BVZ Martini für SoDi Mörbisch: So geht sozialer Zusammenhalt

Interview der Woche

Die Sozialen Dienste (SoDi) Mörbisch erhielten 2024 den BVZ Martini in der Kategorie Soziales Engagement. Die BVZ sprach mit Obmann Peter Dreo-Vargyas über einen schwierigen Anfang, Zusammenhalt in der Gemeinde und die Mehrbelastung für Soziale Vereine durch Inflation und Krise.

BVZ Chefredakteur und Geschäftsführer Markus Stefanitsch bei der Übergabe des BVZ Martini-Preises 2024 in der Kategorie Soziales Engagement.

BVZ Chefredakteur und Geschäftsführer Markus Stefanitsch bei der Übergabe des BVZ Martini-Preises 2024 in der Kategorie Soziales Engagement.

© Nina Mayer

BVZ: Soziale Dienste Mörbisch - was genau macht ihr Verein?

Dreo-Vargyas:Unser Kerngeschäft ist „Essen auf Rädern“. Hier beliefern wir ältere Menschen in Mörbisch fünfmal die Woche mit einem Mittagsmenü zu sozialverträglichen Preisen. Unsere Tätigkeit umfasst aber auch beispielsweise Hilfe im Haushalt oder bei bürokratischen Aufgaben. Und wir kochen auch für die Volksschule und den Kindergarten in Mörbisch.

Beginnen wir chronologisch: Wie kam es zur Gründung der Sozialen Dienste vor 21 Jahren?

Dreo-Vargyas: Begonnen hat es nämlich 2003 zu Weihnachten. Ich habe damals als Bürgermeister Hausbesuche gemacht, um Alleinstehenden Personen zu Weihnachten Ansprache zu bieten. Dabei traf ich eine Dame, die mittags Wurstbrot gegessen hat. Sie war eine der ersten Kunden. Ich habe ihr versprochen, ich komme am nächsten Tag oder zwei Tage später und bringe etwas von der Gemeinde. Als ich wiederkam, war es wieder Wurstbrot zum Mittagessen. Da wurde mir klar, dass es Bedarf für Essen auf Rädern gibt.

BVZ Martini für SoDi Mörbisch: So geht sozialer Zusammenhalt

© Nina Mayer

Wie ging es dann weiter?

Dreo-Vargyas: Aufgrund der Hausbesuche habe ich festgestellt, dass etwa 20 Leute Interesse an Essen auf Rädern hätten. Wir haben die Gasthäuser in Mörbisch gefragt, ob sie diese Arbeit machen würden. Sie waren bereit, von November bis Februar zu helfen - aber ab März hatten sie wegen der Touristen keine Zeit mehr. Daher haben wir das Ruder selbst in die Hand genommen und den Verein gegründet und Ute Thaler, die in ihrem ersten Job nicht glücklich war, hat sich uns angeschlossen. So wurde der Sozialdienst geboren - ohne diese Starthilfe hätte es nicht funktioniert.

Zu Beginn wurde das Projekt in Mörbisch eher skeptisch beäugt.

Dreo-Vargyas: Ich war damals Bürgermeister, habe aber für das Projekt nicht den Rückhalt im Gemeinderat gehabt. Nur Teile der SPÖ und Teile der FPÖ waren dafür, die ÖVP strikt dagegen. Von Beginn an haben wir betont, dass es ein überparteiliches Angebot ist und kein politisches Projekt - dieses Vorurteil aufzubrechen war nicht einfach.

BVZ Martini für SoDi Mörbisch: So geht sozialer Zusammenhalt

© Nina Mayer

Es hat aber schließlich funktioniert. Die Arbeit der Sozialen Dienste wird in Mörbisch nun doch wertgeschätzt.

Dreo-Vargyas:Mittlerweile weiß jeder, dass die Sozialen Dienste kein politisches Projekt sind. Im Laufe der Zeit war die halbe Gemeinde involviert. Ich glaube, es gibt fast keinen Haushalt in Mörbisch, der nicht in irgendeiner Form Kontakt mit den Sozialen Diensten hatte oder hat.

Die Nachfrage gibt Ihnen auch Recht. Bei der Feier zum 20-jährigen Bestehen wurden die Sozialen Dienste als größter Essen auf Rädern-Anbieter im Burgenland gelobt.

Dreo-Vargyas:Gemessen an der Einwohnerzahl der Gemeinde sind wir das. Wir haben mit fünf Kunden begonnen, nach zwei Wochen waren es bereits 20. Mittlerweile haben wir 75 Kunden, die wir von Montag bis Freitag mit einem warmen Mittagsmenü versorgen. Hinzu kommen Kindergarten und Volksschule, die auch von uns bekocht werden.

BVZ Martini für SoDi Mörbisch: So geht sozialer Zusammenhalt

© BVZ/, Peter Wagentristl

Das ist ohne viele Ehrenamtliche nicht zu bewältigen. Wie stehen die Sozialen Dienste personell da?

