Das jüdische Burgenland lebt digital wieder auf
Jüdisches Museum
Ein internationales Projekt rekonstruiert jüdisches Leben in der Region digital. Dabei Orte virtuell begehbar werden, wie die abgerissenen Synagogen in Eisenstadt, Mattersburg und Gattendorf. Jüdische Biografien wie die des Eisenstädter Star-Musiker Ernst Breuer sollen einem breiteren Publikum vermittelt oder überhaupt erst dem Vergessen entrissen werden, wie die von Hermann Hirschl, Gründer der 1. Mattersburger Sportvereinigung, oder Paul Rosenfeld, KZ-Überlebender und einziger Heimkehrer der jüdischen Gemeinde Frauenkirchens.
Johann Kirchknopf von der Burgenländischen Forschungsgesellschaft (BFG), Katharina Wolf-Scholz, Marina Stoilova, Juraj `edivý, Eszter Hárs, BFG-Geschäftsführer Michael Schreiber, Eisenstadts Kulturausschuss-Leiterin Waltraud Bachmaier, OJM-Direktorin Esther Heiss, Elisabeth Exl, Teresa Stöckl vom OJM, Gisela Spatzierer, Judaistik-Institutsvorstand der Uni Wien, Gerhard Langer und Herbert Peter.
© BVZ/Kaiser
Das Jüdische Museum (OJM) und die Burgenländische Forschungsgesellschaft (BFG) konnten mit namhaften Projektpartnern wie der Comenius-Universität Bratislava und der Akademie der bildenden Künste Wien ein mit 1,8 Millionen Euro dotiertes Interreg-Projekt auslösen. Dabei sollen bis 2028 die Orte, Personen, Objekte und Geschichten des jüdischen Lebens der Interreg-Region NÖ, Wien, Slowakei und Nordburgenland erforscht und digitalisiert werden.
„Wir wollen Erinnerungspolitik anders machen, jüdisches Leben wieder sichtbar machen“, betonte OJM-Direktorin Esther Heiss bei einer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag. Darum gehe es auch bei dem Projekt: Sichtbar machen und so in die Erinnerung einschreiben.
Das ambitionierte Ziel ist nämlich den akademischen Elfenbeinturm bewusst zu verlassen: Das Projekt soll Forschung verbinden, Tourismus bereichern und vor allem dem lokalen Publikum zeigen, „was vor der eigenen Haustür einmal existiert hat“. So sollen zerstörte Synagogen 3D-visualisiert und so digital „begehbar“ werden, ermordeten Jüdinnen und Juden soll digital an Ort und Stelle gedacht, verloren geglaubte Geschichten multimedial nacherzählt werden.
All das soll auf einer digitalen Landkarte der Region, der dem Projekt den Namen gebenden „Smart Map of Jewish History“ verzeichnet werden.
© BVZ/Kaiser
Der Historiker Juraj Šedivý von der Comenius-Universität Bratislava, Lead-Partner des Projekts, taxiert den enormen Forschungsaufwand: Bereits mehr als zweitausend Fotos und Briefe liegen vor, Interviews mit Überlebenden sind geplant. Rund 10.000 Juden lebten einst in Pressburg und gründeten von dort aus übrigens auch die jüdische Gemeinde Gattendorf (Bez. Neusiedl). Sie allen sollen „virtuelle Gedanktafeln“ bekommen: Viele ihrer Häuser wurden gesucht, dokumentiert und wie das historische Pressburg in 3D rekonstruiert.
Dem Judentum in Pressburg, erzählt Šedivý, ging es übrigens nicht anders, als im Burgenland: Eine Rückansiedelung der KZ-Überlebenden wurde nicht gerade gefördert, im Gegenteil: Die Gemeinde-Synagoge in Eisenstadt wurde erst in den Fünfziger, die in Bratislava in den Sechzigern eingerissen. Hier für ein Gewerksschaftshaus, drüben für den Autobahnbau.
Das Burgenland als Kernregion
Michael Schreiber, Geschäftsführer der Burgenländischen Forschungsgesellschaft, spricht von einem lange erwarteten Schritt. Seit einem Vierteljahrhundert beschäftige sich die BFG mit der jüdischen Geschichte der Region. „Jetzt haben die richtigen Leute zur richtigen Zeit zusammengefunden.“
Jüdische Geschichte sei mehr als eine Randnotiz der pannonischen Geschichtsschreiben: Erst kürzlich sei in Halbturn ein jüdisches Amulett aus dem 3. Jahrhundert entdeckt worden – nicht nur das älteste jüdische Artefakt im Burgenland und zugleich das älteste des Landes überhaupt.
Schreiber verweist auch auf die europaweit einzigartige Struktur der „Siebengemeinden“. Jüdische Gemeinden konnten unter dem besonderen Schutz der Fürsten Esterházy sogar Straßen für den Schabbat sperren, während in ganz Europa eine Pogromstimmung herrschte.
Im Projekt konzentriert man sich vorerst auf die fünf Siebengemeinden der Interregregion Nordburgenland, die bis ins 20. Jahrhundert Bestand hatten: Kittsee, Gattendorf, Mattersburg, Eisenstadt und Frauenkirchen. In weiterer Folge ist eine Ausweitung auf die anderen Siebengemeinden Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz gewünscht.
Eisenstadt als Zentrum der Sichtbarkeit
Teresa Stöckl vom Österreichischen Jüdischen Museum erklärt, dass drei Gassen des jüdischen Viertels in Eisenstadt neu aufbereitet werden: die Unterbergstraße, die Alexander-Wolf-Gasse und die Wertheimergasse. Points of Interest führen durch die Geschichte bedeutender Persönlichkeiten und Institutionen.
So wird an Samson Wertheimer erinnert, ungarischer Landesrabbiner und zentraler Vermittler jüdischer Ansiedlungen nach den Kuruzzenüberfällen. Die Gemeindesynagoge wird virtuell rekonstruiert – neue Modelle zeigen, wie der Bau einst ausgesehen hat. Auch der Alte Jüdische Friedhof spielt eine Schlüsselrolle: Das Grab von Naftali Kamen, dem ältesten bekannten Grabstein, erzählt von Vertreibung aus Wien und neuer Heimat in Eisenstadt. Hinzu kommt das Grab des Rabbiners Me’ir, eines der bedeutendsten Gelehrten der Region.

