Der letzte Jude

Ninas liebes Geflüster

Friedrich Nietzsche schrieb einst: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“

Nina Mayer erzählt in ihrer Kolumne „Ninas liebes Geflüster“ die Geschichten hinter den Geschichten.

Nina Mayer erzählt in ihrer Kolumne „Ninas liebes Geflüster“ die Geschichten hinter den Geschichten.

© Nina Mayer

Diese Woche durfte ich über das jüdische Gassenfest in Eisenstadt schreiben. Während ich in der warmen Abendsonne in dieser historischen Gasse saß, zwischen Stimmen, Musik und jahrhundertealten Mauern, wurde ich plötzlich sehr still.

Besonders nachdenklich machte mich die Begegnung mit einem sympathischen Mann, der mir erzählte, dass er der letzte in Eisenstadt lebende Jude sei. Ein einziger Satz und plötzlich standen unzählige Gedanken im Raum. Gedanken über Erinnerung. Über Verantwortung. Über Menschlichkeit. Darüber, wie wir heute mit Andersartigkeit umgehen: kulturell, religiös, körperlich, menschlich. Darüber, wie erschreckend roh unsere Zeit geworden ist.

Es scheint vielen Menschen gleichgültig geworden zu sein, wie man mit Schwächeren umgeht. Mit Stilleren. Mit denen, die nicht laut genug sind, um sich selbst zu verteidigen.

Noch erschreckender ist vielleicht etwas anderes: Wie viele Menschen, denen man Bildung, Intelligenz oder gesellschaftliche Reife zuschreibt, bereit sind, ihre Werte im entscheidenden Moment über Bord zu werfen. Da stellte sich mir unweigerlich die Frage: Hatten sie nie welche? Oder ist der Mensch sich am Ende doch immer selbst der Nächste?

„Die Seele dem Teufel verkaufen.“ Dieser alte Gedanke ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Die Redewendung selbst wurzelt in der europäischen Literatur- und Geistesgeschichte, berühmt geworden vor allem durch Goethes „Faust“, in dem Faust für Macht, Erkenntnis und Erfüllung einen Pakt mit Mephisto eingeht. Vielleicht ist genau das zeitlos: der Moment, in dem Menschen beginnen, ihre Moral gegen Vorteil einzutauschen.

Friedrich Nietzsche schrieb einst: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“

Und Hannah Arendt formulierte einen der erschütterndsten Gedanken des vergangenen Jahrhunderts: „Das Böse ist niemals radikal, sondern nur extrem. Es besitzt weder Tiefe noch Dämonie.“

Gesellschaftlicher Verfall beginnt nicht mit großen Katastrophen. Er beginnt dort, wo Loyalität verschwindet, Empathie stirbt. Wo Menschen wegsehen, solange sie selbst profitieren. Den moralischen Zustand einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit den Verletzlichen, den Minderheiten, den Einsamen umgeht.

Heute blieb mir genau das im Herzen zurück.

Traurigkeit.

Aber auch die Hoffnung, dass Menschlichkeit niemals vollkommen verschwinden darf.