Burgenland 1921: 65 Seelen kamen nie in Österreich an
Landesgeschichte
Eine Gruppe Militärhistoriker recherchierte Namen und Geschichte der gefallenen Soldaten und Gendarmen bei der Landnahme des Burgenlandes 1921. Nun sind die 17 getöteten Zivilpersonen an der Reihe - hoffentlich mit Unterstützung der BVZ-Lesefamilie.
Bei einem Absturz eines Transportfahrzeuges bei Pinggau kamen elf Soldaten ums Leben, die 19 anderen wurden verletzt.
© zVg BMLV
Dass die Landesverteidigung mehrere Ebenen hat, nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Informationen ausgefochten wird, ist spätestens seit dem Ukraine-Krieg auch breiteren Teilen der Bevölkerung klar. Wie soll denn ein Land verteidigt werden, wenn man nicht genau was, was es ist und woher es kommt?
Die burgenländische Flanke ist hier offen, das haben Militärkommandant Brigadier Gernot Gasser und Regierungsrat Oberst Alexander Kovacs richtig erkannt. Sie stießen 2018 einen Recherche-Prozess an, der sich mit Schlüsselereignis unserer Landesgeschichte, der Landnahme des Burgenlandes 1921 befassen sollte. Über diese stehen im Lehrbuch für den Geschichteunterricht nämlich gerade einmal elf Zeilen - und selbst die sind unpräzise, wie der Militärhistoriker Jörg Aschenbrenner kritisierte.
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Er und seine Kollegen Martin Senekowitsch und Peter Steiner präsentierten am vergangenen Donnerstag beim ersten Symposion der Geschichte des Militärkommandos Burgenland ihre Forschungsergebnisse. Den militärischen Ablauf der Landnahme hatte Aschenbrenner bereits in „Der Kampf um das Burgenland 1921“ aus militärischen Schriftenreihe „Truppendienst“ beschrieben (die BVZ hatte berichtet).
Einziges militärisches Gefecht auf heimischem Boden
Zur Erinnerung: Die Allierten hatten nach dem Ersten Weltkrieg den überwiegend deutschsprachigen Teil Westungarns Österreich zugesprochen. Dem Bundesheer hatten die Allierten das Einrücken nicht erlaubt um einen „Bruderkrieg“ mit Ungarn zu vermeiden, weswegen die Gendarmerie ins Burgenland einrückte. Ungarn, das ohnehin schon zwei Drittel seiner Vorkriegs-Fläche verloren hatte, weigerte sich aber, abzurücken. So formierten sich - da auch Ungarn kein reguläres Heer ausschicken durfte - pro-ungarische Freischärler.

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Von Ungarn und dem südburgenländischen Grafen Erdödy unterstützt, konnten die Freischärler die österreichische Gendarmerie nicht nur zurückdrängen, sondern setzten sogar - eigentlich entgegen ihrer Befehle - zum Angriff auf österreichisches Gebiet an. So kam es am 5. September 1921 bei Kirchschlag zum ersten und einzigen Gefecht des österreichischen Bundesheeres auf heimischen Boden.
Erst das Zugestehen einer Volksabstimmung in Ödenburg und Umlandgemeinden nahm den Freischärlern den Wind aus den Segeln. Beim zweiten Versuch im November konnte die österreichische Gendarmerie ohne größere Widerstände einrücken. Im Dezember entschied sich Ödenburg in einer umstrittenen Abstimmung für den Verbleib bei Ungarn, die Grenzen waren damit weitgehend gezogen. Bis dahin hatten 35 Bundesheer-Soldaten, 13 Gendarmen und 17 Zivilpersonen ihr Leben lassen müssen.
Zivile Opfer als blinde Flecken der Landesgeschichte
Mit den Opfern schließt sich auch wieder der Kreis zum Symposion. Bei dieser, erklärten die Historiker nämlich die Schwierigkeit, an die Geschichten der Getöteten zu kommen. Bei den Soldaten und Gendarmen gab es penible Aufzeichnungen, die Akten der Zivilpersonen sind irgendwo zwischen Budapest, Ödenburg, Wiener Neustadt oder Hollabrunn verschwunden. Hollabrunn deshalb, da es hier ein „Internierungslager für österreichfeindliche Subjekte aus dem Burgenland” - also offene oder vermeintliche Anschlussgegner - gab. Bis heute würde man in Hollabrunn die Gartenstadt umgangssprachlich „das Lager“ nennen, fand Aschenbrenner heraus.
Die Historiker konnten sich daher vor allem auf zwei Dinge stützen: Ein Schadensregister, bei dem man den Verlust von Wertgegenständen oder - noch schlimmer - Personen melden konnte, sowie Zufallsfunden bei Angehörigen.

