Natascha Ladics-Tichy: Aus Liebe zu Loretto

Portrait

Geboren und tief verwurzelt im 545-Seelen-Dorf Loretto, weithin bekannt durch seine imposante Basilika: Natascha Ladics-Tichy ist eine Frau, die weiß, wo sie hingehört. Es ist diese tiefe Verbundenheit mit ihrem Heimatort, die sie antreibt, sich einzubringen, anzupacken und Verantwortung zu übernehmen. „Wenn man in der Lage ist zu helfen, hat man auch die Pflicht, es zu tun“, sagt sie. Ein Satz, der ziemlich genau beschreibt, was Natascha Ladics-Tichy ausmacht.

Natascha Ladics-Tichy begrüßt ihre Gäste beim Open Air vor der Basilika in Loretto. Der umtriebige Tausendsassa setzt sich mit viel Liebe und Engagement für ihr Heimatdorf Loretto ein.

Natascha Ladics-Tichy begrüßt ihre Gäste beim Open Air vor der Basilika in Loretto. Der umtriebige Tausendsassa setzt sich mit viel Liebe und Engagement für ihr Heimatdorf Loretto ein.

© Nina Mayer

Ihre beruflichen Kontakte sind dabei ebenso hilfreich wie ihre Bereitschaft, Zeit und Energie zur Verfügung zu stellen. Denn Zahlen, Daten und Fakten sind ihr Beruf, Gemeinschaft, Kultur und soziales Engagement ihre Herzensangelegenheit.

Schon während ihrer Schulzeit am Gymnasium in Eisenstadt entwickelte Natascha eine Affinität zu Zahlen. Mathematik, Daten, wirtschaftliche Zusammenhänge, ja, das lag ihr. Und irgendwann stand für sie fest: „Wirtschaft ist nicht schlecht, das kann ich immer brauchen!“ Gesagt, getan. Sie studierte Betriebswirtschaft an der WU Wien, ihr Spezialfach war Steuerrecht.

Nach dem Studium führte ihr beruflicher Weg zunächst in eine Kanzlei nach Wien. Dort sammelte sie Erfahrung und lernte die Welt der Steuerberatung von Grund auf kennen. Als 2008 ihr Sohn zur Welt kam, veränderte sich ihr Leben und Natascha wagte den Schritt in die Selbstständigkeit.

„Frauen an der Steuer“

Zunächst arbeitete sie im eigenen Haus in Loretto, doch irgendwann wurde klar: Die Kanzlei braucht mehr Platz. Dass sie schließlich in Neufeld an der Leitha ihre eigenen Räumlichkeiten fand, war kein Zufall. Ihr Schwiegervater hatte dort ein Versicherungsbüro betrieben und ging in Pension, aus diesem wurde eine Kanzlei.

Heute beschäftigt Natascha Ladics-Tichy sechs Mitarbeiterinnen. Das Motto der Damenrunde könnte passender nicht sein: „Frauen an der Steuer“. Zahlen, Bilanzen, Fristen, Gesetze und Paragraphen bestimmen den beruflichen Alltag. Doch so sehr Natascha ihre Arbeit liebt, so wichtig ist ihr der Ausgleich dazu. Den findet sie dort, wo ihre Wurzeln liegen: in Loretto.

Natascha Ladics-Tichy: Aus Liebe zu Loretto

© Nina Mayer

Loretto tanzt weiter

Im Jahr 2021 gründete sie gemeinsam mit drei Freunden den „Kunst- und Kulturverein Loretto“. Die Idee entstand aus einem Gedanken, der für einen kleinen Ort wie Loretto typisch ist: Was einmal liebgewonnen wurde, soll nicht einfach verschwinden.

Die Feuerwehr konnte den jährlichen Ball nicht mehr organisieren. Doch für Natascha und ihre drei Bekannten war schnell klar: Der Ball muss weiter fixes Bestandteil des Faschings bleiben!

Mit ihm verbinden sie Erinnerungen an Nächte des Tanzes, an Polonaisen, feucht-fröhliche Mitternachtseinlagen und vielleicht auch an den einen oder anderen ersten Kuss. „Diese Möglichkeit wollen wir unseren Kindern nicht nehmen“, dachte sich das Kleeblatt. Also wurde weitergefeiert. Immer am letzten Samstag im Jänner, selbstverständlich auch in diesem Jahr.

Natascha Ladics-Tichy: Aus Liebe zu Loretto

© Nina Mayer

Sommerliches Intermezzo

Einmal im Jahr zu feiern war den Vieren zu wenig, und so entstand die nächste Idee: ein Open Air auf dem Platz vor der Basilika. „Fleischbrot“, eine Band, bei der auch Burschen aus Loretto spielen, erklärte sich bereit aufzutreten. Mittlerweile sind zwei weitere Bands dazugekommen.

Rund 300 Menschen kommen inzwischen zu dem sommerlichen Fest. Eintritt wird keiner verlangt. Der Kunst- und Kulturverein übernimmt die Organisation und unterstützt die Veranstaltung. Mittlerweile zählt der Verein rund 80 Mitglieder.

Auch der Tag der offenen Ateliertür gehört mittlerweile zum kulturellen Leben Lorettos. Die Lorettaner Malerin Martina Stöffelbauer öffnet dabei ihre Türen und präsentiert ihre Werke. Lesungen und Musik ergänzen die Ausstellung. Stöffelbauer hat auch das Logo des Kunst- und Kulturvereins entworfen.

