Aus Liebe zum Menschen: Zwei Ehrenamtliche berichten
Rotes Kreuz
Es gibt Situationen im Leben, in denen uns der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Plötzlich und unerwartet gerät unsere Normalität ins Wanken, sind vorhandene Strukturen, die uns bisher Halt gaben, nicht mehr gegeben. In solchen Notsituationen ist es wichtig, dass Menschen da sind, die uns auffangen und erste Hilfe für unsere Seele leisten. Zwei dieser unbezahlbaren Helfer stellten sich der BVZ zum Interview, um über ihr Tun zu sprechen. Olga Baliga aus Mattersburg und Werner Halper aus Forchtenstein.
Olga Baliga hilft seit vielen Jahren bei der Krisenintervention des Roten Kreuzes Menschen, die sich in Notsituationen befinden.
© zVg
Olga Baliga lebt in Mattersburg. Vor vielen Jahren kam sie nach Österreich, wo sie ein zu Hause fand. Ein sozial denkender Mensch war sie schon immer, was sie auch dazu veranlasste, eine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin abzuschließen. In einem Altenwohnheim sorgt sie nun dafür, dass der Lebensabend betagter Menschen zu einem besseren wird.
Frau Baliga vergleicht das soziale Netz Österreichs mit dem ihrer Heimat Rumänien und ist überzeugt davon, dass Österreich ein Land ist, in dem das soziale Netz sehr gut ausgebaut ist. Leid kennt sie durch ihr berufliches Tun, froh ist sie, dass ihre Familie bisher vor größerem Unglück verschont geblieben ist.
Aus Dankbarkeit beschloss sie deshalb zu ihrem 50. Geburtstag, sich ehrenamtlich in der Krisenintervention des Roten Kreuzes zu betätigen.
Ein Warum zum Leben
Dort engagiert sich auch der in Forchtenstein lebende Werner Halper. Ihn haben persönliche Krisen und deren Bewältigung zum Dienst am Menschen geführt. Der Glaube war für ihn immer treibende Kraft, ein Anker. Seine erste persönliche, größere Krise hatte er in jungen Jahren nach dem Zerbrechen einer Beziehung. Nun mag der eine oder andere sagen: „Na ja, Liebeskummer ...“ Wer diesen in all seinen Facetten schon einmal erlebt hat, weiß aber, wie schmerzhaft es sein kann, wenn die Seele leidet.
Nach dem Sinn des Lebens fragte er sich damals und durchforstete Buchhandlungen, um Hilfe zu finden. In Werken Viktor Frankls wurde er fündig. Der Psychotherapeut verlor seine gesamte Familie durch die Grauen des Holocausts. Er prägte den Satz: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“.
In nächtelangen Gesprächsrunden mit Gleichgesinnten, die damals der belesene Sieggrabener Pfarrer Nebel führte, fachsimpelte und diskutierte man, teilte Sorgen.
40 Jahre lang war Werner Halper als Busfahrer der ÖBB tätig. Eines Tages stieß er auf eine Ausschreibung seines Arbeitgebers, in der eine interne Ausbildung angeboten wurde. „Lokführer helfen Lokführern“. Werner Halper schloss diese ab und half 20 Jahre lang Kollegen, die von Dienstunfällen betroffen waren, beim Verarbeiten der Ereignisse.
Des Menschen Pflicht
Sowohl Olga Baliga als auch Werner Halper sind davon überzeugt, dass es unsere Pflicht als Mensch ist, anderen zu helfen. Manchmal bedarf es nur eines offenen Ohrs, manchmal bloß einer Umarmung, damit es Notleidenden wieder bessergeht.
Bei schweren Schicksalsschlägen werden beide oft an Orte gerufen, an denen Menschen zurückbleiben, die sich in Schockzuständen befinden. Immer kann man sich auf die Hilfe des Roten Kreuzes verlassen. Dasein, zuhören, Infrastrukturen aufbauen, auf vorhandene, persönliche Ressourcen des Hilfebedürftigen zurückgreifen, vor allem Ruhe und Sicherheit vermitteln, das ist es, was zählt.
Werner Halper absolvierte in weiterer Folge eine Ausbildung als Lebens- und Sozialberater. Bei der Telefonseelsorge vollendete er sie mit 200 Praxisstunden und blieb dieser erhalten.
HILFE unter der Telefonnummer 142
Rund um die Uhr hat man in Österreich die Möglichkeit, unter der Telefonnummer „142“ einen Ansprechpartner bei Problemen zu finden, gleichgültig welcher Art diese sind. Wer nun denkt, dass es doch eine gute Idee ist, anderen zu helfen, kann sich an die Diözese Eisenstadt wenden und selbst eine Ausbildung absolvieren, um ehrenamtlich telefonseelsorgerisch tätig zu werden.