© zVg OJM
Es werden aber auch vergessene Biografien aufgearbeitet: Die Familie Gabriel gehört zu den wenigen, die nach der Shoah nach Eisenstadt zurückkehrten. Moritz Gabriel wird eine der zentralen Figuren der digitalen Erzählung.
Die Forscherin Marina Stoilova hat Bücher aus der abgerissenen Eisenstädter Gemeindesynagoge gesichtet und restauriert. In einem Band fand sie Kritzeleien eines jungen Sándor Wolf – der später das OJM gründete – sowie ein Erinnerungsalbum. Zudem tauchte die Korrespondenz der Familien Hirschel und Stock auf, die nach dem Krieg emigrierten und über ihr Schicksal und die verlorene Heimat schrieben. Besonders wertvoll sind Fotos des jüdischen Viertels aus 1908 – „eine der wenigen Quellen, die zeigen, wie es früher tatsächlich ausgesehen hat“.
Vom Kaffeehaus bis zur Donau: Lebenswege einer Region
Johann Kirchknopf von der BFG präsentierte die „Smart Map“ als Netzwerk biografischer Linien. Etwa Menachem (Ernst) Breuer, Sohn eines Kaffeehändlers, dessen Vater schon vor der NS-Machtübernahme nach Palästina floh. Breuer wurde dort Musiker, später Konzertmeister des Israel Philharmonic Orchestra und wirkte unter Daniel Barenboim. Dass er 2022 bei der Eröffnung der Synagoge in Kobersdorf spielte, schließt nach Kirchknopf „einen Kreis der Geschichte“.
Beispiel Kittsee: Am 16. April 1938 wurden jüdische Familien an das Dreiländereck getrieben, wo sie ausharren mussten, bis ein Pressburger Jude Ausreisepapiere nach Palästina beschaffen konnte. Ein dramatisches Kapitel – und zugleich Beleg für die engen historischen Verflechtungen.

© zVg OJM
Frauenkirchen: Nur ein einziger Jude kehrte nach 1945 zurück – Paul Rosenfeld. Seine Familiengeschichte führt über Budapest, Zwangsarbeit am Südostwall, Flucht und verlorene Besitzansprüche. Erst nach einem Besuch in seinem Heimatort entschied er, zu bleiben. 2003 starb er in Frauenkirchen.

© zVg OJM
Gattendorf: Die Gemeinde-Synagogen war ein Bau des Kittseer Architekten Martin Köster. Die alte Synagoge wurde 1938 verwüstet, später zum Lagerhaus, 1996 abgerissen, da sich ausgerechnet das Bundesdenkmalamt geweigert hatte den bestehenden Denkmalschutz der Vorkriegszeit zu verlängern. Bauteile dienten als Raumtrenner in der Volksschule. Auf dem ursprünglichen Grundstück steht heute ein Privathaus. Über die Smart Map soll das Gebäude wieder virtuell betretbar werden.

© zVg TU Wien Diplomarbeit von Marina Glaser
Michael Schreiber ergänzte die Geschichte von Hermann Hirschl, einem der Gründer der ersten Mattersburger Sportvereinigung. Nach der NS-Machtübernahme musste er den Verein verlassen. Hirschl überlebte das Konzentrationslager, starb aber in den sechziger Jahren – weitgehend vergessen. Der Kontrast zu international bekannten Biografien wie jener Breuers verdeutlicht, wie unterschiedlich Lebenswege verlaufen konnten.

© zVg OJM
Die App und Website – jewishsmartmap.eu – sind online, aber noch nicht befüllt. „Die Wissenschaft ist schneller als das Webdesign“, kommentiert Šedivý. Ende des Jahres soll die Datenbank freigeschaltet werden. 2028 entsteht eine neue Dauerausstellung, ergänzt durch eine Wanderausstellung an den historischen Orten.
Privatpersonen sind aufgerufen, in ihren Archiven nach Fotos, Briefen und Dokumenten zu suchen. Gerade in Familiennachlässen könnten sich Materialien befinden, die die digitale Karte entscheidend erweitern. Sie können diese an m.kaiser@bvz.at schicken und sich per WhatsApp oder telefonisch melden: 0664/88645524
Die BVZ wird in den kommenden Ausgaben die bereits erforschten Biografien vorstellen.