Die Brüder Kutrowatz: Klaviervirtuosen am Olymp des Kunsthimmels
KÜNSTLER-PORTRÄT
Darf's Bach sein, Mozart, Haydn oder vielleicht doch Liszt? Man darf gewiss sein: kaum einer interpretiert die großen Maestros so wie das Brüder-Paar Eduard und Johannes Kutrowatz. Jeder für sich genommen schon ein Virtuose am Klavier, in ihrer Vierhändigkeit aber ein Kunstgenuss in Vollendung.
Nina Mayer beim Interview mit Johannes und Eduard Kutrowatz
© Nina Mayer
Allen wichtigen Konzerthäusern der Welt schenkten Eduard und Johannes Kutrowatz bereits ihren Auftritt. Da wären beispielsweise die "Carnegie Hall“ und die „92nd Y“ in New York zu nennen, die „Wigmore Hall“ in London, das „Centre of Arts“ in Toronto, der „Haydnsaal“ in Eisenstadt, das „Konzerthaus“ und der „Musikverein“ in Wien und die „Suntory Hall“ in Tokio.
Apropos Japan: dieses Land spielt im Leben der Künstler eine besondere Rolle. Millionen Menschen dort kennen und lieben das Brüderpaar. Johannes ist seit 2007 künstlerischer Leiter des Yamanakako Festivals. Mehrere Wochen im Jahr verbringen die Musiker im Land der aufgehenden Sonne, das eine besondere Magie auf die Künstler ausübt. „Ich liebe es, am Strand zu sitzen und in der inspirierenden Ruhe an Kompositionen zu arbeiten. Wunderbare Ideen fließen mir dort zu“, schwärmt Eduard Kutrowatz.
Fast jeder kennt die Komponisten großen Namens. Alten Epochen entspringen ihre für die Unendlichkeit komponierten Werke. Eduard Kutrowatz ist das Unglaubliche gelungen, an diese Granden anzuknüpfen. Seine Eigenkompositionen sind bereits jetzt Bestandteil vieler Konzerte auch anderer Pianisten.
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„Lehrer beeinflussen die Ewigkeit“
Talent ist natürlich Grundvoraussetzung, um zu dem Status zu gelangen, den die Pianisten einnehmen. Ehrgeiz, tiefes emotionales Empfinden und sehr hartes Training gehören aber ebenfalls dazu. Wer waren nun die Lehrer, die das Talent zur Entfaltung gebracht haben?
Dazu Johannes Kutrowatz: „Wir hatten das Glück Lehrerpersönlichkeiten zu haben, die unserem Herzen bis heute unglaublich nahe stehen. An der Musikschule in Mattersburg war es Valerie Posch, die Herz und Hirn in einer sagenhaften Art und Weise verband. Am Haydnkonservatorium Uwe Wolf, ein fantastischer Lehrer, der uns pianistisch in die Mangel genommen und gefordert hat und an der Musikhochschule Wien, wo wir nun selbst unterrichten dürfen, war es Renate Krammer-Preisenhammer.“

© Nina Mayer
20 Finger und 176 Tasten
Ein Schlüssel zum Erfolg war der Geniestreich, auf zwei Klavieren vierhändig zu spielen. Früh nahm dieser seinen Anfang. Im zarten Alter von sechs Jahren gab es in der Heimatgemeinde der Brüder, in Rohrbach, einen sogenannten Verschönerungsverein, der immer wieder im Kinosaal Konzerte veranstaltete. Kurzerhand wurden Johannes und Eduard mit einem Schellenreifen am Handgelenk ans Klavier gesetzt, um das Schmankerlstück „Die Petersburger Schlittenfahrt zu spielen“.
Die Entscheidung, Klavierduo als Profession zu machen, fiel an der Musikuniversität in Wien durch die Lehrerin Renate Krammer-Preisenhammer. Sie erkannte früh, dass es marktstrategisch gut funktionieren könnte, wenn Brüder am Klavier gemeinsam auftreten.
„Musik muss immer ein Sehnen enthalten, ein Sehnen über die Dinge dieser Welt hinaus“ (Gustav Mahler)
Zwei Zitate prägten das Leben von Eduard und Johannes Kutrowatz. Das erste stammt von der jüdischen Autorin Nelly Sachs: „Alles beginnt mit der Sehnsucht“. Sehnsucht spürt wohl jeder Künstler in sich, vielleicht sogar einen Hauch stärker als andere. Sensibilität und tiefes Empfinden sind Motoren für kreatives Schaffen.
Zusätzlich ermöglichte die Musik den Musikern, ihre Sehnsucht die Welt zu sehen, zu stillen. Mehrmals reisten sie um den Erdball, sammelten Eindrücke und Erlebnisse - keine Frage, eine Erweiterung des Horizonts. Nur ein Mensch, der weltoffen ist, gedanklich einen hohen Grad an Freiheit zulässt, ist in der Lage Großes zu schaffen und damit Fans emotional zu berühren.
Das zweite Zitat und musikalische Motto der Brüder ist dem großen Louis Armstrong zuzuordnen: „What we play is life“. Nur wenn das, was man künstlerisch tut, ins Leben eingebunden ist und dadurch Ausdruck des eigenen Lebensgefühls wird, ist es authentisch genug, um beim Publikum Echo zu finden. In jeder komponierten und gespielten Note der Genies spürt man, dass es nicht nur um das perfekte Zelebrieren geht, sondern um den Austausch von Emotionen.

