„Judentum ist kein totes Insekt unter Mikroskop“
Neue OJM-Direktorin
Die neue Direktorin des Jüdischen Museums, Esther Heiss, erklärt, wie sie das Judentum in Eisenstadt wieder lebendiger machen will. Ein Weg führt dabei über den Wein.
Die neue Geschäftsführerin des Jüdischen Museums bedankte sich bei ihrem Vorgänger Johannes Reiss für seine Arbeit
© Nina Mayer, Nina Mayer
Die Geschichte von Esther Heiss ließe sich ja märchenhaft erzählen. Die kleine Nikitscherin, die in der großen Stadt das Judentum erforschte, ihr Doktorat machte, heimkehrte und nun mit nur 28 Jahren als Museumsdirektorin das Andenken an unsere verlorene fünfte Volksgruppe verwaltet. Aber sowohl das burgenländische Judentum als auch der in seiner Vielfalt sehr burgenländische Charakter von Esther Heiss haben mehr als schematische Erzählungen, mehr als Standard-Fragen wie „Sind sie selber Jüdin?“ oder „Was sagen Sie zum Gaza-Krieg?“ verdient. Ein Haus, eine Position, einen Menschen oder eine Armee mit dem Judentum gleichzusetzen hat uns ja schon einmal dorthin geführt, wo wir nie wieder landen sollten.
„Schuldgefühle bringen uns nicht weiter“
Hier kommen wir langsam zum koscheren Eingemachten: Das Thema Judentum ist im Burgenland mit Schuldgefühlen zugedeckt und behandelt vorrangig - wie Heiss sofort bemerkte - von einer Kohorte an Zeithistorikern. „Das Judentum ist aber kein totes Insekt, das man unter dem Mikroskop betrachtet. Es lebt! Man merkt es im Burgenland nur nicht“, sagt Heiss. Sie sagt auch: „Schuld ist zwar eine verständliche moralische Position, sie bringt uns aber nicht weiter.“
Heiss hat ihren Doktor übrigens über jüdischen Humor gemacht, ihr Fachgebiet liegt viele Jahrhunderte vor dem der Zeitgeschichte, vor der gänzlichen Vertreibung und teilweisen Vernichtung unserer jüdischen Volksgruppe. Das ist genau die Adrenalinspritze, die es braucht, um etwas Totgeglaubtes wieder lebendig zu machen.
Wiederbelebung via Wein und Brauchtum
Fragt sich nur: wie? Die Antwort zeigt Heiss' nicht nur judaistische sondern eben auch mittelburgenländische Grundausbildung: Wein. Der burgenländische Landesrabbiner - sozusagen das jüdische Pendant zum Bischof - Schlomo Hofmeister kennt sich für einen gebürtigen Münchner sehr gut mit Wein aus, er ist sogar selbst Winzer. Dazu gibt es in Mönchhof das koschere Weingut Hafner. Was wäre also geeigneter die Beiden in einem koscheren Weinfest zu vereinen als der bezaubernde Innenhof des jüdischen Museums - immerhin ehemaliger Sitz der jüdischen Weinhändlerfamilie Wolf, ohne die es weder das jüdische noch das Landes-Museum, noch das Gymnasium der Diözese gebe.
Überhaupt, so Heiss, habe das Judentum wunderbare Feste, Musik und Bräuche, die eine Bereicherung für das Eisenstädter Stadtleben wären.
Das „Ich habe mit dem Museum noch etwas vor!“, mit dem Heiss ins BVZ-Gespräch eingestiegen ist, war also weder untertrieben, noch reduzierte es sich auf den dringend sanierungsbedürftigen Zustand des Hauses: „Mein schönstes Ziel wäre: Wenn ich einmal in Pension gehe, ist das Haus in einem schönen Zustand, digitalisiert und eines der modernsten Museen in Österreich.“
Das klingt, zwischen den Zeilen gelesen, auch nach: Ich bin (heim-)gekommen, um zu bleiben.
Öffnungszeiten des Museums
Für Einzelgäste von Mai bis Oktober von Montag bis Donnerstag sowie Sonntag immer von 10 bis 17 Uhr geöffnet, für Gruppen ab 10 Personen sowie Schulgruppen gegen Voranmeldung ganzjährig. Der Eintritt kostet fünf Euro, für Familien acht, für Gruppen 2,50 und für Schulklassen zwei Euro.