Wichtig ist, dass Menschen, die anderen helfen wollen, positiv eingestellt und mental stabil sind, vor allem auch empathisch, denn nur wer mitfühlen kann, kann auch helfen. Viel Zeit wird sich bei der Telefonseelsorge genommen. Ein Gespräch kann schon zwischen 20 Minuten und eineinhalb Stunden dauern, schließlich gilt es, Hilfesuchende dort abzuholen, wo sie sich befinden, ihnen Perspektiven und neue Wege aufzuzeigen, um der belastenden Situation zu entkommen.
Keine Zufriedenheit durch materielle Güter
Unsere Konsumgesellschaft strebt nach Glück, das man erhofft in materiellen Dingen zu finden, die aber allerhöchstens dazu da sind, kurze Glücksmomente zu erleben, denn Urlaube, Autos oder andere Luxusgüter werden nie dazu beitragen können, Zufriedenheit zu erlangen, auf die es im Leben ankommt.
Manchmal sehen Menschen gar keinen Ausweg mehr aus ihrem Leid, weil sie sich einsam und alleine fühlen. Gerade in solchen Situationen kann es eine Hilfe sein, Zufriedenheit im Helfen zu finden. Sich selbst auf die andere Seite zu begeben, um zum Beispiel Kindern oder alten Menschen zur Seite zu stehen. Das können ganz einfache Botengänge sein, Vorlesestunden im Kindergarten oder Altenheimen, die Möglichkeiten sind unzählig.
Jede Hilfe zählt!
Als nicht einfache Aufgabe bezeichnen Olga Baliga und Werner Halper ihr Tun, aber als befriedigend. Die Welt ein Stückchen besser zu machen, ein Quäntchen liebevoller. Natürlich kann man nicht die Welt retten, aber wenn es nur ein einziger Mensch ist, den man gerettet hat, ist das unbezahlbar.
Nicht selten rufen bei der Telefonseelsorge Eltern pubertierender Jugendlicher an, da sie das Gefühl haben, ihr Kind nicht mehr zu erreichen. Provokantes Verhalten des Nachwuchses erzeugt Aggression, mit der es umzugehen gilt. Die besten Ratschläge in solchen Situationen, meint Werner Halper, sind Gelassenheit und eine Portion Humor.
Rückblickend stellen sich viele Probleme im Leben als unwichtig heraus. Wichtig sei es, Kinder und Jugendliche auf den Weg vorzubereiten, nicht den Weg für Kinder vorbereiten und ihnen alle Steine aus dem Weg zu räumen, denn dann lernen sie nie mit Krisen umzugehen. Vor allem immer ehrlich sein, denn auch die Chance auf sein eigenes Glück muss gewahrt bleiben.
Nur in der Wahrheit liegt eine Basis
Manche Eltern bleiben in lieblosen Ehen gefangen, womit man dem Nachwuchs aber mehr schadet als hilft. Ihm bewusst machen, dass das Leben Veränderung ist, jeder seinen eigenen Weg finden muss, der manchmal auch Abzweigungen hat, die Liebe zu ihm dadurch aber nie in Frage gestellt wird.
Krisen wird man im Leben nicht vermeiden können, mit ihnen umzugehen, das ist die Kunst, auf die man schon im Kindesalter vorbereitet werden muss.
Einen Denkanstoß, den sowohl Olga Baliga als auch Werner Halper geben, ist jener: in Wohlstandsgesellschaften bleibt die Nächstenhilfe auf der Strecke, Einsamkeit wächst. Deshalb ist es die Aufgabe von jedem Einzelnen zu handeln, wenn Not am Mann oder der Frau ist. Die Aufgabe unserer Politik ist es, dafür zu sorgen, dass das soziale Netz bestmöglich ausgebaut ist und Notleidenden jederzeit Anlaufstellen zur Verfügung stehen.
Kleine Weisheiten für zwischendurch
Werner Halpers liebster Spruch, der ihm in seinem Leben oft geholfen hat, ist folgender: „Drei Sachen, wünsche ich dir: Die Gelassenheit, alles hinzunehmen, was nicht zu ändern ist. Die Kraft zu ändern, was nicht länger zu ertragen ist. Und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden.“
Und nie vergessen: UNTER DER TELEFONNUMMER 142 findet man JEDERZEIT HILFE bei der Telefonseelsorge, die von Herzen kommt und die es zu nutzen gilt!
Auch unter folgenden Telefonnummern bekommt man JEDERZEIT HILFE:
Rat auf Draht: 147
Ö3-Kummernummer: 116 123