© Rene Starkl
Eine Welt ohne Kunst? Unvorstellbar arm!
Wer das Glück hatte, schon einmal einem Konzert von Johannes und Eduard Kutrowatz beiwohnen zu dürfen, wird diese Empfindungen verstehen. Am besten kann man sie als bewegend bezeichnen, berührend, bis ins Innere fühlend. Was gibt es für einen Künstler Größeres, als Emotionen hervorzurufen? Von welch' Genialität muss man beseelt sein, um sein Publikum sowohl zum Lachen, als auch zum Weinen zu bringen, zum Staunen und zum Nachdenken.
Seit 2009 sind sie Brüder nach langen, erfolgreichen Jahren der Intendanz des „Klangfrühlings“ nun künstlerische Leiter des Liszt-Zentrums in Raiding, das sie zum bedeutendsten Liszt-Veranstaltungsort weltweit machen konnten. Stolz sind sie darauf, dass sie keine Konzerte oder Events verkaufen, sondern Emotionen. Wahrscheinlich ist es das Vollbringen dieses Kunstwerks, warum klassische Musik hier so gut funktioniert, warum man keinen Ton missen möchte.
Wissen erhalten, Wissen weitergeben
Die wahre Größe der Virtuosen zeigt sich auch darin, nun nicht mehr „nur“ als aktive Künstler tätig zu sein, sondern als „Ermöglicher“. Jungen Künstlern eine Bühne zu geben, diese zu fördern, das wird den Brüdern ein immer wichtigeres Anliegen. Die Kombination aus selbst aufzutreten und für andere wegweisend zu sein, erfüllt Eduard und Johannes in höchstem Maße.
Und es ist auch die Fähigkeit für die Früchte der Arbeit dankbar sein zu können, die den sicher oft harten, steinigen Weg eines Spitzenkünstlers, leichter gehbar macht. Wollen, Disziplin und ein Quäntchen Glück. Die jüdische Kultur hat wohl die geistreichsten Witze und in diesem Zusammenhang sei einer erzählt, der das „Problem mit dem Glück“ beschreibt:

© Nina Mayer
„Moshe und der liebe Gott“
Moshe macht eine schwere Zeit in seinem Leben durch. Sein Geschäft läuft nicht gut, er hat viele Kinder zu ernähren, seine Frau macht ihm Stress. Was tut er? Tag für Tag geht er in die Synagoge, um zu Gott zu beten: „Bitte Gott, lass mich im Lotto gewinnen.“ Eines Tages bekommt er tatsächlich eine Antwort von Gott: „Moshe, begegne mir auf halbem Weg und kauf einen Schein.“ Ohne selbst etwas beizutragen, wird einem das Glück meist nicht hold sein.
Kultureller Schatz für dich und mich
Bleibt noch ein kleiner Input. Das Lisztzentrum Raiding ist burgenländisches Kulturgut. Wir können dankbar und stolz darauf sein. Wenn man will, dass kulturelle Schätze, wie die Musik Haydns oder im speziellen Fall Liszts, mit diesem wunderbaren Veranstaltungszentrum erhalten bleiben, ist der erste Schritt, sich die Mühe zu machen, hinzufahren und sich dem Musikgenuss hinzugeben.

© Nina Mayer