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Nachfahren der Opfer gesucht!
Hier ist nun jeder einzelne Leser und jede einzelne Leserin gefragt. Neben zwei zivilen Opfern aus Wien und zwei aus NÖ, die zur falschen Zeit am falschen burgenländischen Ort waren, wurden 13 Burgenländer ermordet. Sie haben es nicht verdient, vergessen zu werden. Bitte helfen Sie mit, fragen Sie Eltern und Großeltern, ob jemand Informationen über die Opfer hat und melden Sie sich bei mir:0664/88645524oderm.kaiser@bvz.at.Ich stelle gerne den Kontakt zu den Militärhistorikern her. Hier sind die bekannten biografischen Daten der Opfer:
Der Bindermeister und Gastwirtssohn Ferdinand Schmidt (* 14. 05. 1899, Neudauberg) aus Neudauberg erlitt am 28. August beim Haus Goger, Burgauberg, an einer Straßensperre der Freischärler einen tödlichen Herzschuss.
Der Kreisnotär Josef Illés wurde am 21. Oktober 1887 in Sárvár (bei Szombathely) geboren. Er war der Kreisnotär von Güssing und wurde wegen einer Verwandtschaft mit Karl Renner als vermeintlicher Anschlussbefürworter durch einen Genickschussnahe einer Ziegelei bei Kohfidisch (Bereich um die Mischendorfer Kreuzung) ermordet.
Am 2. September wurde der Bauer Franz Grenauer (* 12. 08. 1896, Aschau, B) aus Aschau/Oberschützen am Weg Bretter zu kaufen in Offenegg in NÖ, also auf österreichischem Boden von Freischärlern vom Rad geschossen. In Gendarmerieakten wird er auch „Grünbauer“ genannt.

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Josef Schlögl (* 20. 01. 1894) aus Steinbach wurde am 5. September, beim Kühehüten im Raum Pilgersdorf von Freischärlern durch einen „zufälligen Maschinengewehrschuss“ tödlich verwundet.
Am 7. September wurde der beinamputierte Kriegsheimkehrer Johann Baumgartner jun. (* 13. 11. 1891) aus Salmannsdorf von Freischärlern aus seinem Haus entführt und wegen pro-österreichischer Spionage etwa 150 Meter vom Gasthaus Hollenthonner (heute Kirchschlager Straße 6) in Pilgersdorf an einem Apfelbaum (heute Bereich Ägydiplatz) aufgehängt. 1925 wurde Gustav Lederer in Oberpullendorf verhaftet und der Mittäterschaft am Mord an Baumgartner beschuldigt.
Stephan (István) Baranyai (* 1875), der in der Romasiedlung (heute Gelände des ESV Dobersdorf) lebte, wurde am 14. September 1921 vor Dobersdorf am heutigen Lafnitzweg von Freischärlern mit mehreren Schüssen ermordet. Ein Motiv für das Verbrechen konnte nicht ermittelt werden. Er hinterließ acht unversorgte Kinder.
Am 26. September 1921 wurde Johann Brunner (* 20. 04. 1900) in der Nähe seines Elternhauses in Henndorf Nr. 113 gegen Mitternacht von einem ungarischen Banditen ohne Grund niedergeschossen.
Franz (Ferenc) Pataki (ursprünglich Schnellbach, *30. Juni 1872 in Márkó) war seit 1917 Pfarrer von Pernau (Pornóapáti), zuvor von 1905 bis 1917 Pfarrer in Gerersdorf bei Güssing. Am 16. Oktober wurde die Entführung und Ermordung des als österreichfreundlichen ungarischen Pfarrers bekannt.

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Hugo Schindler (* 1903, Gattendorf, B) wurde am 5. Oktober 1921 von Freischärlern aus der Lederfabrik des Leopold Spitzer in Eisenstadt, Unterbergstraße Nr. 16, wo er auch wohnte, entführt. Die Leiche wurde am 1. Dezember im Gemeindegebiet von Schützen etwa in der Mitte der westlichen Tiergartenmauer gefunden.
Am 3. oder 7. Oktober geriet Maria Horvath (geb. Mahal, * 05. 03. 1856, Polzice/CZ) aus Bruckneudorf in einer Schießerei auf dem Gelände des Brucker Lagers zwischen die Fronten, wurde durch einen Bauchschuss schwer verletzt und starb einige Tage später an ihren Verletzungen.
Bei einem Überfall auf den Meierhof Apetlon wurde am 4. März 1922 gegen 02:30 Uhr der 63-jährige Apetloner Nachtwächter Christian Horvath (* 25. 03. 1859) von einer ungarischen Bande, die vom Meierhof „Mexiko“ gekommen war, erschlagen. Horvath hinterließ seine Ehefrau Katharina und sechs Kindern. Das Nachtwächter-Marterl in Apetlon erinnert heute noch an ihn.