Das letzte tapfere Schneiderlein von Eisenstadt

Reingard Ruzicka

Reingard Ruzicka hat sich mit ihrer Schneiderei „Kleine Rose“ in Eisenstadt einen Traum erfüllt – und ein Stück Handwerkstradition bewahrt.

„Kunstfaser kann ich nicht anziehen. Da sträubt sich alles in mir. Leinen, Baumwolle, Wolle – das ist ehrlich.“ In Reingard Ruzickas Schneiderei „Kleine Rose“ hat das Ehrliche und das Echte Vortritt vor dem Künstlichen und Schnelllebigen.

„Kunstfaser kann ich nicht anziehen. Da sträubt sich alles in mir. Leinen, Baumwolle, Wolle – das ist ehrlich.“ In Reingard Ruzickas Schneiderei „Kleine Rose“ hat das Ehrliche und das Echte Vortritt vor dem Künstlichen und Schnelllebigen.

© BVZ/Kaiser

Hoch hinauf auf Leithaberg geht es, wenn man Reingard Ruzickas Schneiderei „Kleine Rose“ aufsuchen will. Nur knapp unter der Gloriette, am Langsatzweg, ist die Werkstatt im Keller von Ruzickas Privathaus gelegen. Friedlich ist es hier oben. Dass weiter unten, in der Innenstadt, hat der Sturm der Moderne Ruzickas letzte Kollegin, Ruth Gold, just am Tag des Interviews vom Branchen-Parkett gefegt hat - aber davon spürt man in der zeitlos wirkenden Ruhe des Oberbergs nichts.

„Ich bin ja überhaupt kein Großstadtmensch“, empfängt die gebürtige Grazerin. „So viel Grau, kein Grün – das war nie meins.“ Die gelernte Schneiderin kam über Umwege - nach der Matura besuchte Ruzicka das Modekolleg in Mödling, absolvierte eine Ausbildung im Kostümbild in Wien - für ein Wirtschaftsstudium an der Hochschule Burgenland nach Eisenstadt. Hier gefiel es ihr, sie blieb: „Meine Kinder sind echte Burgenländer geworden.“

Vom Büro zur Nadel

Zu ihrer Schneiderei war der Umweg noch eine Station größer: Ruzicka arbeitete nach dem Studium sieben Jahre lang bei einer Möbelkette, zuletzt als Büroleiterin. Eine gute Arbeit, wie sie beschreibt, aber irgendetwas fehlte.

„Ich bin einfach Handwerkerin. Mir hat gefehlt, wieder etwas in der Hand zu haben“, sagt sie. Nach der Karenz kam die Erkenntnis: „Ich wollte etwas Sinnstiftendes machen, etwas, das zu meinem Leben mit kleinen Kindern passt.“ Also wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit.

Das letzte tapfere Schneiderlein von Eisenstadt

© BVZ/Kaiser

Die gefürchtete Bürokratie erwies sich als gar nicht so fürchterlich, als Meisterin und Ein-Personen-Unternehmen brauchte es nur einen kurzen Besuch bei der Wirtschaftskammer.

2014 war es also so weit, sie öffnete ihre Schneiderei „Kleine Rose“: „Ich hab einfach ein Schild aufgehängt, ein kleines Eröffnungsfest gemacht – und dann kamen die Leute. Erst die Nachbarn, dann durch Mundpropaganda immer mehr.“ Heute kommen Kundinnen und Kunden sogar aus Wiener Neustadt oder Mattersburg, viele Stammkunden seit Jahren.

Von Hochzeitskleid bis Lieblingsjeans

In ihrer Werkstatt wird geflickt, angepasst, verändert – und manchmal auch ein Traumkleid gerettet. „Ich hab immer gern Brautkleider angepasst. Das ist besonders schön, weil es um Emotionen geht“, erzählt Ruzicka.

Doch ihr Alltag besteht nicht nur aus Spitze und Satin. „Manche Kunden bringen mir zwanzig Hemden auf einmal – weil sie abgenommen haben. Da sieht man, was gute Kleidung wert ist.“ Ihr Grundsatz: Qualität vor Quantität. „Kleider wachsen nicht auf Bäumen. Viele haben keine Ahnung, wie viel Handarbeit in einem Stück steckt.“

Nähen gegen die Wegwerfgesellschaft

Was Ruzicka beschäftigt, ist der Zustand ihrer Branche. „Die Modewelt ist zu einem globalen Müllproduzenten geworden. Wenn man sieht, unter welchen Bedingungen produziert wird, kann einem schlecht werden.“ Gleichzeitig beobachtet sie eine kleine Gegenbewegung – vor allem bei jungen Menschen.

Das letzte tapfere Schneiderlein von Eisenstadt

© BVZ/Kaiser

„Second Hand ist bei jungen Menschen ein riesiges Thema. Viele kommen mit alten Kleidern, wollen sie anpassen, aufwerten. Das freut mich. Denn wenn man etwas mit den eigenen Händen macht oder anpassen lässt, bekommt es wieder Wert.“

Sie selbst arbeitet fast ausschließlich mit Naturmaterialien. „Kunstfaser kann ich nicht anziehen. Da sträubt sich alles in mir. Leinen, Baumwolle, Wolle – das ist ehrlich.“

Lernen mit der „Kleinen Rose“

Ein besonderes Herzensprojekt sind ihre Nähkurse. In kleinen Gruppen oder Einzelstunden zeigt sie Anfängern, wie man Röcke näht, Jeans ausbessert oder Puppenkleider macht. „Die Leute bringen einfache, aber gescheite Ideen mit. Da lern ich oft selber noch was.“

Die Stunden sind leistbar – 26 Euro pro Stunde. „Ich will, dass sich das alle leisten können. In einer Doppelstunde kann man schon einen Rock fertig machen.“ Und den, betont sie, gebe es dann auf der ganzen Welt nur einmal. Ein Generationen übergreifendes Argument: „Gerade Jugendliche haben wieder Lust, was selber zu machen. Das find ich wunderbar.“

Handwerk und Haltung

Ruzicka ist keine Designerin im klassischen Sinn, eher eine Bewahrerin. „Mich interessiert, wie man etwas repariert oder aus Alt was Neues macht. Das ist meine Leidenschaft.“ Dass in Eisenstadt mit der Schließung der Boutique von Ruth Gold ein Stück Modekultur verloren ging, macht sie betroffen. „Sie war eine der Letzten, die wirklich noch Mode gestaltet hat. Ich hoffe, dass mein Handwerk wenigstens ein bisschen davon weiterträgt.“

In ihrer Werkstatt verschwimmen Arbeit und Leben. „Ich nähe auch beim Fernsehen. Ich will nie eine Arbeit haben, bei der ich mir denke: Wann ist endlich Freitag.“ Ihre Tochter Sophie hilft schon mit – näht kleine Herzen auf Taschen. Vielleicht, sagt Ruzicka, bleibt das Handwerk ja doch noch ein Generationenprojekt.