„Einzigartiger Schatz“ unter dem Ruster Seehof

Stadtarchiv Rust

Das Ruster Stadtarchiv ist einzigartig: Die Geschichte der Freistadt ist seit Jahrhunderten genau dokumentiert, im Stadtarchiv werden die historischen Unterlagen gesammelt. Derzeit ist unter dem Seehof Inventur angesagt, das Archiv wird durchforstet und soll öffentlich zugänglich werden.

Bürgermeister Gerold Stagl mit Wolfgang Bachkönig im Ruster Stadtarchiv.

Bürgermeister Gerold Stagl mit Wolfgang Bachkönig im Ruster Stadtarchiv.

© BVZ, Peter Wagentristl

Die Archivare sind sich einig: was im Keller unter dem Ruster Seehof liegt, ist einzigartig im Burgenland. Da Dokumentation und Aufzeichnung des Zeitgeschehens in vergangenen Jahrhunderten stets Aufgabe der Grundbesitzer war, sind unzählige historische Dokumente nicht in öffentlichen Archiven aufbewahrt, sondern beim fürstlichen Rechtsnachfolger, der Esterhazy Stiftung. Eine Ausnahme bilden die Freistädte Eisenstadt - hier wird das Stadtarchiv als Depositum im Landesarchiv verwahrt - und eben Rust.

Bereits 1681 wurde Rust gegen einen hohen Geldbetrag und mehrere Fässer Ruster Ausbruch der Sorte Furmint zur Freistadt geadelt. Das brachte der Storchenstadt nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch das Recht und die Pflicht, die eigene Geschichte aufzuzeichnen und für die Nachwelt festzuhalten. Und diese Pflicht wurde in den folgenden Jahrhunderten durchaus ernst genommen.

„Einzigartiger Schatz“ unter dem Ruster Seehof

© BVZ, Peter Wagentristl

Im Ruster Stadtarchiv im Keller des Seehofes lagern unzählige Ratsprotokolle, Grundbücher, Melderegister und viele andere historische Aufzeichnung. „Der gute Zustand der Dokumente, die bauliche Qualität der Archivräume und sorgfältige Aufbewahrung sind hier vorbildlich“, lobt etwa Historiker Martin Krenn den Fundus in der Storchenstadt. Gemeinsam mit dem Ruster Chronisten Wolfgang Bachkönig durchforstet er derzeit den Bestand und stellt eine Inventur an.

Von Galgen, Reformation und Ackerbau am See

Auf Initiative von Bürgermeister Gerold Stagl werden dabei die historischen Dokumente katalogisiert, systematisch geordnet und sollen den Rustern und allen Interessierten zugänglich gemacht werden. Nicht nur die Gegenstände vor Ort, auch das Archiv selbst hat bereits lange Tradition: „Wir fanden ein Testament aus 1850, in dem vermerkt ist, dass das Dokument im Ruster Stadtarchiv aufbewahrt werden soll“, erklärt Archivar und Ex-Polizist Bachkönig beim Besuch der BVZ. Mindestens so lange werde der Fundus also bereits systematisch gepflegt.

Den Stellenwert der Sammlung unterstreicht auch der Umstand, dass das Archiv im Jahr 1944 nach Unterpullendorf übersiedelt wurde, um zu verhindern, dass die Zeitdokumente dem Krieg zum Opfer fielen. Nach dem Krieg wurden sie zurück nach Rust gebracht.

„Einzigartiger Schatz“ unter dem Ruster Seehof

© BVZ, Peter Wagentristl

Im Archiv finden sich auch einzigartige Aufzeichnungen zur letzten gänzlichen Austrocknung des Neusiedler Sees in den 1870er-Jahren und die Versuche der Bauern, die neu gewonnene Fläche landwirtschaftlich zu nutzen - bis das Wasser wiederkam. Oder zur Geschichte der Reformation, für die Rust nicht unbedeutend war, was sich auch im Titel „Reformationsstadt Rust“ widerspiegelt.

Nicht nur die großen regionalen Ereignisse wie die letzte Austrocknung des Neusiedler Sees oder die Eingliederung in den österreichischen Staat sind im Stadtarchiv dokumentiert. Es sind auch die kleinen Details, die für die Ruster von Bedeutung sind. Etwa die Herkunft der Rieden-Bezeichnung „Goling-Riegel“: dieser leitet sich vom dort einst aufgestellten Galgen her, denn Rust hatte als Freistadt auch die sogenannte „Blutgerichtsbarkeit“.

„Einzigartiger Schatz“ unter dem Ruster Seehof

© BVZ, Peter Wagentristl

Für die Archivare ist nach abgeschlossener Bestandsaufnahme die Arbeit aber bei weitem noch nicht getan. Im Gegenteil, sie geht erst los: „Nun werden die Dokumente katalogisiert, fachgerecht verwahrt und für die schnelle Auffindung sortiert“, erklärt das Duo.

Stadt-Geschichte für die Bevölkerung öffnen

Ziel ist es, dass die Ruster schnell und einfach zu historischen Dokumenten kommen. „Wenn jemand etwa die Sterbeurkunde eines Vorfahren sucht oder Ratsprotokolle aus dem 19. Jahrhundert, sollen diese schnell auffindbar sein.“

Langfristiges Ziel ist eine Digitalisierung des historischen Fundus. Den Anfangen machen wichtige Dokumente, die besonders wertvoll für die Nachwelt sind. Aber diese Aufarbeitung der Vergangenheit ist derzeit noch Zukunftsmusik für die beiden Stadtarchivare Krenn und Bachkönig.