Küss die Hand

Ninas liebes Geflüster

In einer Zeit, in der Umgangsformen oft vernachlässigt werden, spricht sich Nina Mayer für Benehmen, Zuwendung und Höflichkeit aus.

Zuwendung und Zeit sind das Wertvollste, das man schenken kann.

Zuwendung und Zeit sind das Wertvollste, das man schenken kann.

© Nina Mayer

Neulich hielt mir jemand die Tür auf. Nicht hastig, nicht beiläufig, sondern mit einem kurzen Lächeln und einem kleinen Nicken, als sei das ganz selbstverständlich. Was es ja eigentlich auch sein sollte. Drinnen half er mir sogar noch aus dem Mantel, ganz selbstverständlich ebenfalls. Mit einem strahlenden Lächeln bedankte ich mich.

Es sind diese kleinen Aufmerksamkeiten, die etwas verändern. Sie sind unscheinbar, fast beiläufig, und doch bleibt etwas von ihnen. Höflichkeit zeigt sich nicht im Großen, sondern im Kleinen.

Höflichkeit drängt sich nicht auf. Sie fordert keine Bühne, keine Zustimmung, kein Echo. Sie wirkt im Stillen und entfaltet ihre Bedeutung oft erst im Nachhinein. Vielleicht wird sie gerade deshalb seltener wahrgenommen. Nicht, weil sie unwichtig geworden wäre, sondern weil sie leise ist in einer lauten Zeit.

Bitte, Danke, Entschuldigung. Eine aufgehaltene Tür. Ein freundlicher Blick. Freundliche und wertschätzende Anreden und Grußworte selbst in WhatsApp-Nachrichten, anstatt liebloser LGs, die an das Götz-Zitat erinnern und auf den Anstand des Gegenübers schließen lassen. Jemand, der wartet, statt zu drängeln. Jemand, der hilft, ohne gefragt zu werden. All das kostet wenig und bedeutet viel.

Unsere Tage sind voll, unser Tempo hoch. Zwischen Terminen, Nachrichten und Verpflichtungen erscheint Höflichkeit manchmal wie ein Umweg. Dabei ist sie oft das Gegenteil. Sie schafft Nähe, wo Distanz droht, und Ruhe, wo alles drängt.

Manche halten Höflichkeit für eine Form von Fassade, für etwas Altmodisches. Doch vielleicht ist sie eher ein Zeichen von Souveränität. Wer aufmerksam ist, muss sich nicht behaupten. Wer höflich ist, weiß um den eigenen Platz und lässt dem anderen seinen.

Höflichkeit hat auch mit Charme zu tun. Nicht dem lauten, nicht dem inszenierten, sondern dem stillen. Dem, der nichts verlangt und gerade dadurch wirkt. Ein kurzer Moment des Innehaltens, der sagt: Ich sehe dich.

Ich weiß nicht, ob Höflichkeit tatsächlich verschwindet. Vielleicht zeigt sie sich nur seltener. Umso deutlicher wird sie, wenn sie da ist.

Die Tür halte ich jedenfalls weiterhin auf. Und ein Lächeln schenke ich auch. Man weiß ja nie, wer diesen kleinen Moment gerade braucht.