir glauben, welche Hautfarbe wir haben oder wen wir lieben. Wir sind alle Menschen, gleich und frei in diesem Moment. Dieses Gefühl der gemeinsamen Menschlichkeit zusammen zu erleben - mit herrlicher Musik - das erfüllt mich mit Freude.
Maestro, danke für den Abend im Haydnsaal und das Interview!