Dreo-Vargyas:Wir haben etwa 80 bis 90 aktive Mitglieder, die im Verein anpacken. Davon sind 45 Leute bei der Essensauslieferung tätig. Hinzu kommen noch zahlreiche unterstützende Mitglieder, die einen jährlichen Beitrag von 30 Euro zahlen. Wenn beispielsweise gerade besonders viele Erdäpfel zu schälen sind, kommen auch einige sporadische Helfer dazu.

Wenn wir schon beim Thema Geld sind: Wie finanzieren sich die Sozialen Dienste Mörbisch?

Die Kunden zahlen aktuell 8 Euro für ein geliefertes Mittagsmenü mit Suppe, Haupt- und Nachspeise - das deckt gerade Material- und Personalkosten. Peter Dreo-Vargyas, Obmann Soziale Dienste Mörbisch.

Dreo-Vargyas:Wir finanzieren uns aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Immerhin haben wir drei hauptamtliche Mitarbeiter im Team. Größere Kostenpunkte können wir mit den laufenden Einnahmen aber schwer abdecken. Vom Landeshauptmann gab es einmal einen Sonderzuschuss, unseren Lieferbus haben wir durch Sponsoren-Aufkleber finanziert.

Der 15 Jahre alte Bus hat bald ausgedient, hieß es bei der Jubiläumsfeier.

Dreo-Vargyas:Stimmt, wir bekommen einen E-Bus. Ein Diesel-Motor für Ortsfahrten ist nicht optimal und der Bus ist eben schon seit 15 Jahren im Einsatz. Finanziert wird er wieder durch Sponsoren-Pickerl und durch Hilfe der Gemeinde: Bei einigen Projekten zum Thema Erneuerbare Energie sind Fördergelder übrig geblieben, mit denen wir nun den Bus mitfinanzieren können.

BVZ Martini für SoDi Mörbisch: So geht sozialer Zusammenhalt

© BVZ/, Peter Wagentristl

Die Inflation trifft Sozialeinrichtungen und Verein besonders hart. Wie spüren Sie die Auswirkungen von Krise und Teuerung?

Dreo-Vargyas: (seufzt)Die spüren wir definitiv. Das war ganz, ganz arg in den vergangenen Jahren. Es gibt Speisen, die mussten wir streichen, weil sie nicht mehr finanzierbar waren. Beispielsweise Pizza: Weizen wurde teurer, Käse kostet mehr und Schinken ebenso. Das können wir nicht mehr zu unseren sozialverträglichen Preisen anbieten, leider.

Wie ist hier die aktuelle Entwicklung?

Dreo-Vargyas:Mittlerweile hat es sich fast eingependelt, aber im Jahr 2022 haben wir beispielsweise eine Steigerung bei den Materialkosten von 45 Prozent gehabt. Das war gewaltig. Hinzu kam, dass uns während der Pandemie sämtliche Einnahmen durch Vereinsfeste oder Stände bei Gemeindeveranstaltungen weggebrochen sind. Höheren Kosten und steigendem Bedarf standen hier also sinkenden Einnahmen gegenüber.

Rechtlich und bürokratisch wurde Ihnen die Arbeit auch nicht immer leichtgemacht. Das ging bis zu einer Anzeige aus der Nachbargemeinde.

Dreo-Vargyas:Ein Ruster Großbetrieb hat uns angezeigt. Zwei Kunden waren nach Rust gezogen und holten sich weiterhin das Essen von uns in Mörbisch ab. Jener Betrieb meinte, dass wir gar kein Verein, sondern ein Gewerbe seien und hier einen unfairen Wettbewerbsvorteil hätten. Darüber wurde lang gestritten, da wir keinen Gewinn machen und nur unsere Gemeinde bedienen.

BVZ Martini für SoDi Mörbisch: So geht sozialer Zusammenhalt

© Nina Mayer

Die Causa schaffte es damals sogar auf die Titelseite der BVZ.

Dreo-Vargyas:Das war schon ein ziemlicher Aufreger. Ich hatte einen Termin bei der Bezirkshauptmannschaft, während dem vor dem Gebäude eine Kundgebung als Unterstützung für die Sozialen Dienste Mörbisch stattfand. Wir haben uns dann geeinigt, dass wir zwar ein Verein und kein Gewerbebetrieb sind, aber uns trotzdem an alle Auflagen für Gewerbebetriebe halten. Das Lebensmittelinspektorat kommt also auch regelmäßig zu uns und kontrolliert - mindestens so streng wie bei Gasthäusern.

Die Sozialen Dienste Mörbisch haben heuer den BVZ Martini in der Kategorie Soziales gewonnen. Wie waren die Rückmeldungen?

Dreo-Vargyas:Das hat sich in gestiegenem Interesse geäußert. Wir haben auch Anfragen aus Siegendorf bekommen, ob wir das Service nicht auch in Siegendorf einführen wollen. Aber das geht nicht, wir sind in unserem Vereinszweck auf Mörbisch beschränkt.

Wo steht der BVZ Martini?

Dreo-Vargyas:Derzeit steht er in der Küche, wir sind gerade noch auf der Suche nach einem fixen Platz, wo den Martini auch jeder sieht.

Die BVZ gratuliert nochmals herzlich zum Preis, die Sozialen Dienste haben ihn sich redlich verdient. Danke für das Gespräch.

Das Interview führten Peter Wagentristl und Nina Mayer.