Natascha Ladics-Tichy: Aus Liebe zu Loretto

© Nina Mayer

Ehrenamt ist Ehrensache

Es ist diese Mischung, die Natascha wichtig ist. Kultur muss für sie nicht abgehoben sein. Sie soll Menschen zusammenbringen, Begegnungen ermöglichen und Erinnerungen schaffen. Das ist ihr Verständnis von Ehrenamt: Nicht unbedingt das ganz Große zu planen, sondern dafür zu sorgen, dass das, was den Menschen etwas bedeutet, nicht verloren geht.

Nataschas Engagement reicht allerdings noch viel weiter zurück. Seit unglaublichen 34 Jahren ist sie im Pfarrgemeinderat tätig. Mittlerweile kümmert sie sich dort auch ehrenamtlich um die finanziellen Angelegenheiten. Bei einer Wallfahrtskirche gibt es davon nicht gerade wenige. Die Basilika von Loretto ist schließlich nicht irgendeine Dorfkirche. Sie prägt den Ort, seine Geschichte und sein Selbstverständnis. Für Natascha ist sie aber auch ein Stück persönliche Lebensgeschichte.

Kindheitserinnerungen

Schon als Kind verbrachte sie viel Zeit im Kloster. Gemeinsam mit Freunden wurde im Garten gespielt, in der Kirche wurden Theateraufführungen veranstaltet, und Ministranten waren sie sowieso alle. Es sind Erinnerungen an eine Kindheit, in der die Grenzen zwischen Kirche, Dorfleben und Freundschaft ganz selbstverständlich ineinanderflossen.

Auch der Blick über die eigene kleine Welt hinaus gehörte dazu. Als Flüchtlinge aus dem Libanon und aus Bosnien in Loretto einquartiert wurden, begleitete Natascha ihre Mutter Margit. Viele kennen sie aus der Job-Apotheke. Natascha beobachtete, wie ihre Mutter den Frauen half, die ihre Heimat verloren hatten und auf der Flucht waren. Früh hat sie dabei schon gelernt, wovon sie heute überzeugt ist: Wenn man helfen kann, sollte man es tun.

Eine Frage des Glaubens

Der Glaube ist Natascha wichtig. Nicht als etwas, das laut vor sich hergetragen werden muss, sondern als Teil ihres Lebens und ihrer Haltung. Natürlich gehört auch die Musik dazu.

Im Winter stehen in Loretto wieder besondere Veranstaltungen auf dem Programm. Das beliebte „Cäcilienkonzert“ findet heuer am 22. November statt, bei dem erneut der Musikverein Donnerskirchen auftreten wird. Dazu kommt ein Rock-Pop-Weihnachtskonzert des Chors „Leithatonix“ am 11. Dezember, bei dem auch Frauen aus Loretto mitsingen.

Kirche und Rock-Pop? Für Natascha kein Widerspruch. Denn auch das ist Loretto: Tradition und Gegenwart, Glaube und Lebensfreude, Basilika und Open Air. Ein kleiner Ort, in dem man sich kennt, miteinander feiert, sich hilft und manchmal einfach selbst dafür sorgt, dass etwas weitergeht. Das ist es, was den besonderen Zusammenhalt der Gemeinde ausmacht.

In einem Ort mit 545 Einwohnern kann man sich nicht einfach aus dem Staub machen, wenn irgendwo Hilfe benötigt wird. Man kennt die Menschen, ihre Geschichten und ihre Familien. Man weiß, wer Unterstützung braucht, und man weiß zu gut, dass man selbst irgendwann auf die Gemeinschaft angewiesen sein könnte.

Die Bilanz des Lebens

Natascha Ladics-Tichy lebt dieses Miteinander. Beruflich beschäftigt sie sich mit Zahlen, mit dem, was sich berechnen, bilanzieren und planen lässt. Privat folgt sie einer anderen Rechnung: Was man in eine Gemeinschaft hineingibt, kommt auf andere Weise zurück. Das ist die schönste Bilanz ihres bisherigen Lebens.

Sie hat sich ihre berufliche Welt aufgebaut, eine Kanzlei gegründet, Mitarbeiterinnen beschäftigt, sich als Steuerberaterin einen Namen gemacht. Doch bei allem, was sich in Zahlen ausdrücken lässt, sind es die Dinge, die man nicht bilanzieren kann, die ihr besonders wichtig sind: ein geretteter Ball, ein Konzertabend vor der Basilika, Bilder im Atelier, Menschen, die gemeinsam lachen und tanzen, Kinder, die später vielleicht einmal ihre eigenen Erinnerungen an die Lorettaner Feste haben werden.

Natascha Ladics-Tichy selbst würde wahrscheinlich gar nicht viel Aufhebens darum machen. Für sie ist Helfen keine Heldentat, sondern eine Selbstverständlichkeit. Das ist ihr größtes Kapital: Sie hat nie vergessen, wo sie herkommt und sie ist bereit, etwas dafür zu tun, dass dieser Ort auch für die nächste Generation ein Zuhause bleibt.

Natascha Ladics-Tichy: Aus Liebe zu Loretto

© Nina Mayer

Dankeschön von Herzen

Ihr besonderer Dank gilt ihrer Familie, ohne deren Rückhalt vieles nicht möglich wäre: ihrem Mann Willi, ihrer Mama Margit und ihren beiden Kindern Willi und Rosa. Selbst Schwester Vera und Schwager Hansi reisen regelmäßig aus dem Südburgenland zum Helfen an. Sie alle sind es, die ihr den Rücken freihalten, sie unterstützen und ihr immer wieder die Kraft geben, sich für andere einzusetzen.